Antisemitismus

Sigmount Königsberg: "Nichtstun wäre eine Kapitulation"

Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde, spricht im Interview über alten und neuen Hass.

Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde

Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde

Foto: Sophia Kembowski/dpa

Berlin. Am 9. November jährt sich die Reichspogromnacht. Ihr zentraler Ort war 1938 Berlin. Dort dauerten die Ausschreitungen und Gewalttaten mehrere Tage an. 79 Jahre später gibt Sigmount Königsberg (57), Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, seine Einschätzung der Verbreitung von Judenfeindlichkeit.

Berliner Morgenpost: Was bedeutet es, wenn, wie gerade geschehen, in Neukölln 15 Stolpersteine gestohlen werden?

Sigmount Königsberg: Angesichts der Nähe zur Pogromnacht, kann dies nur als Verhöhnung der Opfer der Shoa, die ein weiteres Mal getötet werden sollen, angesehen werden – ungeachtet der Frage, ob Stolpersteine als angemessene Form des Erinnerns angesehen wird.

Antisemitismus ist nicht gleich Antisemitismus. Welche Formen und Auslöser erkennen Sie in der Bundesrepublik?

Antisemitismus gibt es in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Es gibt ihn bei der extremen Rechten, als „Antizionismus“ getarnt von der Linken, den islamistischen Antisemitismus und den aus der Mitte der Gesellschaft. Letzterer fängt oft mit dem Satz an: „Man wird ja wohl sagen dürfen, dass …“. Antisemitismus war nie verschwunden, latent war er immer vorhanden. Er braucht keinen Auslöser, nur einen billigen Vorwand, um sich auszudrücken.

Wenn wir das mal historisch vergleichen: Welchen Raum hat Antisemitismus in der Bundesrepublik und der DDR der 80er-Jahre, dann in den Folgejahren der Wende und nun, 2017, eingenommen?

In der Bundesrepublik Deutschland der 70er- und 80er-Jahre wurde schlichtweg geleugnet, dass Antisemitismus ein Problem sei. Die Befunde des Kölner Soziologen Alphons Silbermann, wonach 35 Prozent der Bevölkerung latent und weitere 15 Prozent manifest antisemitisch eingestellt seien, wurden von der Politik, zum Beispiel von Bundeskanzler Helmut Kohl, als „absurd“ bezeichnet. In der DDR leugnete die SED die Existenz von Antisemitismus. Es ist wohl mehr der Hartnäckigkeit des 1992 verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden Heinz Galinski als der Empathie von Helmut Kohl zu verdanken, dass nach 1990 rund 200.000 jüdische Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion als „Kontingentsflüchtlinge“ nach Deutschland kommen durften. Fatal war dabei, dass im Allgemeinen weder ihre Berufsabschlüsse noch deren bisher geleistete Arbeit auch nur im mindesten anerkannt wurde. Nach der Wiedervereinigung fand der „linke“ Antisemitismus seinen Weg in die Mehrheitsgesellschaft. Es sei da nur an die Äußerung des Grünen-Politikers Hans-Christian Ströbele erinnert, der 1991 Israel die Schuld gab, dass es vom Irak mit Giftgas-Raketen beschossen wurde. In den letzten Jahren hat sich der Antisemitismus sehr verschärft. Die Beschneidungsdebatte 2012 zeigte, wie wenig Toleranz die Gesellschaft aufbrachte, und während des Gaza-Krieges erhob die Zivilgesellschaft keinen Protest, als 2014 bei Demonstrationen in Deutschland gerufen wurde: „Hamas, Hamas, Juden ab ins Gas.“ Ergänzt wird dieser Judenhass von den Stimmen, die ein Ende des „Schuldkultes“ fordern.

Sie sind seit September Antisemitismusbeauftragter: Ist das heutzutage eine sonderlich erfolgversprechende Aufgabe?

Im Gegenteil. Nichtstun wäre eine Kapitulation. In meiner Aufgabe sehe ich eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle, weil ich weiß, dass es nicht nur um die Jüdische Gemeinde, sondern um die demokratische Gesellschaft geht. Denn jüdisches Leben kann sich nur in einer offenen Gesellschaft wirklich frei entfalten. Antisemitismus ist immer noch der Lackmustest für die Frage, wie gut eine moderne Gesellschaft funktioniert.

Kann man sich überall in Berlin als Jude zu erkennen geben?

Es wäre fahrlässig, wenn man sagen würde: „Leute, ihr könnt überall mit Kippa hingehen.“ Ich weiß von vielen Juden, die in der U-Bahn etwa eine Kette mit Davidstern verbergen. Es gibt mittlerweile eine Reihe automatischer Handlungen, ein freies, unbefangenes Auftreten ist leider nicht überall möglich.

Der AfD-Politiker Alexander Gauland sagt, als Deutscher habe man das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Verzweifeln Sie nicht, wenn 5,9 Millionen Deutsche seine Partei wählen?

Ich gehe davon aus, dass Silbermanns Zahlen auch heute noch im Wesentlichen Bestand haben. Vorurteilsbekämpfung muss neu gedacht werden. Wissen und Information kann nur ein Baustein davon sein. Empathie für Minderheiten zu wecken und den Menschen die Kraft geben, gegen Vorurteile anzugehen, sind weitere Arbeitsfelder. Ich verzweifle nicht, ich arbeite.

Laut Bundesregierung waren antisemitische und antiisraelische Delikte meist rechtsextremistisch motiviert, zu 90 Prozent begangen von Menschen mit deutschem Pass. Gleichzeitig leben hier Flüchtlinge, in deren Herkunftsländern oft eine radikal andere Haltung gegenüber Israel und Juden herrscht als hier. Welche Entwicklung sehen Sie?

Ich habe keine Glaskugel. Vieles hängt davon ab, wie sich die demokratischen Teile der Gesellschaft positionieren. Edmund Burke sagte einst: „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun!“ Das gleiche gilt auch hier. Passivität und Schweigen wird die Judenhasser aller Couleur ermuntern, Appeasement hat noch nie funktioniert. Meine ersten Erfahrungen geben aber Anlass zur Hoffnung. So hat die Bundesregierung die internationale Arbeitsdefinition des Antisemitismus übernommen, dies muss nun auf allen Ebenen des Bundes, der Länder und der Kommunen implementiert werden. Die Städte Frankfurt/Main und München haben sich ausdrücklich gegen Organisationen gewandt, die Juden boykottieren, in Berlin ist dies auch bereits geschehen. Es gibt Anlass zu vorsichtigem Optimismus.

Mehr zum Thema:

15-Jährige für Einsatz gegen rechte Hetze an Schule geehrt

Ultras in Italien missbrauchen Foto von Anne Frank für Hetze

Streit um Beauftragten für antisemitische Vorfälle

Wie Facebook bisher mit Antisemitismus Geld verdient hat