Randale im Kiez

Schöneberg-Nord: Wo Böller auf Passanten fliegen

| Lesedauer: 6 Minuten
A. Dinger und J. Betschka
Rund um die Potsdamer Straße und die Pallasstraße kommt es regelmäßig zu Gewalt

Rund um die Potsdamer Straße und die Pallasstraße kommt es regelmäßig zu Gewalt

Foto: jörg Krauthöfer

Rund um die Potsdamer Straße kommt es oftmals zu Gewalt. Zuletzt an Halloween. Was ist da los? Ein Besuch im Kiez.

Berlin. Halloween. Es donnert und knallt ohrenbetäubend. Die Pallasstraße in Schöneberg ist vor Qualm kaum zu sehen, Böller fliegen auf Autos und Busse, Fußgänger rennen davon. So beschreibt ein Anwohner, was am frühen Dienstagabend im Schöneberger Norden vor sich ging. Etwa 100 Jugendliche, viele der Polizei bekannt und mit arabischem oder türkischem Migrationshintergrund, böllerten auf der Straßenkreuzung Potsdamer Straße und Pallasstraße. Viele mit verbotenen Knallkörpern von enormer Sprengkraft. Die Bilanz der Polizei: ein verletzter Motorradfahrer, ein von den jungen Männern verprügelter Passant und zwei verletzte Polizisten. Ein 15-Jähriger verletzte die Beamten, als sie ihn und seinen Bruder festnehmen wollten. Erst gegen 22 Uhr und mit einem massiven Polizeiaufgebot entspannte sich die Lage wieder. Doch die Ruhe ist fragil, das bestätigen Anwohner und Menschen, die sich seit Jahren dort engagieren.

An der Steinmetzstraße haben sich Clan-Strukturen gebildet

Auch für die Polizei ist es nicht das erste Mal, dass sie zu Auseinandersetzungen in die Gegend gerufen wird. Vor allem die nahegelegene Steinmetzstraße ist im Abschnitt berüchtigt. Über Jahre haben sich dort Clan-Strukturen gebildet. Seit einigen Jahren kommt es im Kiez etwa an Silvester regelmäßig zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. „Es ist ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel, und es werden immer mehr Störer“, sagt ein Polizist, der auch Mitglied in der Gewerkschaft der Polizei (GdP) ist, der Berliner Morgenpost.

Im Kiez hat vor allem die arabische Großfamilie A. das Sagen. Das Gebiet im Schöneberger Norden ist deswegen regelmäßig in den Schlagzeilen. Fast auf den Tag genau vor vier Jahren artete etwa eine nächtliche Schlägerei mit einem Schwerverletzten aus. Es ging um die Vormachtstellung in dem Viertel. „Wir beobachten, dass die Gewalt extremer geworden ist“, sagt der Polizist. Zwar passiere vieles innerhalb der Milieus, aber oft bleibe es nicht bei Schlägereien. Allein in den vergangenen Wochen gab es mehrere Messerstechereien.

Die Polizei beobachtet, dass viele Jugendliche, auch aus anderen Stadtteilen, extra an die Steinmetzstraße kommen, um Krawall zu machen. Der 15-Jährige, der dem Polizisten am Halloween-Abend die Lippe blutig geschlagen hat, kommt aus einer anderen Gegend von Schöneberg. Genau wie sein Bruder. Die beiden können jetzt damit rechnen, in der Hierarchie der Jugendgang aufzusteigen. Jeder, der einen Polizisten angegriffen hat, darf sich damit brüsten. „Ein ähnliches Verhalten beobachten wir bei Rockern“, sagt der Polizist.

Rückt die Polizei an, seien die Jugendlichen mit ihrer Ortskenntnis im Vorteil. Sie verschwinden dann in Hauseingängen und Hinterhöfen. So soll es auch an Halloween gewesen sein: Anwohner riefen gegen 18 Uhr die Polizei, weil sie sich vom Lärm der Böller gestört fühlten. Als die Polizisten eintrafen, verschwanden die etwa 100 Jugendlichen schnell. Knapp eine Stunde später aber ging die Böllerei an der Kreuzung wieder los. Als die Polizei erneut anrückte, attackierten die Jugendlichen die Beamten. Immer wieder brannten sie verbotene Feuerwerkskörper ab. 45 Beamte waren im Einsatz, um die Lage zu beruhigen.

Der Polizist beschreibt das Problem, das die Polizei in solchen Situationen hat: „Die Telefonketten bei denen funktionieren sehr gut“, sagt er. Will die Polizei jemanden festnehmen, wird sie von anderen Jugendlichen umringt. „Wenn du von 50 Jugendlichen umgeben bist und alle ihre Handys zücken, dann ist das schon eine bedrohliche Situation“. Im Gegensatz zu den Störern haben die Streifenpolizisten keine Videotechnik dabei. „Schon eine einfache Bodycam würde uns extrem helfen“, sagt der Polizist und greift damit eine Forderung der Polizeigewerkschaften auf.

Ex-Boxmeister will Jugendliche von der Straße holen

Einer, der sich seit Jahren im Kiez engagiert, kann über die Ereignisse nur den Kopf schütteln: Izzet Mafratoglu, 55 Jahre alt, genannt: Isi. In seinem Boxclub an der Potsdamer Straße, nur hundert Meter von der Kreuzung entfernt, bringt er den Jugendlichen im Bezirk Disziplin bei. „Ich kann verstehen, dass sich Jugendliche amüsieren wollen, aber man darf nie jemandem schaden“, sagt er. Die Jungs im Kiez seien meist friedlich, doch gerade an der Steinmetzstraße gäbe es immer wieder Probleme. „Die ist ein Brennpunkt, das ist der Polizei bekannt.“ Die Kinder kämen oft aus Großfamilien, diese hätten ihren jugendlichen Nachwuchs meist nicht unter Kontrolle.

Mit seiner Initiative „Wir aktiv. Boxsport & mehr“ will er die Jugendlichen von der Straße holen, doch viele seien auch für ihn, den Ex-Boxmeister, schwere Fälle. „Die treffen sich dann an der Kreuzung um Dampf abzulassen, das kennen wir ja von Silvester“, sagt Isi. In der Gegend, das bestätigen Anwohner und Geschäftsleute, würden immer wieder Jugendliche „Dampf ablassen“ – untereinander, an Bushaltestellen und Autos – und dabei auch immer häufiger Waffen einsetzen. Viele Projekte, sagt wiederum Isi, hätten sich daran versucht, etwas in der Steinmetzstraße zu bewegen, einige erfolgreicher, aber viele auch vergeblich.

Berlins gefährliche Orte: Kottbusser Tor
Berlins gefährliche Orte: Kottbusser Tor

Schaut man sich in der Straße um, erinnert wenig an einen Brennpunktkiez. Rote Backsteinhäuser, die Blumenbeete sind bepflanzt, an den Klingelschildern ein Mix aus internationalen Namen. Typisch Schöneberg. Auf die Halloweennacht angesprochen, sagt Hamad Nasser, Leiter des Nachbarschaftszentrums an der Steinmetzstraße: „Das sind Mutproben von Jugendlichen und Einzelfälle, die natürlich schlimm sind.“ Man sei bereits in Kontakt mit den Vätern der verschiedenen Großfamilien und habe sich bereits am Mittwoch getroffen, um über die Ereignisse zu Halloween zu sprechen. „Wir wollen die nächsten Wochen für intensive Gespräche mit den Beteiligten nutzen“, so Nasser, damit solche Vorfälle sich nicht wiederholten. Er betont, dass man in den letzten Jahren Netzwerke aufgebaut habe, um solche Situationen lösen zu können. Spätestens die Silvesternacht wird zeigen, ob sich das bewährt.

Mehr zum Thema:

Hundert Jugendliche werfen Böller auf Autos und Busse

Der Kleine Tiergarten - die No-Go-Area von Moabit