Berliner Perlen

Zauber auf zwei Gleisen

Seit 35 Jahren besteht das Spezialgeschäft Modellbahnen in Charlottenburg. Es ist ein Relikt vergangener Spielzeugzeiten.

Geschäftsführer Hartmut Weidemann mit einer Auswahl seiner Loks

Geschäftsführer Hartmut Weidemann mit einer Auswahl seiner Loks

Foto: Reto Klar

Dreimal atmen respektive riechen und schon katapultiert der Geruch von „Modellbahnen am Mierendorffplatz“ in Charlottenburg den Autor in den Keller der elterlichen Wohnung. Ein Freund des Vaters hatte dort auf eine grau gestrichene Vollholzplatte mit dem Vater in klandestinen Treffen, eine Märklin-Miniatureisenbahn Spur H0, aufgebaut. Die ovale Stecke mit einer Weiche für eine Abkürzung im Halbrund sorgte zu Weihnachten 1966 für Begeisterungsstürme beim Neunjährigen. Auf den Gleisen fuhr ein schwarz-roter Miniaturnachbau der Dampflokomotive BR 01 im Maßstab 1:87. Im Laufe der nächsten Jahre kamen Tunnel, Wiesen, ein Schauinsland-Bahnhof, Dutzende Figuren, Signale und eine kleine Rangierlok dazu. Bis das Kellerzimmer zum Jugendzimmer wurde und die Märklin-Bahn auf dem Speicher verschwand, von wo sie stückweise verkauft wurde.

Die „Best Ager“ sind die wichtigsten Kunden

Genau so eine Miniatur-Lok der BR 01 führt Hartmut Weidemann einem Endvierziger aus Hennigsdorf vor. Allerdings gibt dieses Modell heute originale Dampflokomotive-Geräusche von sich. „Haben Sie auch das Modell Franco-Crosti?“, will der Kunde wissen. Sofort läuft einer der fünf Fachverkäufer los und steht gleich darauf mit einer weiteren Dampflok vor dem Kunden. Er kauft am Ende drei Loks, Gesamtwert über 1200 Euro. Ein Rabatt versüßt die Anschaffung. In den Wintermonaten wird der Sammler die Loks auf seiner Bahn einsetzen. Später verrät „Modelleisenbahn“-Besitzer Weidemann, der Kunde besitze mehrere Dutzend Loks. „Ein richtiger Sammler“, schwärmt er.

Modelleisenbahnen waren schon immer Freizeit-Spielwiese – vor allem für Männer. „Mittlerweile ist die Sache ehrlicher geworden“, erklärt Weidemann. „Schon früher war das ja so, dass die Väter so taten, als bauten sie die Bahn für ihre Söhne auf. In Wirklichkeit spielten sie selbst liebend gerne damit.“ Beim Besuch im Geschäft sind mehr als drei Viertel der Kunden sogenannte Best Ager. Manch einer fachsimpelt mit Sohn, einer offensichtlich mit Enkel vor den Vitrinen.

Den Modelleisenbahnvirus trug er seit früher Kindheit in sich

Die bestimmen auf rund 300 Qua­dratmeter Fläche das Erscheinungsbild von „Modellbahnen am Mierendorffplatz.“ Wie viele Loks, Blechwaggons, Schienen, Weichen, Signale, Figuren, Häuser, Tunnel in den Vitrinen, Schubladen, Kisten und Kästen lagern, kann Weidemann „nun wirklich nicht sagen. Tausende, so viel ist sicher“. Denn es gibt sie nicht nur in dem am meisten verbreiteten Maßstab H0, sondern auch noch in Spur 0 im Maßstab 1:43,5, in Spur 1 im Maßstab 1:32 und Spur 2 M im Maßstab 1:22,5.

„Das sind die großen, sogenannten Gartenbahnen“, erklärt der 60-jährige Ladenbesitzer. Und dann gibt es die noch kleineren, Spur N, Maßstab 1:160, vorwiegend von Fleischmann, Arnold und Trix gebaut, „um sich in den Fünfzigerjahren vom Marktführer Märklin abzusetzen. Dieser reagierte mit der Spur Z im Maßstab 1:220, die kleinste serienmäßig hergestellte Modelleisenbahnen der Welt aus den Siebzigerjahren.

Um diese Zeit kam der gebürtige Hannoveraner nach West-Berlin und arbeitete als Bankkaufmann. Den Modelleisenbahnvirus trug er seit früher Kindheit in sich. Zwar habe es ab etwa dem 15. Lebensjahr Interessantes gegeben, „Mädchen und Ausbildung“, aber die Modellbahnflamme erlosch nie.

„So furchtbar es klingt, aber unsere Kundschaft stirbt im Wortsinne weg“

1980 entschied er sich, das Abitur am Berlin-Kolleg nachzuholen und für ein BWL-Studium, das er nach dem Vordiplom beendete. Mittlerweile war er Vater zweier Kinder, um die er sich Vollzeit kümmerte. Als das dritte Kind kam, entstand die wirtschaftliche Notwendigkeit, dazuzuverdienen. Weidemann begann als Aushilfe im 1982 eröffneten Geschäft am Mierendorffplatz. Über mehrere Stationen und Umbauten wurde er Anfang der Nullerjahre alleiniger Geschäftsführer. Viele Tiefs hat Weidemann gemeistert. Neben hohen Zinsen der Nachwendezeit, die er für Kredite der Erweiterungsbauten zahlen musste, sorgt bis heute die kontinuierlich sinkende Nachfrage für Unsicherheit.

„So furchtbar es klingt, aber unsere Kundschaft stirbt im Wortsinne weg.“ Dazu komme die Konkurrenz des Internets und des Onlinehandels. „In den Fünfzigerjahren fuhr in jedem zweiten Haushalt eine Modelleisenbahn. Heute ist das nicht mal in jedem 100.“

Auch im Modelleisenbahnbau hat die Digitalisierung Einzug gehalten

Auf dem Markt herrsche ein Überangebot an „gebrauchtem beweglichen Material“. Märklin hatte in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit Wertsteigerungen geworben. Viele Sammler kauften nicht eine, sondern zwei oder drei Loks in der Hoffnung auf späteren Gewinn. Die werden jetzt alle angeboten.“ Hunderte davon hat Weidemann in den Vitrinen. „Das Gute ist diese unglaubliche Qualität. Die fahren auch nach dreißig Jahren noch tadellos.“ Selbst Marktführer Märklin musste vor etwa zehn Jahren Insolvenz anmelden. Mittlerweile habe sich die Traditionsfirma wieder berappelt.

Auch im Modelleisenbahnbau hat die Digitalisierung Einzug gehalten. „Loks mit Sounds sind der Renner“, sagt Weidemann. Der gute alte Trafo, mit dem die Geschwindigkeit geregelt wurde, ist abgelöst von einer Konsole. Dass sein Geschäft ihn und seine Angestellten ernährt, erklärt Weidemann mit der Fachkompetenz. „Unsere Mitarbeiter sind Spezialisten auf ihrem Gebiet.“

Mierendorffplatz 16, Charlottenburg, Tel. 344 93 67, Mo, Mi–Fr 10–18, Sbd 10–14 Uhr