Stadtentwicklung

Holzmarkt in Friedrichshain - Ärger ums Modellprojekt

Der Holzmarkt gilt als Leuchtturm kreativer Stadtentwicklung in Berlin. Über den zweiten Bauabschnitt streiten die Macher mit dem Land.

So könnte das Eckwerk aussehen, wenn es nach den Initiatoren geht. Die Architekten von Graft und Kleihues planen in den Türmen flexible Räume zum Arbeiten und zeitweisen Wohnen

So könnte das Eckwerk aussehen, wenn es nach den Initiatoren geht. Die Architekten von Graft und Kleihues planen in den Türmen flexible Räume zum Arbeiten und zeitweisen Wohnen

Foto: Graft Architekten

Berlin. An diesem Teil des Spreeufers lebt sie noch, die raue Berliner Großstadtromantik der 90er-Jahre. Eine Schaukel schwingt über das Wasser hinaus, Trauerweiden lassen ihre Blätter baumeln über roh gezimmerte Bänke. Gerade bauen sie auch hier Buden für den Weihnachtsmarkt auf. Der Holzmarkt in Friedrichshain ist kein Projekt von spinnerten Freaks. Die Gebäude zur Holzmarktstraße leuchten zwar bunt, sind aber solide gebaut. Mit Restaurant, Club, Biergarten, aber auch Tanzschule, Büros, Kita und Werkstätten wird hier durchaus Geld verdient.

Es könnte alles so schön sein auf dem Holzmarkt. Aber ein erbitterter Streit über die Weiterentwicklung des Areals stört die Idylle, die die früheren Betreiber der legendären Lokale „Bar 25“ und später „Kater Holzig“ hier mit ihren Genossenschaftlern geschaffen haben. Dunkle Wolken schweben über dem Projekt, das als Leuchtturm gilt für eine andere Art der Stadtentwicklung jenseits austauschbarer Glastürme und Sandsteinfassaden der Investoren, die wenige Meter entfernt um die Mercedes-Arena entstehen.

Jetzt wird aber darum gerungen, ob die Stadt in Gestalt ihrer Wohnungsbaugesellschaft Gewobag den Machern in die Parade fahren darf. Es geht auch um den alten Friedrichshain-Kreuzberger Konflikt, wieviel Business und Kommerz denn sein darf im Bezirk.

Der Ärger entfaltet sich um das sogenannte Eckwerk. Auf einem Dreieck zwischen S-Bahntrasse, Holzmarktstraße und Michaelbrücke soll der zweite Abschnitt des Holzmarktes wachsen. Während der erste Abschnitt südlich der Bahn, genannt „Das Dorf“, für Amüsement, Werkstätten und Off-Kultur-Aura steht, soll sich auf der Ecke alles ums Arbeiten drehen – und ums Wohnen. Was das bedeutet, darüber sind die Beteiligten inzwischen zerstritten. Gerichtsverfahren drohen. Zwei einstweilige Verfügungen haben Richter schon erlassen, jede Seite obsiegte einmal.

Gewobag will Wohnungen für 600 Studierende bauen

Die Genossenschaftler wollen in bis zu fünf mehr als 30 Meter hohen Türmen flexibel zu gestaltende, transparente Räume herstellen. Kreative sollen sich dort zeitweise einmieten, sich mit anderen zusammenschließen, ihre Projekte bearbeiten und auch dort nächtigen dürfen. Die Idee strahlt. Von China bis Tel Aviv lassen sich Administrationen von den Machern erklären, wie sie ein kreatives, innovatives Umfeld schaffen wollen. Die Gewobag aber plant dort jetzt ein Wohnheim für 600 Studierende und will nebenbei noch Gemeinschaftsbüros schaffen.

Die rechtliche Ausgangslage ist kompliziert und nur im Rückblick zu verstehen. 2012 wollte die landeseigene Berliner Stadtreinigung das Gelände verkaufen, meistbietend. Berlins Landespolitiker hatten sich aber gerade auf einen neuen Umgang mit den Liegenschaften verständigt. Der Ausverkauf sollte gestoppt, Grundstücke nach Qualität und dem dauerhaften Nutzen für die Stadt vergeben werden. Weil es für Kreative in der Innenstadt schon damals eng wurde und die „Bar25“-Macher geschickte Lobbyarbeit betrieben, gewann die Idee Unterstützer, das Grundstück an die Impresarios aus der Kreativszene zu vergeben.

Holzmarkt feiert am 1. Mai Eröffnung

Knapp sieben Jahre nach Schließung der Bar25 eröffnet am 1. Mai der Holzmarkt. Das alternative Stadtquartier entsteht seit 2013 auf dem ehemaligen Gelände der Bar25. Der legendäre Techno-Club wurde 2010 nach einer fünftägigen Party geschlossen.
Holzmarkt feiert am 1. Mai Eröffnung

Am Ende gab es jedoch keine Sonderkonditionen, sondern die Genossen brachten mit der Stiftung Abendrot einen solventen Finanzier mit, der das Grundstück kaufte. Die Schweizer Pensionskasse vergab den noch freien Teil des Areals an eine Eckwerk Entwicklungs GmbH in Erbbaurecht. Die Gewobag wurde politisch gedrängt, als solventer und seriöser Partner mitzuwirken, und hält daran zehn Prozent, der Rest gehört zwei Genossenschaften des Holzmarktes. Aber die Gewobag hat ein Vorkaufsrecht. Und das hat sie jetzt gezogen, will die Genossen nach Jahren gemeinsamer Planungen aus dem Projekt drängen.

Der grün-regierte Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und die von der Linke-Senatorin Katrin Lompscher geführte Senatsverwaltung für Stadtentwicklung unterstützen die Gewobag. Die Eckwerk-Leute hätten sich von dem Konzept des studentischen Wohnens verabschiedet, begründen beide Behörden ihre Position. Das Eckwerk sei nicht bereit gewesen, Nachweise zu erbringen, damit das Bebauungsplanverfahren weitergeführt werden könne, so Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne).

Die Gegenseite hält sich wegen des Rechtsstreites bedeckt, hat aber in einem Brief an den Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses ihre Position dargelegt. Demnach sei nie an ein normales Studentenwohnheim gedacht worden. Dauerhaftes Wohnen sei an der Ecke wegen des Lärms nicht zulässig, nur vorübergehend sollten dort Menschen schlafen. Im Hause Lompscher wird argumentiert, studentisches Wohnen sei ja auch vorübergehend, weil die Studenten irgendwann wieder auszögen.

Wirtschaftssenatorin versucht zu vermitteln

Im Kern geht es wohl um etwas anderes. Obwohl Linke und Grüne es grundsätzlich begrüßen, wenn Gruppen und Initiativen bei Bauprojekten mitmischen, befürchten die verantwortlichen Politiker in Senat und Bezirk, das Eckwerk-Projekt könnte zu elitär und hochpreisig werden. Von Mieten von bis zu 30 Euro je Quadratmeter ist die Rede. Inzwischen vermitteln Wirtschaftssenatorin Ramona Pop und Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek. Vieles hängt am Grundeigentümer. Vorsorglich hat die Stiftung Abendrot ihren „Heimfallanspruch“ erklärt – sie will das Grundstück zurückverlangen, falls sich die Parteien nicht einig werden. „Wir sind nur Zaungäste in diesem Streit“, heißt es aus Basel. Briefe an die Gewobag machen jedoch deutlich, dass die Schweizer das Vorgehen der Gewobag sehr kritisch sehen.

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