Ein Jahr nach Anschlag

„Wir müssen den Opfern ein Gesicht geben“

Beim Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt verlor Petr Cižmár seine Frau. Alle sollen wissen, wer die 34-jährige Nada Čižmár war.

Petr Cižmár hat bei dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz seine Frau verloren. Jetzt erzieht er den Sohn alleine

Petr Cižmár hat bei dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz seine Frau verloren. Jetzt erzieht er den Sohn alleine

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

Der gebürtige Tscheche Petr Čižmár, 39 Jahre, ist promovierter Physiker. Bevor er spricht, wägt er die Worte ab. Nach mehr als einer Stunde Gespräch über den Anschlag am Breitscheidplatz und seine Folgen, hält er inne, denkt nach, und sagt: „Ich hatte in den ersten Wochen das Gefühl, dass die Deutschen das Thema ganz schnell vergessen wollen. Wir müssen aber darüber sprechen, was da passiert ist. Wir müssen den Opfern ein Gesicht geben“, sagt er. Dass es am Breitscheidplatz ein Mahnmal mit den Namen der Opfer geben wird, findet er gut. Alle sollen wissen, wer die 34-jährige Nada Čižmár war. Am Breitscheidplatz sind keine anonyme Unbekannten zu Tode gekommen, sondern echte Menschen mit echten Leben.

Petr Čižmár lernte seine Frau vor zehn Jahren in den USA kennen. Sie suchte damals nach Landsleuten, um in ihrer Muttersprache sprechen zu können. Čižmár meldete sich. Beide verliebten sich ineinander und heirateten in den Staaten. Dort kam auch ihr Sohn David zur Welt, bevor das Paar nach Deutschland ging. Nada Čižmár war Logistikerin und arbeitete für eine tschechische Firma in Berlin. Petr Čižmár wohnte in Braunschweig und arbeitete für ein Unternehmen in Hildesheim. Vor dem Anschlag lebte das Ehepaar seit zwei Jahren getrennt.

Nun ist Petr Čižmár seit einem Jahr alleinerziehender Vater. Bereits im August zog er von Braunschweig nach Dresden. Er fand eine neue Arbeit und wollte näher an seinen und Nadas Eltern sein. David ist mittlerweile sechs Jahre alt und geht in die erste Klasse. „Es gibt so viel zu organisieren“, sagt Čižmár. In seiner Wohnung stehen immer noch die Umzugskartons. Vollzeit-Job, Kinderbetreuung und dann all die Formalitäten nach dem Anschlag. Das alles hat Čižmár viel Kraft gekostet. Trotzdem muss es weitergehen. Mit fortschreitender Zeit hofft Čižmár, auch Antworten zu bekommen. Antworten, warum Anis Amri damals den Lkw in den Weihnachtsmarkt steuern konnte. Und was damals eigentlich passierte.

Alle Nachrichten zum Anschlag auf den Weihnachtsmarkt

Der 19. Dezember war für ihn ein ganz normaler Tag. Er brachte David in Braunschweig in den Kindergarten und ging zur Arbeit. Wie jeden Tag telefonierte er mit seiner Frau. Sie sprachen über David. „Sie hat mir noch gesagt, dass sie auf den Weihnachtsmarkt gehen möchte“, erinnert er sich. Am Abend, als er David von der Tagesmutter abgeholt hatte, kochte er Abendbrot, schaffte David ins Bett und ging wenig später selbst schlafen. Dass etwas in Berlin passiert ist, erfuhr Čižmár über Facebook-Anfragen, als er nachts auf sein Handy schaute. Eine Kollegin von Nada hatte geschrieben, dass seine Frau sich nicht melde. Am Anfang spielte Čižmár noch alle möglichen Varianten durch: Nada könnte verletzt worden sein, im Krankenhaus sitzen oder ihr Handy verloren haben. „Ich dachte, dass sie sich noch melden wird“, sagt er. Doch nichts passierte.

Am nächsten Morgen versuchte Čižmár, die Polizeihotline zu erreichen. Doch die war total überlastet. Čižmár musste also selbst nach Berlin reisen. Er fuhr erst zur Arbeit und bat seinen Chef um einen freien Tag, den er auch bekam. David brachte er in den Kindergarten und fragte von unterwegs seinen Bruder, der im tschechischen Brünn wohnt, ob er nach Braunschweig kommen und David später vom Kindergarten abholen kann. „Ich dachte, wenn ich nicht mit der Polizei reden kann, gehe ich einfach auf die Wache.“ Doch da sei er zu optimistisch gewesen. In Berlin angekommen, sagte der Polizist auf der Wache, dass er sich bei der Hotline melden solle. Čižmár gab eine Vermisstenanzeige auf.

„Wir wussten ja inzwischen, dass es mehr als 50 Verletzte gegeben hatte“

Eine Freundin, die in einem Krankenhaus arbeitet, gab ihm den Tipp, sich an die Leitstelle der Feuerwehr zu wenden. „Wir wussten ja inzwischen, dass es mehr als 50 Verletzte gegeben hatte“, sagt Čižmár. Wenn man wisse, dass er eine Frau suche, die 34 Jahre alt ist und alle Ausweisdokumente bei sich hat, dann müsste es theoretisch doch einfach sein, sie zu finden.

Čižmár , der promovierte Physiker, denkt in Wahrscheinlichkeiten. Er sammelt Informationen, wägt ab, schließt aus und kommt zu einem wahrscheinlichen Schluss. „Ich habe noch mal die Hotline angerufen. Dort wurde mir gesagt, dass die meisten Verletzten im Benjamin-Franklin-Krankenhaus liegen.“ Auf dem Weg dahin meldete sich ein Polizist des Landeskriminalamtes (LKA) und bat um ein Treffen. Er solle Identifizierungsformulare ausfüllen, sagte der LKA-Beamte am Telefon. Das war der Zeitpunkt für Petr Čižmár, ab dem er wusste, dass er seine Frau wahrscheinlich nicht wiedersehen wird. Er fuhr trotzdem ins Krankenhaus. Weit kam er allerdings nicht. Bereits der Pförtner sagte ihm, dass er gehen solle.

„Das ist schon irre. Fünf Tage Ungewissheit“

Mit Reisepass und Fotos ging Čižmár schließlich zur Polizei. Da war es bereits Mitternacht – einen Tag nach dem Anschlag. Mehr als zwei Stunden lang wurde von den Beamten bis ins kleinste Detail alles dokumentiert. Sie wollten wissen, wo Nada Muttermale habe. Doch damit nicht genug. Die Polizisten kündigten an, dass man am nächsten Morgen noch DNA-Proben, Fingerabdrücke und ein Zahnschema aus Nadas Wohnung brauche. Nachdem alle Formalitäten geklärt waren, fuhr Čižmár nach Braunschweig zurück. Bei der Polizei sagte man ihm, dass man bis zum 26.12. die Identifikation klären würde. „Das ist schon irre. Fünf Tage Ungewissheit“, sagt Čižmár heute.

Am Ende waren es zwei Tage Ungewissheit. Als sich am 22.12. um 20 Uhr die tschechische Botschaft meldete und einen Besuch des Botschafters ankündigte, wusste er, was das bedeutet: „Der Botschafter kommt nicht aus Berlin nach Braunschweig, um mir zu sagen, dass alles in Ordnung ist.“ Fünf Minuten nach dem Anruf klingelte die Braunschweiger Polizei und teilte ihm die Nachricht offiziell mit. Auch der tschechische Außenminister meldete sich einen Tag später und kondolierte.

Der schwierigste Moment für Čižmár kam, als die Polizisten wieder weg waren und sein Sohn neben ihm stand und wissen wollte, warum die Polizisten gerade da waren. Was sagt man in so einem Moment? „Ich habe ihm erzählt, dass Nada nicht wiederkommt. Es wäre nicht hilfreich gewesen, wenn ich es verschwiegen hätte“, sagt Čižmár. Bereits in den zwei Tagen der Ungewissheit hatte David seinen Vater gefragt, wo seine Mutter sei. „Er hat gemerkt, dass etwas anders ist als sonst“, sagt Čižmár. Er habe ihm erzählt, dass Mama verschwunden sei und von der Polizei gesucht werde. „David meinte noch, dass die Polizei Mama finden wird. Weil die Polizei alle findet und die Bösen immer fängt.“ Nur dieses Mal fing die Polizei die Bösen nicht.

Weihnachten verbrachte er mit der ganzen Familie in Tschechien

Am nächsten Morgen fuhr er wieder nach Berlin. Die tschechische Botschaft half Čižmár mit den Formalitäten der Überführung – einen Tag vor Heiligabend. Weihnachten verbrachte er mit der ganzen Familie in Tschechien. „Wir mussten gemeinsam entscheiden, wo und wann Nada beerdigt werden soll“, sagt er. „Das war unser Weihnachten. Wir haben versucht, das gemeinsam zu überstehen.“ Die Beerdigung fand schließlich am zweiten Januar in Veselí nad Lužnicí, in der Nähe von Budweis statt. Vom Beerdigungsinstitut bekam Čižmár alle Dokumente Nadas ausgehändigt. „Ich dachte immer, die seien verloren gegangen“, sagt er. Was das heißt? Die Behörden wussten die ganze Zeit, dass Nada unter den Toten ist – von Anfang an.

In den ersten Wochen nach dem Anschlag hat von offizieller Seite niemand mit Čižmár gesprochen. Der Erste war der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Danach kam Justizminister Heiko Maas (beide SPD), der ankündigte, dass Betroffene eine sofortige Härteleistung in Höhe von 10.000 Euro bekommen sollen. Auch einer Einladung des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck folgte Čižmár. Dort lernte er auch die anderen Betroffenen und den Berliner Opferbeauftragten Roland Weber kennen. Seit diesem Abend haben die Angehörigen eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe, in der sie sich regelmäßig austauschen. Denn viele haben wie Čižmár noch Fragen, die ihnen noch keiner beantwortete. Vor allem die, wie das alles passieren konnte. Und warum bis heute keiner dafür verantwortlich ist.

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