Wohnungsnot in Berlin

Das Geschäft mit der Armut

Vermieter lassen Familien aus Südosteuropa einziehen – meist ohne Mietvertrag. Zum Geldeintreiben schicken sie Securityfirmen.

Spielen zwischen Müll: Der zweijährige Ricardo wohnt mit seinen Eltern in einem heruntergekommenen Haus in der Weddinger Lüderitzstraße

Spielen zwischen Müll: Der zweijährige Ricardo wohnt mit seinen Eltern in einem heruntergekommenen Haus in der Weddinger Lüderitzstraße

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Eingetretene Türen, Schimmel an den Wänden, Müllberge im Innenhof. Dazwischen wäscht eine ältere Frau ihren Teppich, kicken zwei Jungs einen Fußball. Im Treppenhaus ist an einigen Stellen das Geländer herausgebrochen. Im zweiten Stock öffnet ein Mann die Tür: Alex. Er kommt aus Bulgarien, trägt seinen zwei Jahre alten Sohn auf dem Arm. Ein fester Händedruck.

Die Wohnung ist gerade gestrichen, es riecht nach Putzmittel. Alexander Atanasov, 34, ist einer von denen, die es hier schöner haben wollen. Hier – das ist ein Haus an der Lüderitzstraße Ecke Kameruner Straße in Wedding. Seit zwei Jahren wohnt er hier mit seiner Frau Anelia und Sohn Ricardo.

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Keine gute Adresse. Bereits im Juli 2017 war das Haus in den Medien: Das Wasser tropfte durch die Decke, es war von Ratten befallen, weil der Müll nicht abgeholt wurde. Eine Hausverwaltung, an die sich die Mieter wenden können, existierte nicht. Den Mietern, etwa 120 Menschen, vorrangig aus Südosteuropa, drohte die Obdachlosigkeit, weil das Haus bald nicht mehr bewohnbar ist.

Chaotische Zustände

Besucht man das "Horrorhaus" heute, bekommt man schnell den Eindruck: Die Probleme halten an. Nachbarn erzählen, dass fast jeden Tag die Polizei da ist, wegen Lärmbelästigung oder Prügeleien. Der Wohnungsaufsicht des Bezirks Mitte ist das Problem bekannt. Anordnungen zur akuten Gefahrenabwehr seien getroffen worden: "Zu weiteren Hausmängeln läuft die Anhörung."

Der Eigentümer, der die Immobilie geerbt hat, ist nach Informationen des Bezirksamtes in Berlin bekannt, weil auch in weiteren Wohnhäusern des Mannes chaotische Zustände herrschen.

Alex lebt dort, in einem Haus, aus dem die meisten sofort wegziehen würden. Er arbeitet als Bauarbeiter, mal regelmäßig, mal unregelmäßiger. Die Wohnung, erzählt er, kostet ihn 750 Euro, seit fünf Monaten ist im Bad ein Rohr gebrochen. Einen Mietvertrag hat er nicht: "Wir haben beim ersten Mal eine Quittung für unser Geld bekommen – danach nicht mal mehr das."

Er wünscht sich, dass es endlich einen Hausmeister gäbe oder eine Security. Irgendjemanden jedenfalls, der für Ordnung sorgt im Haus. "Hier kommen Leute rein und schlafen hier, die ich nie gesehen habe", sagt er. "Ich kenne sie nicht und habe Angst vor vielen." Seine Frau steht neben ihm, wiederholt immer wieder die Worte: "Bandito, Bandito!"

"Es wird die Notsituation der Menschen ausgenutzt"

Seit einiger Zeit seien auch die Leute verschwunden, die das Geld einkassiert hätten – natürlich in bar – deswegen zahlt hier niemand mehr Miete. Das spricht sich rum. Einige vermieten ihre Zimmer weiter für junge Frauen, die sich dort prostituieren, erzählt Alexander Atanasov.

Das Problem ist berlinweit bekannt. Allein in Neukölln gibt es laut Aussage des Bezirksamtes 38 ähnliche Immobilien. Dubiose Hausverwaltungen beziehen dabei heruntergekommene Häuser mit Menschen, die auf dem normalen Berliner Wohnungsmarkt keine Chance hätten, und lassen sie weiter verfallen. "Das Problem ist, dass das ein Geschäftsmodell ist für Eigentümer und für Hausverwaltungen", sagt Integrationsexpertin Susanna Kahlefeld, die für die Grünen im Abgeordnetenhaus sitzt.

"Es wird die Notsituation der Menschen ausgenutzt – vor allem aus Südosteuropa, das sind auch, aber nicht nur, Roma." Es gibt fast nie Mietverträge, bar abkassieren würden oft Securityfirmen. Dadurch könnten Eigentümer das Haus sofort leer ziehen, falls das Geld zum Renovieren da ist. "Die Bewohner haben dadurch kaum eine Chance, sich zu wehren und stehen auf der Straße."

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"Die Menschen beherrschen oft die deutsche Sprache nicht"

Auch der Berliner Mieterverein bestätigt das System Problemhäuser: Vermietet würden oft Schlafplätze, nicht einzelne Wohnungen. Dadurch komme es zu Überbelegungen, da sich teilweise mehr als zehn Personen eine Wohnung teilten, erklärt Wibke Werner, stellvertretende Geschäftsführerin des Mietervereins. "Die dort lebenden Menschen beherrschen oft die deutsche Sprache nicht und sind sich nicht der im deutschen Mietrecht verankerten Schutzrechte für Mieter bewusst."

Sie würden daher die widrigen Bedingungen hinnehmen und scheuen sich, sich dem Vermieter zu widersetzen. Als "notgedrungene Kumpanei" zwischen Vermietern und Mietern beschreibt Inte­grationspolitikerin Kahlefeld das.

Darauf angesprochen, zuckt Alexander Atanasov mit den Schultern: "Was soll ich machen?" Er habe keine andere Wohnung finden können, versuche das Beste aus der Lage zu machen. Mit einigen anderen im Haus packt er selbst an, repariert, was geht: Klebt Fenster ab und Türen. "Wir versuchen ja, alles sauber zu halten – aber es sind zu viele Menschen hier und niemand, der sich kümmert."

Enteignungen wie in Hamburg?

Was also tun? Bereits Anfang 2016 wurde der Arbeitskreis Problemimmobilien gegründet. Heute angesiedelt bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen. Ergebnisse bislang: keine. Laut der Senatsverwaltung sind die sogenannten Problemimmobilien Bezirkssache.

"Berlin hat geschlafen", sagt Grünen-Politikerin Susanna Kahlefeld. Sie schlägt vor, nach dem Vorbild von Hamburg und Nordrhein-Westfalen zu handeln: "Hausverwalter müssen gesetzlich gezwungen werden, dass sie den Zugang zu Wohnungen ermöglichen, wenn Schaden im Verzug ist", sagt sie. Das würde die Kumpanei zwischen Mietern und Vermietern beenden.

Und Enteignungen wie in Hamburg? Dazu heißt es aus Neukölln mit seinen 38 Problemimmobilien: "Das ist eine Option, die momentan im Berliner Recht nicht gegeben ist." Es sei aber sinnvoll, über den Tellerrand zu schauen. Vor allem aber wünschen sich die Bezirke Mitte und Neukölln ein landesweites Vorgehen gegen dieses Geschäft mit der Armut.

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