Das Streben nach minimalem Glück

Ob Mikroapartment oder Tiny House, der Trend geht zum Minimalismus. Während die einen damit Profit machen, geht es den anderen um Freiheit.

Noam Goldstein zeigt auf dem Bauhaus Campus in Berlin sein minimalistisches Leben in einem Tiny House

Noam Goldstein zeigt auf dem Bauhaus Campus in Berlin sein minimalistisches Leben in einem Tiny House

Foto: Maurizio Gambarini

Es ist die alte Leier: Der Wohnraum ist knapp, die Baufläche auch, die Mieten steigen. Einige Immobilienfirmen machen die Not zum Geschäft, die Idee: möglichst viele Menschen auf möglichst kleinem Raum unterbringen. Das Zauberwort lautet Mikroapartment – winzige Ein-Zimmer-Wohnungen mit Bad und Küchenzeile. Ein ähnliches Konzept, aber mit einem völlig anderen Ansatz, haben Tiny Houses. Auch hier geht es darum, auf möglichst wenig Raum zu leben, allerdings freiwillig minimalistisch und nicht des Profites wegen. Über eine Suche nach dem Glück.

An der Tino-Schwierzina-Straße in Heinersdorf erinnert wenig an die Hektik der Großstadt. Wenn überhaupt, dann die Züge der Tramlinie M2, die vom Alexanderplatz kommend im Zwanzig-Minuten-Takt die Straße hinunterrollen. Alte Steinlaternen säumen die kaputten Gehwege vor alten Gartenkolonien: links die „Neu Hoffnungsthal“, gegründet 1914, rechts der „Grüne Wiese e. V.“, gegründet 1911. Hin und wieder dröhnt mal ein Flugzeug über das Meer aus Wellblech. Eine Grundschule und eine Tankstelle, mehr gibt es hier nicht. Kein Ort für Mietpreise über 30 Euro warm? Ein Irrtum.

Unweit eines stillgelegten Indus­trieschornsteines steht dort ein Neubau. Vier, um genau zu sein. Davor ein Schild: All-in-Miete. Die Gebäude wirken von innen wie eine Jugendherberge. Nummerierte Zimmer, sterile Gänge und ein strenger Geruch, eine Mischung aus frischer Farbe und Plastik. Einer, der hier wohnt, ist Tom. Er heißt nicht wirklich so, möchte aber anonym bleiben. Monatelang habe er in Berlin nach einer Wohnung gesucht und keine gefunden, letztlich sei er hier gelandet. In einem Mikroapartment, 21 Quadratmeter, Duschbad, Kochnische, Bett – zwischen 610 und 640 Euro warm. „Je nach Etage“, sagt Tom. Wirklich wohl fühle er sich nicht.

Manchmal fühle er sich wie in einer Zelle

Jedes der vier Häuser, jeder Gang, jedes Apartment sind gleich. Individualität? Fehlanzeige. Manchmal fühle er sich wie in einer Zelle, meint Tom. Hinzu kommt die Tristesse der Umgebung – und mit ihr die Langeweile. „Es ist einfach nichts los, man kann nichts machen“, Tom zuckt mit den Schultern. Auf die Frage, ob er 30,48 Euro pro Quadratmeter warm in Heinersdorf als Abzocke empfinde, sagt er sofort: „Ja.“ Wenn er könnte, würde er umziehen. Kann er aber nicht. Die Mindestmietzeit beträgt sechs Monate, die Kündigungsfrist drei. Wann er eingezogen ist, erzählt er nicht, aber die Gebäude sind – so steht es in der Anzeige auf einer Online-Immobilienplattform – erst seit Oktober bezugsfertig. Noch immer wuselt ein halbes Dutzend Handwerker auf dem Gelände herum.

Das Angebot in Heinersdorf ist keinesfalls ein Einzelfall. Überall in der Stadt werden Mikroapartments aus dem Boden gestampft. Wie etwa das „i Live“ in Lichtenberg, das „smartments student“ in Moabit oder die „Park­suites“ in Wilmersdorf. Über die Mieten sind die Anbieter ungewöhnlich wortkarg. Bei „i Live“ und den „smartments student“ gibt es die Preise nur auf telefonische Nachfrage, auf den Internetseiten stehen sie nicht. Die „Parksuites“ in Wilmersdorf hingegen werden vom Eigentümer Project Immobilien verkauft und sollen dann vom Erwerber vermietet werden. Der Kaufpreis für 21 Quadratmeter im Dachgeschoss: 111.650 Euro. Auf Nachfrage der Berliner Morgenpost sagt Alexander Diesen von Project Immobilien: „Wir empfehlen anschließend einen Mietpreis von 24,20 Euro warm pro Quadratmeter.“ Die Summe orientiere sich am Marktdurchschnitt für Wilmersdorf. Grundsätzlich sei der Mietpreis aber Sache des neuen Eigentümers, sagt Diesen. Es könnte ein lukratives Geschäft werden.

Echter Minimalismus ist eine Lebenseinstellung

Wenn Noam Goldstein von solchem Immobiliengeschacher hört, dreht sich ihm der Magen um. Goldstein liebt die Freiheit, die Unabhängigkeit. Er ist geboren in Israel, aufgewachsen in Kanada, eine Zeit lang lebte er in einer Kommune in Mexiko, das änderte sein Leben. Er kündigte seinen Job und seine Wohnung gleich mit. Vor sechs Jahren kam er nach Europa, nachdem er in Guatemala seine Frau Lea kennenlernte. Sie kommt aus Brandenburg, Kleinmachnow. Der Versuch, normalbürgerlich in einer Neuköllner Wohnung zu leben, ging schief. Die Masse an Menschen, die unzähligen Geschäfte, der Konsum vor der eigenen Haustür, das war nicht ihre Welt. Sie gingen zu Freunden nach Frankreich, auf das Land, in ihre Wohnung kehrten sie nie wieder zurück.

Nach Berlin dagegen schon. Goldstein ist Zimmermann, auf dem Bauhaus Campus in Tiergarten hat er eines der dort ausgestellten Tiny Houses selbst entworfen und gebaut. Mitte Dezember will er mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn dort einziehen. „Für ein bis zwei Monate“, sagt Goldstein, danach reisen sie weiter. Sie lebten eben „ein bisschen wie Nomaden“. Ihr Tiny House bietet 16 Quadratmeter Platz zum Wohnen und trägt den Namen „Holy Foods House“ (Haus des heiligen Essens). Dabei ist es vielmehr praktikabel als spirituell. Obst und Gemüse werden selbst angebaut und gemeinschaftlich geteilt. Es gehe vor allem um das Miteinander, erklärt der 29-Jährige und fügt an: „Wir wollen Menschen zeigen, wie es ist, in einem autarken Tiny House zu leben.“

Vier Persönen könnten hier ohne Weiteres leben

Für unnötigen Luxus ist da kein Platz. Das überwiegend aus organischem Material gebaute Häuschen bezieht Strom von einem Solarmodul, geheizt wird mit Infrarot, geschlafen unter dem Dach. Vier Personen könnten hier ohne Weiteres leben, meint Goldstein. Nur Berührungsängste sollten sie nicht haben. Im kaum zwei Quadratmeter großen Bad steht eine Komposttoilette, die neu gewonnene Erde wird für den eigenen Gemüseanbau verwendet. Die Dusche ist an ein Filtersystem gekoppelt, mit dem dieselben 15 Liter Wasser drei- bis viermal zum Duschen verwendet werden könnten, sagt Goldstein. In ein paar Monaten soll das Tiny House verkauft werden, für 35.000 Euro, alles inklusive.

Über Mietpreise jenseits der 20, 30 Euro pro Quadratmeter, etwa für Mikroapartments, schüttelt Goldstein nur den Kopf. „Nie wieder“ wolle er in einer Mietwohnung leben. Stattdessen irgendwo auf dem Land, in einem kleinen Häuschen, selbst gebaut, versteht sich. Nur zwei Dinge brauche er wirklich: „Menschen, mit denen ich mich wohlfühle – und Glückseligkeit.“

Alle Teile der Wohnungsnot-Serie finden Sie hier.

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