Kriminalität

Wo es zu den meisten Straftaten an Berliner Schulen kommt

Die Polizei verzeichnet an den Berliner Schulen einen konstanten Anstieg der Gewalt – auf inzwischen mehr als 5300 Vorfälle jährlich.

Die Zahl der Straftaten an Berlins Schulen hat zugenommen (Archiv)

Die Zahl der Straftaten an Berlins Schulen hat zugenommen (Archiv)

Foto: dpa

Berlin.  An Berliner Schulen kommt es zu immer mehr Straftaten. Das geht aus Daten der Polizei hervor, die der Berliner Morgenpost vorliegen. Demnach registrierten die Ermittler in den vergangenen drei Schuljahren konstant steigende Zahlen. Erfasste die Behörde im Schuljahr 2014/2015 noch insgesamt 5179 Straftaten, waren es im darauffolgenden Schuljahr 5231 Straftaten und 2016/2017 insgesamt 5341 Straftaten.

Die meisten Vorfälle wurden in den Bezirken Mitte (657), Friedrichshain-Kreuzberg (619(, Marzahn-Hellersdorf (573) und Reinickendorf (525) registriert. Die wenigsten Vorfälle wurden in Treptow-Köpenick (290) zur Anzeige gebracht.

Im Gegensatz zu den Daten der Senatsbildungsverwaltung fließen in die Verlaufsstatistik der Berliner Polizei auch angezeigte Vorfälle ein, die auf dem Schulweg passieren. Zudem handelt es sich um absolute Zahlen. Das heißt, dass im Bezirk Mitte mit etwa 370.000 Einwohnern auch mehr Straftaten passieren als in Treptow-Köpenick mit knapp 260.000 Einwohnern. Zudem fließen in eine Verlaufsstatistik der Polizei auch angezeigte Vorgänge ein, die sich in späteren Ermittlungen möglicherweise als unbegründet erwiesen haben, weil der Tatvorwurf später nicht mehr aufrechterhalten werden konnte.

Zahlen bestätigen Trend der Senatsbildungsverwaltung

Allerdings bestätigen die Ergebnisse einen Trend, den auch die Statistik der Schulverwaltung zeigt. Auch hier kletterten die Zahlen deutlich nach oben, wie auch zuletzt bei der Jugendgewalt insgesamt. Das zeigte bereits der vierte Jahresbericht der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention. Die meisten der Gewalttaten waren leichte Körperverletzungen, schwere Taten kamen nur in der Minderzahl vor.

Grundsätzlich werden Gewaltvorfälle an Berliner Schulen in drei Gefährdungsgraden definiert. Sie reichen von Beleidigungen, Drohungen, körperlichen Auseinandersetzungen und Suchtmittelkonsum (Gefährdungsgrad I) über Amokdrohungen und Bedrohungen (Gefährdungsgrad II) bis zu Notfällen wie Amokläufen (Gefährdungsgrad III).

Zuletzt hatten deutschlandweit Mobbingattacken gegen jüdische Schüler für Schlagzeilen gesorgt. So war etwa ein 14-Jähriger an einer Schule in Friedenau Opfer antisemitischer Beleidigungen und Attacken geworden. Laut einer Pisa-Sonderauswertung zum Wohlbefinden von Jugendlichen geht hervor, dass in Deutschland fast jeder sechste 15-Jährige (15,7 Prozent) regelmäßig Opfer von teils massivem Mobbing an seiner Schule wird.

Waffen an Schulen „nicht der Regelfall“

Nach Aussage von Polizei, Bezirken und Schulen kommt Waffenbesitz an Berliner Schulen unterdessen relativ selten vor. „Waffen an Schulen sind absolut nicht der Regelfall“, heißt es etwa aus dem Bezirksamt Neukölln. „Allerdings würden auch schon mal Scheren, Besen, Eimer oder Steine bei Auseinandersetzungen eingesetzt“, heißt es aus dem Bezirksamt weiter. Laut Berliner Polizei gab es in den vergangenen drei Schuljahren insgesamt 47 Straftaten mit Messern und vier Straftaten mit Schusswaffen.

In den meisten Schulen gibt es Krisenteams mit besonders geschulten Lehrern. Die Senatsbildungsverwaltung hat zudem Notfallpläne an alle Schulen verteilt, die genaue Handlungsanweisungen enthalten, wie sich die Schulen in akuten Krisensituationen verhalten sollen.

Staatssekretär: „Erschreckend hohe Zahl“

Seit 2007 war die Jugendgewalt in Berlin zurückgegangen, erst 2016 war sie, wie berichtet, wieder angestiegen. Innen-Staatssekretär Christian Gaeb­ler (SPD), der auch die Berliner Landeskommission gegen Gewalt leitet, hatte bei der Vorstellung des Jahresberichts zur Jugendgewaltprävention erklärt, dass es noch unklar sei, ob es bei dem Anstieg um eine Trendwende oder nur eine Schwankung gehe.

Es handle sich aber „immer noch um eine erschreckend hohe Zahl“ jugendlicher Gewalttäter. Besorgniserregend sei auch, dass die ausgeübte Gewalt stärker würde, weil offenbar die Hemmschwellen sinken würden. Zudem seien rund 500 sogenannte Intensiv- oder Mehrfachtäter mit mehr als zehn Straftaten in Berlin registriert, so Staatssekretär Gaebler.

Meldungen schwerer körperlicher Gewalt seit 2012 um 69 Prozent gestiegen

Auch die entsprechende Statistik der Schulverwaltung zeigt eine steigende Tendenz – und bestätigt damit einen Anstieg bei der Jugendgewalt in Berlin insgesamt.

Im Jahr 2016 gab es laut Monitoring der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention gegenüber dem Jahr 2012 einen Anstieg um 69,2 Prozent bei den Meldungen schwerer körperlicher Gewalt, bei den Übergriffen auf Schulpersonal um 25,3 Prozent und bei den Bedrohungen um 52,9 Prozent. Der Gebrauch von Waffen in der Schule ist selten, aber auch hier stieg die Fallzahl: Zwölf Vorfälle gab es laut der Bildungsverwaltung im ersten Halbjahr 2016/17 an den Schulen. Für das gesamte Schuljahr 2015/16 waren es 13 Vorfälle.

Anders als die Polizeistatistik weist die Schulstatistik nicht nur Straftaten, sondern auch Fälle wie Beleidigungen, Tätlichkeiten, Mobbing oder Suchtmittelkonsum, die dem Gefährdungsgrad I entsprechen.

Grundschulen haben mehr Vorfälle gemeldet

Vor allem Grundschulen haben in den vergangenen Jahren immer mehr Gewaltvorfälle gemeldet. An den Sekundarschulen ist die Zahl der Vorfälle nach der Schulreform mit der Abschaffung der Hauptschulen dagegen zunächst stark zurückgegangen. Doch seit zwei Jahren steigt auch dort die Zahl der Gewaltmeldungen wieder an.

Klaus Seifried vom Berufsverband Deutscher Psychologen beobachtet die Entwicklung in Berlin seit Jahren und erklärt den Anstieg so: „Zum einen wächst die Schülerzahl insgesamt, aber in den vergangenen Jahren sind auch viele unbegleitete jugendliche Flüchtlinge nach Berlin gekommen“, sagte Seifried. Schwerpunkt von Gewaltmeldungen seien häufig Schulstandorte mit Willkommensklassen.

Wenn Jugendlichen die Perspektiven fehlen, dann drohten sie in Gewalt und Kriminalität abzudriften. „Wir brauchen deshalb pädagogische Konzepte und vor allem Arbeitsmöglichkeiten, um diese Schüler zu stabilisieren“, sagt Seifried. Wer positive Lernerfolge habe, der identifiziere sich auch eher mit der Schulgemeinschaft und der Gesellschaft. Gleichzeitig müssten Lehrer und Schulen klare Grenzen aufzeigen.

Schulen in Problemvierteln erhalten zusätzliche Mittel

Das sei nicht immer einfach, sagte Seifried. In solchen Gewaltsituationen bräuchten die Lehrer Berufserfahrung, eine hohe Sozialkompetenz und Beratung, um deeskalierend zu wirken. Wer selbst ängstlich reagiert, der könne dagegen die Situation noch zusätzlich eskalieren. Insgesamt hätten sich aber die vielen Gewaltpräventionsprogramme der vergangenen Jahre in den Schulen positiv ausgewirkt, sagt Seifried.

In den meisten Schulen gibt es inzwischen ein Krisenteam mit besonders geschulten Lehrern. Die Senatsverwaltung hat zudem einen Notfallplan an alle Schulen verteilt, der genaue Handlungsanweisungen enthält, wie sich die Schulen in akuten Krisensituationen wie Gewaltvorfällen, Amokdrohungen oder Kindesmissbrauch verhalten sollen. Vermerkt sind darin auch wichtige Telefonnummern bei der Polizei, bei den Jugendämtern oder schulpsychologischen Diensten. Kommt es zu Gewaltvorfällen, werden Schulämter, Senatsbildungsverwaltung, regionale Schulaufsicht und das Jugendamt informiert.

Die Zahl der Schulpsychologen wurde im Jahr 2015 mit dem Zuzug der Flüchtlinge aufgestockt. Auf einen Schulpsychologen kommen im Schnitt 5000 Schüler. Das ist zwar im internationalen Vergleich wenig, zum Beispiel versorgt ein Schulpsychologe in Dänemark oder der Schweiz nur rund 800 Schüler. Im bundesweiten Vergleich ist Berlin mit diesem Schlüssel aber vorbildlich. Und im Zuge des Bonusprogrammes erhalten Schulen in schwierigen sozialen Lagen zusätzliche finanzielle Mittel, mit denen sie beispielsweise Sozialpädagogen bezahlen können. In diesem Jahr profitieren berlinweit 244 Schulen von diesem Programm.

Schulpsychologe: Auflösung der Hauptschule hatte positiven Effekt

Doch warum konnte der positive Trend an manchen Sekundarschulen nicht gehalten werden? Der ehemalige Schulpsychologe Klaus Seifried erklärt das Phänomen so: „Wenn viele leistungsschwache und verhaltensschwierige Schüler in einer Klasse konzentriert sind, wächst die Gewaltbereitschaft. Eine starke Klasse dagegen stabilisiert und integriert Schüler mit Lern- oder Verhaltensproblemen.“

Die Auflösung der Hauptschulen habe daher einen positiven Effekt gehabt. Allerdings seien inzwischen an manchen Standorten neue Restschulen entstanden. Dort, wo niemand hinwolle, würden sich dann die schwierigen Schüler sammeln, die an den gefragten Schulen nicht angenommen werden.

Die Bildungsverwaltung lässt derzeit das Meldeverfahren der Gewaltvorfälle evaluieren. „Erste Ergebnisse belegen, dass das Meldeverfahren von den Schulen nicht nur zur Meldung von Vorfällen, sondern auch intensiv als Instrument bei der Aufarbeitung von Gewalt, Notfällen und Krisen genutzt wird“, sagt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Insbesondere Meldungen im weniger schwerwiegenden Gefährdungsgrad I würden überwiegend genutzt, um erzieherische Signale zu setzen und um gegenüber der Schulgemeinschaft einschließlich der Eltern deutlich zu machen, dass Gewalt an der Schule nicht geduldet wird.

Mehr zum Thema:

Wie Brennpunkt-Schulen vom Förderprogramm profitieren

Wenn Berliner Schüler zum Opfer im Klassen-Chat werden

"Bei Antisemitismus gibt es einfach kein Problembewusstsein"

Gewalt, Misshandlung, Vernachlässigung

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.