Ein Jahr nach Anschlag

„Diese Abhängigkeit, das macht mich verrückt“

Ali D. wollte nach dem Terroranschlag helfen und wurde beim Zusammenstürzen einer Bude schwer verletzt.

Breitscheidplatz-Opfer

Breitscheidplatz-Opfer

Foto: Michael Mielke / BM

Ali D.* kann die Geschichte immer noch nicht richtig erzählen. Er fängt an zu zittern, wenn er versucht, sich zu erinnern. Sein rechtes Knie wippt, und er versucht, es mit beiden Händen festzuhalten. Der Rollstuhl vibriert. Aber er will jetzt loswerden, was er erlebte, und sich auch nicht abhalten lassen von seinem Zuhörer, der ihm erschrocken gegenübersitzt und ihn zu beruhigen versucht.

Es sind Erinnerungsfetzen: wie er am 19. Dezember vergangenen Jahres am Kurfürstendamm die U-Bahn verlässt und bei Karstadt ein Weihnachtsgeschenk für seinen zwölfjährigen Sohn kauft. Der Weg führt ihn anschließend in Richtung Breitscheidplatz. Er hört plötzlich ein lautes Rumsen, sieht noch, wie der Lkw zum Stehen kommt. Der Strom ist unterbrochen. Es ist dunkel. Er schaltet an seinem Handy die Lampe ein. Geht hin zum, wie er denkt, Unfallort. Will helfen. Betritt eine Weihnachtsbude, die schief steht, weil sie von dem Lkw getroffen wurde. Sieht in dem Licht seiner Handy-Lampe Menschenkörper liegen. Bei zweien erfasst er sofort, dass sie tot sind. Eine dritte Person – er weiß nicht mehr, ob Mann oder Frau – schleppt er nach draußen.

Auf dem Tisch ist ein Zettel, auf dem Ali D. skizieren wollte, von wo er kam und wo sich alles abspielte. Es wird keine Skizze. Sein Hand rast auf und ab, es sieht am Ende aus wie die Ausdruck eines Seismografen. Er spricht von diesem Feuer, das er plötzlich entdeckt. Eigentlich nur eine zuckende Flamme. Direkt an einer Gasflasche. „Ich habe nur noch gedacht, ich muss hin und die Flasche zudrehen“, sagt er und atmet heftig, als stünde da immer noch und neben ihm die brennende Propangasflasche. „Ich dachte, ich muss das jetzt tun, sonst geht das Ding hoch wie eine Bombe.“ Er schafft es auch noch, das Ventil zuzudrehen, verbrennt sich dabei an den Händen, will die Bude verlassen, kommt bis zur Tür – dann bricht das Häuschen über ihm zusammen. Er weiß noch, dass er an den Füßen in ein Zelt geschleift wurde, glaubt, sich an „einen riesengroßen Polizisten, der mich an den Füßen zog“ zu erinnern. Dann ist alles dunkel. Tage später erwacht er im Krankenhaus aus dem Koma. Seitdem ist Ali D. gelähmt, kann sich nur im Rollstuhl bewegen, hadert mit dem Schicksal. Er ist 41 Jahre alt, ein schlanker, sportlicher Mann.

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Der Opferbeauftragte Kurt Beck spricht bei Ali D. von einem „schwierigen Fall“. Es sei nicht klar, warum er sich nicht mehr bewegen kann. Ärzte sprechen in solchen Fällen von einer „traumabedingten Lähmung“. Und keiner kann sagen, ob Ali D. irgendwann wieder gehen kann oder ob er den Rest seines Lebens derart stark behindert bleibt. Die Zeit läuft gegen ihn. Je mehr Tage vergehen, umso weniger wahrscheinlich ist es, dass die Lähmung zurückgeht.

Aber Beck meint nicht nur die körperlichen Verletzung. Bei Ali D., der bis vor wenigen Tagen im Krankenhaus war, scheint alles kompliziert zu sein. Er ist geradezu das Paradebeispiel, wie dringend die von den beiden Opferbeauftragten Kurt Beck und Roland Weber geforderte zentrale Anlaufstelle ist, bei der alles in kompetente Hände gelegt und organisiert wird.

Bei Ali D. , der immer wieder depressive Schübe hat und antriebslos ist, ging in den letzten Monaten vieles schief. Er kam 1997 mit 20 Jahren als Kriegsflüchtling aus dem Libanon nach Berlin, hat in einem Büro eines Steuerberaters gearbeitet, später bei einem Verwandten auf dessen Autoplatz ausgeholfen. Zuletzt führte Ali D. ein eigenes, kleines Geschäft, mit dem er mehr schlecht als recht über die Runden kam.

Die meiste Hilfe bekommt Ali D. von einer Cousine

2001 hatte er eine Berlinerin geheiratet. Sie haben sich schon seit Jahren auseinandergelebt, seit 2009 hat er in Friedrichshain eine eigene Wohnung. Auch die Scheidung lief schon vor Dezember 2016. Aber es hat ihn dann doch hart getroffen, als vor drei Wochen der Brief vom Familiengericht im Krankenhaus ankam, mit der Information, dass sie jetzt offiziell geschieden seien. Seine Ex-Frau und der gemeinsame Sohn kommen ihn aber weiterhin besuchen. Ali D. denkt viel an den Sohn. Er fürchtet, der Junge könnte enttäuscht von ihm sein, weil er so hilflos im Rollstuhl sitzt. Und es ist ihm unendlich wichtig, für den Sohn ein Weihnachtsgeschenk zu haben.

Die meiste Hilfe bekommt Ali D. von einer Cousine. Ihre Zeit ist knapp. „Sie hat fünf Kinder, macht gerade eine Umschulung zur Altenpflegerin“, sagt er. „Ich frage sie nur, wenn es unbedingt nötig ist.“ Auch andere Verwandte kümmern sich, so weit es ihnen möglich ist. „Sie haben alle eigene Familien und eigene Sorgen und Probleme.“

Bei einem Bruder wohnte Ali D. im Sommer einige Wochen, bevor er wieder ins Krankenhaus kam. Es war ein Test, wie es klappen kann ohne die Schutzhülle Krankenhaus. Der Test ging daneben. Die Wohnung des Bruders befindet sich im vierten Stock, ohne Fahrstuhl. Da sei ihm die Behinderung erst einmal richtig bewusst geworden, sagt Ali D. „Die haben mich nach oben getragen.“ Der Bruder reiste kurz darauf in den Libanon. Zurück als Betreuer blieb nur ein 15-jähriger Neffe, der sich Mühe gab, aber letztlich überfordert war. „Diese Abhängigkeit, das macht mich verrückt. Ich bin in einem Loch!“, sagt Ali D.

Die Wohnung kann Ali D. ohnehin nicht mehr nutzen

Im Nachhinein wird klar: Die Kontakte mit Kurt Beck und Roland Weber und auch die Zuwendungen eines Mitarbeiters der Opferorganisation „Weißer Ring“ reichten nicht. Ali D. hätte einen geschulten Einzelhelfer gebraucht, der alles koordiniert, die amtlichen Briefe an Ali D. liest, beantwortet und fristgerecht auf Forderungen eingeht. So hätte verhindert werden können, dass Mietschulden entstehen und Ali D. die Wohnung gekündigt wird. Das macht ihm schwer zu schaffen. Auf seinem Konto flossen Spendengelder ein. Es gab keinen Grund für Schulden. Er selbst nahm das aber gar nicht wahr. Die Mietschulden sind inzwischen getilgt. Der Vermieter hat, als er von Ali D.s Schicksal erfuhr, Aufschub gewährt. Die Wohnung selbst kann Ali D. ohnehin nicht mehr nutzen, weil sie mit dem Rollstuhl nicht erreichbar ist. Er braucht jetzt dringend eine rollstuhlgerechte Wohnung. Das ist vermutlich auch für seine Heilung wichtig, weil er dann endlich zur Ruhe kommt.

Seit einigen Wochen kümmern sich Mitarbeiterinnen des Sozialverbandes VDK Berlin-Brandenburg um ihn. Sie helfen Ali D. bei verschiedensten Antragsverfahren. Das reicht von der Anerkennung als Schwerbehinderter über die Weiterführung des Opferentschädigungsverfahrens, die Festlegung des Pflegegrades, Zahlungen der Unfallkasse, die ihm als Nothelfer zustehen, bis hin zur Beratung über eine Rente für Erwerbsunfähigkeit und dem Antrag auf Ausstellung eines Wohnberechtigungsscheines .

Und es gibt noch ein Verfahren, das Ali D. sehr am Herzen liegt: Er möchte die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Bislang hat er nur den Status einer Duldung. Kurt Beck hat Kontakt mit Behörden aufgenommen. In der letzten Woche kam ein Brief mit Unterlagen, die Ali D. ausfüllen muss. Die Chancen stehen also gut, dass er deutscher Staatsbürger werden kann. Er hat anderen Menschen geholfen und für sie seine Gesundheit gelassen. Nun endlich eingebürgert zu werden, wäre wohl das Mindeste.
(*Name auf Wunsch des Betreffenden geändert)

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