Ein Jahr nach Anschlag

Kurt Beck - der den Opfern zuhört

Im März ist Kurt Beck von der Bundesregierung zum Opferbeauftragten für die Hinterbliebenen des Anschlags ernannt worden. Ein Porträt.

Kurt Beck

Kurt Beck

Foto: RICARDA SPIEGEL

Vermutlich ist er ja so eine Art Idealbesetzung. Vieles spricht dafür. Weil er gut vernetzt ist, selbstsicher und sich auch von noch so widerspenstigen Gesprächspartnern nicht abschütteln lässt. Weil er die Spielregeln kennt in Ministerien und Behörden – und am Telefon durchgestellt wird, wo andere schon im Vorzimmer scheitern. Und weil er Verlässlichkeit ausstrahlt. „Er hat gute Augen. Ich habe ihm sofort geglaubt, als er mit mir sprach“, sagt Ali D.* „Er hat nichts versprochen, er hat gesagt, was möglich ist.“ Dass Kurt Beck 18 Jahre Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und zwei Jahre Vorsitzender der SPD war, habe er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gewusst.

Der 41-jährige Ali D. ist eines der Opfer des Terroranschlages auf dem Breitscheidplatz. Kurt Beck besuchte ihn im Krankenhaus. Das geschah nur wenige Tage, nachdem Beck den Anruf von Justizminister Heiko Maas bekam: Ob er sich vorstellen könne, den Posten als Beauftragter für die Opfer vom Breitscheidplatz zu übernehmen? Es war ein Ferngespräch. Beck weilte gerade in seiner Funktion als Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kenia. Er hat einen Schlaganfall hinter sich, hätte sich eigentlich mit weiteren Aufgaben zurückhalten müssen. „Ich habe nach kurzer Überlegung zurückgerufen und zugesagt“, sagt der 68-Jährige. „Ich wäre mit mir selber nicht ins Reine gekommen, wenn ich zur Selbstschonung Nein gesagt hätte.“

Am 8. März 2017 wurde Beck von der Bundesregierung offiziell zum Opferbeauftragten bestellt. Mit der Arbeit begonnen hatte er vorher schon. „Für mich war schon wichtig, ganz schnell anzufangen. Es war eh schon zu viel Zeit vergangen zwischen dem schrecklichen Ereignis und der Bestellung“, erinnert er sich. Er habe sich ein Konzept erarbeitet, sei damit zu den Verantwortlichen gezogen: Bundesinnenminister Thomas de Maizière, die damalige Arbeitsministerin Andrea Nahles und Heiko Maas; involviert war auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller.

Becks Bedingung war, „unabhängig zu sein, nicht weisungsgebunden, damit ich kritische Dinge nicht abstimmen muss, sondern sie aus meiner Verantwortung zusammen mit meinen Mitarbeitern bearbeiten kann“. Diese Forderungen wurden sofort akzeptiert. Und dann ging es auch gleich los. „Wir haben noch am selben Tag im Justizministerium eine Geschäftsstelle aufgebaut und am nächsten Tag die Anschreiben fertig gemacht, um alle Betroffenen zu erreichen“, sagt er. „Das ist in aller Eile aus dem Boden gestampft worden. So etwas hat es vergleichbar in der Bundespolitik noch nicht gegeben.“

Wer soll nun genau für die Opfer des Breitscheidplatzes sprechen?

Das alles führte anfangs zu Irritationen – zumindest in Berlin. Denn hier gab es mit dem Rechtsanwalt Roland Weber schon seit Oktober 2012 einen Opferbeauftragten des Senats. Der 51-Jährige war nach dem Attentat und dem anfänglichen Chaos von sich aus auf Verletzte und Angehörige zugegangen. Und er hatte sehr früh darauf hingewiesen, dass es Probleme bei den Entschädigungszahlungen geben würde, weil der Anschlag mit einem Lkw durchgeführt wurde. Und das Opferentschädigungsgesetz nach Angriffen mit einem Fahrzeug nicht angewendet werden kann. Drei Monate später kam Kurt Beck.

„Es gab keine Fingerhakeleien“, erinnert sich Weber. „Herr Beck und ich haben uns im Bundesinnenministerium getroffen und gleich sehr gut unterhalten.“ Beck habe Zusammenarbeit angeboten und betont, dass Weber und er sich selbst als Team sehen. „Ich war dankbar, dass er da war“, sagt Weber. „Schon weil mir ja sofort klar war, dass er mit seiner Reputation als Bundespolitiker ganz andere Türen öffnen kann.“

„Ich habe größten Respekt vor meinem Kollegen in Berlin“

Auch Beck ist von der Zusammenarbeit mit Weber angetan: „Ich habe größten Respekt vor meinem Kollegen in Berlin. Wir hatten von Anfang an eine sehr kollegiale Art, miteinander umzugehen. Er hat in den ersten Wochen als Einzelkämpfer eine tolle Arbeit gemacht. Je tiefer ich in die Materie einstieg, umso mehr habe ich das zu schätzen gelernt.“ Wenn einer nicht mehr weiter kam, sprach er mit dem anderen. Die Erstarbeit habe meist Weber geleistet, so Beck. Als Beispiel nennt er die Vermittlung von Traumata-Behandlungen an die Charité oder an andere Fachkliniken. „Solche Dinge hat Weber eingefädelt, und mein Team und ich haben dann die Entschädigungsfragen geregelt“, sagt Beck. Dabei war es Beck wichtig, „mit den Leuten in direkten Kontakt zu kommen, zu hören, was sie bewegt, wie man ihnen helfen kann“. Für einige seien diese Gespräche der erste Anstoß gewesen, „darüber nachzudenken, ob und wie ihnen geholfen werden könne“.

Manche kamen in sein Büro im Justizministerium. Andere besuchte er. Das ging manchmal quer durch die Republik. „Einige können bis heute nicht in ein Auto, einen Bus oder eine Bahn steigen, weil sie sofort Attacken kriegen“, sagt Beck. Er schätzt die Zahl seiner Gespräche auf 80, „vielleicht auch mehr“. Mit manchen habe er sich auch mehr als einmal getroffen. Fällt ein Name, kann er sofort sehr detailliert eine Geschichte erzählen.

„Herr Beck hat mir lange zugehört und mir seine Hilfe zugesagt“

Mit dem 39-jährigen Petr Čižmár traf er sich in Hildesheim. Der promovierte Physiker aus Tschechien hat bei dem Anschlag seine Ehefrau Nada verloren. Sie haben einen sechs Jahre alten Sohn. „Ich habe Herrn Beck erzählt, wie mein Leben als plötzlich alleinerziehender Vater jetzt aussieht“, sagt Čižmár. Das Wichtigste sei damals für ihn der Umzug nach Dresden – „da waren wir näher bei den Verwandten in Tschechien“ – und die Einschulung seines Sohnes gewesen. „Herr Beck hat mir lange zugehört und seine Hilfe zugesagt.“ Čižmár hat jetzt eine neue Arbeit und eine Wohnung in Dresden. Sein Sohn wurde in einer Ganztagsschule untergebracht. Vor allem Becks Gespräche mit dem Oberbürgermeister von Dresden, Dirk Hilbert (FDP), halfen, Türen zu öffnen.

Auf die Frage, wie er diese Begegnungen mit Opfern und Angehörigen empfunden habe, schüttelt Beck abwägend den Kopf. Es sei nicht immer so sachlich wie mit Petr Čižmár zugegangen. „Ich habe Leute erlebt, die sind bei den Gesprächen regelrecht seelisch kollabiert, haben gezittert, geweint.“ Andere seien „verbittert und vorwurfsvoll“ gewesen. „Ich war für sie der Vertreter des Staates, der den Anschlag nicht verhindert hat. Aber das muss man akzeptieren. Ich habe mir in solchen Momenten gesagt: Wie würde ich denn reagieren, wenn mein Sohn oder meine Frau verletzt oder gar getötet worden wären? Wäre ich nicht auch verzweifelt?“ Das helfe, die Aussagen der Betroffenen zu relativieren und einzuschätzen, sagt er. „Wer hier das Wort auf die Goldwaage legt, darf so ein Amt nicht annehmen.“ Er glaube aber, dass es gelungen sei, „zu den meisten ein Vertrauensverhältnis herzustellen, sodass wir alle Möglichkeiten für die Hilfe organisieren konnten“.

„Wie schwer es Herrn Beck manchmal gefallen ist“

Das klingt sehr sachlich. Auf Nachfrage erzählt Beck, dass es „schon schlaflose Stunden gegeben“ und wie sehr ihn „das Schicksal dieser Menschen gepackt “ habe. Er könne sich dabei auch nicht zurück­nehmen. „Wenn man sich nicht öffnet, spüren das die Menschen ganz schnell.“ Sich zu öffnen heiße aber auch, selbst verletzbar zu sein.

Friederike Herrlich hat beobachtet, „wie schwer es Herrn Beck manchmal gefallen ist und wie tief bewegt er war“. Die 67-Jährige hat bei dem Terroranschlag ihren Sohn verloren. Christoph Herrlich war 40 Jahre alt, promovierter Jurist, erfolgreich im Beruf. Am 19. Dezember traf er sich mit einer Kollegin auf dem Weihnachtsmarkt. Er hatte die junge Frau noch hastig wegschieben und ihr so das Leben retten können, als der Lkw herandonnerte. Für ihn selbst blieb keine Zeit mehr. Seine Mutter und sein Bruder gehörten zu den Initiatoren des offenen, sehr kritischen Briefes an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Diese Kritik richtet Friederike Herrlich aber ausdrücklich nicht an Beck. Der sei für sie „ein Politiker von Format“, der sich „sehr engagiert, viel geholfen und nicht versteckt hat. Auch wenn es schwierig wurde.“

Beck hat nicht gewartet, bis er gerufen wurde. So war es sein dringender Wunsch, Schwerstverletzte wie Sascha Hüsges zu besuchen. Der 44-Jährige hatte am 19. Dezember auf dem Breitscheidplatz nur helfen wollen. Er wurde dabei am Kopf verletzt, brach wenig später zusammen. Diagnose: schwere Hirnblutung. Seitdem ist er vollständig gelähmt, kann nur noch die Augenlider bewegen. Beck stand im Krankenhaus tief bewegt an Hüsges Krankenbett. Neben ihm der Mann des Opfers, Hartmut Hüsges. Der sagt, dass er mit Beck „gute Gespräche“ geführt habe. Finanziell jedoch müsse noch vieles geklärt werden.

Die Polizeipannen im Zusammenhang mit Amri beschäftigen ihn

Als Beck von Sascha Hüsges erzählt, wird seine Stimme ganz leise. Das Gegenteil ist der Fall, als das Thema auf die Polizeipannen im Umgang mit dem Terroristen Anis Amri kommt: „Wenn mir vorher einer erzählt hätte, so etwas gibt’s in Deutschland, nö“ – er schüttelt den Kopf. „Ich hätte ihm geantwortet, das ist übertrieben, das gibt es bei uns nicht.“ Es sei menschlich, dass mal ein einzelner Fehler passiere. „Aber diese Abfolge von Fehlern und bewusster Vertuschung, die Änderung von Protokollen, das Wegdrücken eines automatischen Hinweissystems in Polizeidateien – man muss es jetzt glauben, weil es so war, aber vorher hätte ich es für nicht möglich gehalten“, sagt er und schlägt mit flachen Hand auf den Tisch. Für Opfer und Angehörige sei es „etwas unendlich Schmerzendes“, von diesen Fehlern hören zu müssen. „Die fragen sich nach dem Warum. Warum musste meine Frau, mein Mann, mein Sohn ums Leben kommen? Und die Antwort ist für die: Weil solche Fehler gemacht worden sind und ein Verbrecher sein Verbrechen vorbereiten und umsetzen konnte, ohne dass versucht worden ist, ihm massiv in den Arm zu fallen.“

Bei der Gedenkstunde auf dem Breitscheidplatz am Dienstag wird Beck einigen Opfern und Angehörigen noch mal begegnen. Bis zum Abschlussbericht wird es bis Ende März dauern. „Wir haben noch viele laufende Fälle und schwierige Detailfragen“, sagt er. Und es melden sich noch weitere Opfer. Vor wenigen Tagen habe ihn ein Arzt aus München angerufen, der eine schwer traumatisierte Frau behandelt. „Sie war bisher auf keiner Liste. Wir vermuten, dass sie damals geschockt in den Zug gestiegen und nach München gefahren ist.“ Bis in den November hinein war sie stationär in Behandlung. Jetzt ist sie ein Fall für Beck.

(*Name auf Wunsch des Betroffenen geändert)

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