Ein Jahr nach Anschlag

„Nur wenn wir reden, können wir verarbeiten“

Feuerwehrmann Frank Hoedt war am Abend des Anschlags im Einsatz - und am Breitscheidplatz der Erste vor Ort.

Feuerwehrmann Frank Hoedt auf dem Breitscheidplatz

Feuerwehrmann Frank Hoedt auf dem Breitscheidplatz

Foto: Reto Klar

Es sind diese dunklen Augen einer Frau, die Frank Hoedt immer wieder anblicken. Sie tauchen auf, wenn er weit weg ist von Einsatzstellen, Martinshörnern, Feuerwachen. Beim Einschlafen zum Beispiel oder beim Fernsehen. Sie ziehen ihn immer wieder aufs Neue zurück an den Breitscheidplatz. Es ist dann wieder 20.11 Uhr, am 19. Dezember 2016. Vor ihm die zerstörten Weihnachtsbuden, die Lichterketten, die Stille. „Wie sollen wir das bloß schaffen?“, denkt der Feuerwehrmann. Dann setzen die Automatismen ein. Er ist der Erste vor Ort, organisiert den Rettungsdienst, sichtet vor. Hoedt schätzt zehn Schwerverletzte, zehn Leblose, alarmiert über Funk nach.

Bei einer Großlage wie dieser hat jeder seine Aufgabe, das Einsatzkonzept entfaltet sich wie eine akkurat einstudierte Choreografie. Bereitstellungsräume werden gebildet, Unterabschnitte und Patientenablagen, Funktionen zugeteilt, Funktionen ausgeführt.

Die Augen dieser Frau standen in keinem Konzept. Sie zieht Hoedt am Arm, sagt; „Mein Mann, mein Mann.“ Aber Hoedts Aufgabe ist eine andere: Verletzte kategorisieren. Damit sorgt er dafür, dass die Retter als Erstes denen helfen, denen noch zu helfen ist. Wieder taucht die Frau vor ihm auf. „Kommen Sie. Schnell!“ Etwas zupft an seinem Hosenbein. Da liegt jemand. Hoedt will mit der Frau mitgehen. Und läuft doch weiter.

Alle Berichte über den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt

„Der Doc sagt, das ist die Erfahrung. Man fällt zurück in sein Muster, in seine Funktion“, sagt Frank Hoedt heute. Längst weiß er: Beim Einsatz nach dem ersten islamistischen Anschlag in Berlin hat die Feuerwehr alles richtig gemacht. Keiner der zwölf Toten hätte noch gerettet werden können, das hat die Gerichtsmedizin bestätigt. Trotzdem haben ihn die dunklen Augen immer wieder vor Fragen gestellt. Lebt ihr Mann noch? Hätte ich etwas tun können?

Frank Hoedt sagt: „Die Leute denken, Feuerwehrmänner, das sind die harten Jungs, die gehen da rein, wo alle rausrennen.“ Und das stimmt. Und doch folgt auf den Satz ein Aber.

64 Dienstunfallanzeigen hat die Berliner Feuerwehr nach dem Einsatz am Breitscheidplatz aufgenommen. Viele der Verletzungen waren unsichtbar. Bei wie vielen eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert wurde, wie bei Frank Hoedt, dazu will die Feuerwehr keine Angaben machen. Aber Hoedt dürfte nicht der Einzige sein, der noch immer in psychologischer Behandlung ist.

Dass er einen Doc braucht, wie Hoedt seinen Psychologen nennt, um mit dem Trauma vom Breitscheidplatz umgehen zu können, zu dieser Erkenntnis kam er erst Wochen nach dem Anschlag. Denn Einsatzorte mit Verletzten und Toten sind für den ausgebildeten Rettungsassistenten Alltag.

Retter werden darin geschult, mit dem Grauen umzugehen

35 seiner 54 Lebensjahre hat Hoedt bei der Berufsfeuerwehr verbracht. Er hat abgetrennte Köpfe gesehen, Arme, Beine und Därme auf Eisenbahnschienen eingesammelt. „Damit habe ich kein Pro­blem“, sagt Hoedt. Wenn man auf manchen Wachen ein bis zwei Todesfälle am Tag mitbekommt, stumpfe man eben ab. In der psychiatrischen Forschung heißt das Kompartimentalisieren. Der Laie würde sagen, man steckt Erlebnisse in unterschiedliche Schubladen, auf einer steht „Beruf“ drauf, auf der anderen „Privatleben“. Ein effizienter Verarbeitungsmechanismus. Professionelle Retter werden darin geschult, mit dem Grauen umzugehen. Aber das klappt nicht immer. Wenn Kleinkinder beteiligt sind, greifen die Strategien nur bedingt. Hoed­t erinnert sich an eines, das an einem Kuscheltuch erstickt ist, an ein anderes, das durch den Föhn der Mutter in der Badewanne umkam. Es ist wohl die Unschuld, mit der Kinder in den Tod gehen, die solche Erlebnisse unerträglich machen. Aber erst der Einsatz am Breitscheidplatz wurde für Frank Hoed­t zum Trauma. Auch dabei spielt die Unschuld der Opfer eine Rolle.

Hoedt hatte schon 13 Stunden Einsatz auf der Feuerwache Suarez in Charlottenburg hinter sich, als er zum Breitscheidplatz gerufen wurde. Dass es sich um einen Anschlag handelt, ahnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. „Nur so konnten wir so viele Leute retten“, sagt Hoedt. Denn wäre von Anfang an eine Terrorlage ausgerufen worden, hätte die Polizei erst den Einsatzort freigeben müssen. So aber konnten bereits etwas mehr als zwei Stunden nachdem Hoedt auf dem Breitscheidplatz angekommen war, alle Krankentransporte abgeschlossen werden. Die Einsatzkonzepte haben gegriffen. Aber im Nachhinein waren nicht nur die dunklen Frauenaugen ein Anzeichen dafür, dass dieser Einsatz Spuren hinterlässt.

Die Frau sagte: „Ich glaube, ich schaffe es nicht“

Da war der Kollege, den Hoedt kurz darauf in der Schneise traf, die der Lkw durch den Weihnachtsmarkt gefräst hatte. Auch er hatte zunächst die Aufgabe, zu sichten. Einer jungen Frau hatte er gerade eine Folie mit einem roten Kärtchen umgehängt. Kategorie I, akute vitale Bedrohung. Hoedts Kollege sagte: „Da kommen gleich die nächsten, die holen Sie.“ Die Frau sagte: „Ich glaube, ich schaffe es nicht.“ Und schloss die Augen. Als er sich zur nächsten Frau beugte, der er ein rotes Kärtchen umhängen musste, sagte er zu Hoedt: „Unter meinen Armen stirbt hier keiner mehr.“ Das Einsatzkonzept, die Normalität im Unnormalen, sie bekamen Risse.

Irgendwann drang die Nachricht vom Anschlag zu Hoedt durch. Die Anspannung stieg. Ständig wollte jemand Anweisung, Klarheit, Vergewisserung. Bloß keine Fehler machen. Irgendwann gab Hoedt seine Weste mit dem Funkgerät ab, konnte nicht mehr. Er lief am Bikinihaus entlang, rauchte und dachte: „Was ist hier los? Das ist jetzt nicht mehr nur im Fernsehen.“ Der Terror in Berlin war Realität geworden.

Nach Mitternacht nahm Hoedt seine Einsatzkräfte beiseite. Die Bergung der Toten unter dem Lkw stand an. „Auch wenn ihr schon lange dabei seid, das wird kein schöner Anblick“, sagte Hoedt. Fünf Stunden arbeiteten sich die Rettungskräfte Zentimeter um Zentimeter vor. Hoedt sollte recht behalten.

Die Nähe des Breitscheidplatzes meidet er bis heute

Zu Hause fiel er in einen tiefen, dunklen Schlaf. „Ich war ausgebrannt“, sagt Hoedt heute. Dann kamen die Intrusionen. So nennen Experten die Bilder und Gefühle, die immer wieder den Alltag einreißen. Die Augen der Frau, der Kollege, der niemanden mehr sterben lassen wollte, die Körperteile unter dem Lkw.

Wenn auf dem Heimweg nach der Arbeit am Potsdamer Platz viele Menschen in die Bahn stiegen, platzte dieses Gefühl rein, es klemmte irgendetwas in Hoedts Bauch ein, trieb den Puls hoch. Hoedt war wie im Rausch, blickte hektisch umher. Er hatte Angst. Die Nähe des Breitscheidplatzes meidet er bis heute.

Einmal saß er vor dem Fernseher: Sah ein unverhofftes, kitschiges Widersehen beim Bergdoktor. Frank Hoedt weinte. Das passierte ihm jetzt ständig. Immer wieder dachte er an die Ungerechtigkeit, mit der der Lkw durch den Weichnachtsmarkt gepflügt ist, Menschenleben beendet hat, die nichts mit der Wahnwelt des Attentäters verbindet.

„Der salzige Geruch der Meeresluft kräftigt Sie“

Die Geschichte von Frank Hoedt zeigt, dass sich Politiker noch so oft auf den Breitscheidplatz stellen und sagen können: Die Terroristen werden uns nicht einschüchtern. Die, die der Anschlag persönlich betrifft, werden die Bilder ihr Leben lang nicht loswerden. Aber sie können lernen, damit umzugehen. Auch das zeigt die Geschichte von Frank Hoedt.

Frank Hoedt stieg dafür immer wieder eine Treppe zum Strand herunter. Wenn die Gefühle ihn in der U-Bahn überfluteten, setzte er sich Kopfhörer auf, und drückte auf einer App namens „Coach - Posttraumatische Belastungsstörung“ auf „Innere Bilder - Strand“. Dann hörte er eine sanfte Frauenstimme sagen: „Der salzige Geruch der Meeresluft kräftigt Sie und Sie nehmen einen tiefen Atemzug.“ Damit konnte Hoedt die dunklen Gedanken vertreiben.

Mit dem Doc hat er wieder und wieder über den Einsatz gesprochen, ist jeden einzelnen Schritt durchgegangen. So hat er gelernt, die Erinnerungen zu akzeptieren, über sie zu sprechen, und trotzdem ruhig zu bleiben. Heute hält er Vorträge über den Einsatz, und über seine Gefühle. Er sagt: „Nur wenn wir reden, können wir das verarbeiten.“

Mit dem Doc war er drei Monate nach dem Anschlag wieder am Breitscheidplatz. Exposition nennen die Psychologen die angeleitete Konfrontation mit dem traumatischen Erlebnis. Auch das hilft.

Am kommenden Dienstag, am Jahrestag des Anschlags, wird Frank Hoedt wieder auf der Feuerwache Suarez im Einsatz sein. Auf dem gleichen Wagen wie damals.

Mehr zum Thema:

Breitscheidplatz: Ein Jahr nach dem Anschlag - Was bleibt?

„Diese Abhängigkeit, das macht mich verrückt“

„Wir müssen den Opfern ein Gesicht geben“

Protokoll des Anschlags - die ersten drei Tage

Kurt Beck - der den Opfern zuhört