ICE-Strecke

Berlin-München - Fast so schnell wie mit dem Flieger

Die neue ICE-Strecke wird am Freitag eröffnet. Der Bahnchef sieht die Bahn jetzt auf Augenhöhe mit dem Flugzeug.

Die ICE-Neubaustrecke mit der Saale-Elster-Talbrücke, aufgenommen am 16.11.2017 bei Schkopau (Sachsen-Anhalt). Die Fahrzeit auf den 623 Kilometern zwischen Berlin und München sinkt nach Angaben der Deutschen Bahn für Fahrgäste im ICE-Sprinter um zwei auf knapp vier Stunden

Die ICE-Neubaustrecke mit der Saale-Elster-Talbrücke, aufgenommen am 16.11.2017 bei Schkopau (Sachsen-Anhalt). Die Fahrzeit auf den 623 Kilometern zwischen Berlin und München sinkt nach Angaben der Deutschen Bahn für Fahrgäste im ICE-Sprinter um zwei auf knapp vier Stunden

Foto: Martin Schutt / dpa

Berlin.  Es wird sie sicher geben: Diejenigen, die die beschauliche Fahrt durch den Thüringer Wald vermissen werden. Die allermeisten Reisenden werden sich aber über den großen Zeitgewinn freuen, der ab Sonntag bei einer Bahnfahrt in Richtung Süden möglich sein wird. Denn statt der bislang gut sechs Stunden wird der ICE von Berlin nach München künftig nur noch viereinhalb Stunden benötigen.

Der schnelle ICE Sprinter, der ab 10. Dezember dreimal am Tag fährt, wird die Isar gar in weniger als vier Stunden erreichen. Der amtierende Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) spricht von einem „Quantensprung“, von dem die Bahnkunden vor allem in den beiden wichtigen städtischen Ballungsräumen ab 10. Dezember profitieren werden.

Möglich wird der „Quantensprung“ durch den Abschluss des bislang größten und mit Gesamtkosten von zehn Milliarden Euro auch teuersten Bauvorhabens der Bahn nach der Wiedervereinigung, des 1991 beschlossenen Verkehrsprojektes Deutsche Einheit (VDE) Nummer 8. Unter diesem sperrigen Titel wird seit Mitte der 90er-Jahre die 500 Kilometer lange Bahntrasse zwischen Berlin und Nürnberg erneuert. Mal wurden bestehende Strecken – wie die zwischen Berlin und Leipzig – modernisiert, mal – wie zwischen Halle/Leipzig und Erfurt – komplett neue Trassen geschaffen.

Am Freitag nun wird mit zwei Sonderzügen und einem Festakt am Berliner Hauptbahnhof das letzte, aber auch wichtigste Teilstück der neuen „Schnellfahrstrecke Berlin–München“, der Abschnitt zwischen der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt und dem fränkischen Ebensfeld bei Bamberg in Betrieb genommen. Zugleich kündigte die Deutsche Bahn (DB) in diesem Zusammenhang den umfangreichsten Fahrplanwechsel seit 1994 an. Etwa 35 Prozent aller Fernzugverbindungen in Deutschland sind betroffen. Mehr als 17 Millionen Menschen werden bessere Anschlüsse und schnellere Fahrzeiten bekommen, verspricht das bundeseigene Verkehrsunternehmen.

„Ein neues Zeitalter der Mobilität“

Bahnchef Richard Lutz, für den mit der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke nichts weniger als „ein neues Zeitalter der Mobilität“ beginnt, sieht die Bahn auf der Distanz Berlin–München nun auf Augenhöhe mit dem Flugzeug. Seine Rechnung: Die Anreisen zu den Flughäfen und alle Check-in-Prozeduren eingerechnet, reist der Flugpassagier nicht mehr viel schneller als der Bahnkunde, der wiederum von günstigeren Fahrpreisen und mehr Reisekomfort profitieren kann.

Mit der angekündigten Angebotsverbesserung könnte die Bahn ihr Ziel erreichen, auf der Strecke Berlin–München viele neue Kunden zu gewinnen. Grob gerechnet nutzen bislang vier von zehn Reisenden auf der rund 600 Kilometer langen innerdeutschen Distanz das Flugzeug, drei von zehn fahren mit dem eigenen Auto, zwei steigen in den Zug und einer in den Fernbus ein. Das erklärte Ziel der Bahn ist, ihren eigenen Marktanteil von 20 auf 40 Prozent zu verdoppeln und das Flugzeug als Marktführer abzulösen. In absoluten Zahlen ausdrückt, bedeutet dies einen Anstieg von 1,8 auf 3,6 Millionen Fahrgäste im Jahr. Damit die Neukunden nicht durch fehlenden Komfort abgeschreckt werden, will die Bahn ihr Sitzplatzangebot deutlich erhöhen: an Werktagen von heute rund 10.000 auf künftig 20.000 Plätze. Noch mehr Platz soll es ab Dezember 2018 geben. Dann werden auf der Relation auch die neuen ICE4 mit bis zu 830 Sitzplätzen pro Zug eingesetzt. Der ICE3, der als Sprinter zwischen Berlin und München fährt, bietet etwa 450 Sitze.

Keine starken Preissteigerungen

Ob die Rechnung speziell zu nachfragestarken Zeiten wie etwa am Freitag- oder Sonntagnachmittag aufgeht, muss sich noch zeigen. Befürchtungen, dass die Bahn ihre Kunden mit ihrem neuen Angebot kräftig schröpfen will, bestätigen Preisabfragen auf dem Buchungsportal www.bahn.de bislang nicht. Danach kostet ein reguläres Flexpreis-Ticket für die zweite Klasse (ohne Zugbindung, ohne BahnCard) sogar etwas weniger als vor Inbetriebnahme der neuen Schnellfahrstrecke. Für eine Fahrt von Berlin nach München verlangt die Bahn nach dem 10. Dezember 132 Euro (statt aktuell 134 Euro). Sparpreis-Tickets (mit Zugbindung) sind ab 59,90 Euro (nach Nürnberg) und 67,90 Euro (nach München) zu haben. Der von der Bahn noch im Oktober kommunizierte Standardpreis von 150 Euro für eine Fahrt von der Spree an die Isar wird aktuell selbst für die ICE-Sprinter nicht verlangt. Zuschläge von 11,50 Euro, wie es sie für die extraschnellen Verbindungen einmal gab, hatte die Bahn bereits 2016 abgeschafft.

Hinter der, zumindest zum Start der neuen Verbindung, eher verhaltenen Preispolitik könnte die Befürchtung stehen, die anvisierten neuen Kunden – vor allem Geschäftsreisende – mit allzu teuren Tickets nicht gleich zu verprellen. Zwar sind nach dem Aus von Air Berlin Flüge zwischen Berlin und München knapp – und dementsprechend teuer. Quasi-Monopolist Lufthansa verlangt aktuell mindestens 161 Euro für ein One-Way-Ticket in der Economy Class, doch zu nachfragestarken Zeiten kostet das Ticket 350 Euro und mehr.

Easyjet fliegt ab Januar ab 59 Euro nach München

Die Lage dürfte sich auch bald ändern. Zu Jahresbeginn steigt Billigflieger Easyjet, der Teile der insolventen Air Berlin gekauft hat, in den innerdeutschen Flugverkehr ein. Unter den vier Zielen, die die Briten vom 5. Januar an ab Berlin-Tegel anfliegen werden, gehört neben Frankfurt am Main, Stuttgart und Düsseldorf eben auch München. Dorthin will Easyjet immerhin 102 Mal pro Woche fliegen, Tickets sind bereits buchbar – ab 59 Euro. Der Flugpreis liegt damit schon unter den Sparpreisangeboten der Bahn für eine Fahrt von Berlin nach München, die aktuell bei 67,90 Euro beginnen, für Fahrten etwa an einem Freitagnachmittag auch schon auf 105,90 Euro hochschnellen.

Wer nur auf den Preis schaut, für den bleibt der Fernbus das Verkehrsmittel der Wahl. Bei Marktführer Flixbus sind selbst bei kurzfristiger Buchung Tickets ab 25 Euro zu bekommen. Wer längerfristig bucht, kann in den grün-orangenen Bussen bereits für 22 Euro mitfahren, muss für die Fahrt von Berlin nach München aber mindestens acht Stunden einplanen.

Visit Berlin hofft auf mehr Touristen aus dem Süden

Berlin erhofft sich von den neuen Reisemöglichkeiten auch einen weiteren Zuwachs an Besuchern, die Geld in die Stadt bringen. „Die neue Bahnverbindung ist ein wichtiger Impuls für den Berlin-Tourismus. Damit ist die letzte Lücke im ICE-Schnellstreckennetz von und nach Berlin geschlossen“, sagte Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Marketing-Agentur Visit Berlin. Bereits jetzt gehöre Bayern für den Hauptstadt-Tourismus zu den wichtigsten Bundesländern: Jeder fünfte deutsche Berlin-Besucher kommt schon heute von dort. Laut Visit Berlin bilden Gäste aus dem Freistaat die zweitgrößte Besuchergruppe hinter Nordrhein-Westfalen. Der Anteil bayerischer Besucher ist gegenüber den Jahren 2009/2010 dabei um sieben Prozent gestiegen. Die neue Schnellstrecke werde auch für Besucher aus Südeuropa, die über München reisen, eine Brücke nach Berlin sein, ist Kieker überzeugt.

Im Gegenzug können die Berliner attraktive Reiseziele auch über München hinaus nun schneller erreichen: So verkürzt sich etwa die Fahrt nach Garmisch-Partenkirchen oder Kempten auf knapp sechs Stunden. Und Wien ist mit Umsteigen in Nürnberg mit einer Gesamtfahrzeit von acht Stunden und 15 Minuten nun 25 Minuten schneller als mit dem direkt fahrenden EC über Prag erreichbar.

35 ICE pro Tag

Neubautrasse: 107 Kilometer lang ist die neue Bahntrasse, die vom thüringischen Erfurt bis ins oberfränkische Ebensfeld bei Bamberg führt. 22 Tunnel wurden für sie in die Berge des Thüringer Waldes gesprengt. Die Täler werden mithilfe von 29 Brücken in teils luftiger Höhe überquert. Die fast gerade Streckenführung und der Einsatz neuester Sicherheitstechnik erlauben den Zügen Geschwindigkeiten von bis zu 300 km/h.

Sprinter: Zunächst will die Bahn auf der Strecke 35 ICE-Verbindungen pro Tag anbieten. Wirklich nutzen können die Möglichkeiten, die die neue Trasse bietet, aber nur die ICE 3, die für Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 330 km/h zugelassen sind. Sie verkehren als ICE-Sprinter dreimal täglich je Richtung (Abfahrt Berlin Hbf.: 6.02, 12.05 und 18.05 Uhr) mit einer Fahrzeit unter vier Stunden. Gehalten wird außer an den Hauptbahnhöfen beider Städte nur noch in Berlin-Südkreuz, Halle/Saale, Erfurt und Nürnberg.

Takt-ICE: Ergänzt wird das Sprinter-Angebot durch bis zu 15 Takt-ICE, die im Wechsel über Halle/S. und Leipzig fahren. Sie haben weitere Halte, etwa in Wittenberg, Bamberg, Erlangen, Donauwörth oder Augsburg. Auch Abstecher nach Coburg sind für einige ICE eingeplant.