Videüberwachung

Bündnis sammelt am Alex Unterschriften für mehr Sicherheit

Vor fünf Jahren wurde Jonny K. am Alexanderplatz getötet. Seine Schwester Tina ist für mehr Videoüberwachung.

Tina K. und Ex-Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) bei der Unterschriftenaktion für mehr Videoaufklärung am Alexanderplatz

Tina K. und Ex-Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) bei der Unterschriftenaktion für mehr Videoaufklärung am Alexanderplatz

Foto: Andreas Ganzior

"Nein, Videokameras auf dem Alexanderplatz hätten den Tod meines Bruders Jonny vermutlich nicht verhindern können", sagte Tina K. am Freitag auf dem Alex. "Aber Videoaufzeichnungen der Tat hätten belegen können, wer von den sechs Angeklagten zugeschlagen, wer ihn getreten und wer sich zurückgehalten oder wer den Täter nicht davon abgehalten hat. Mit deutlichen Beweisen wäre die Verurteilung möglicherweise härter ausgefallen."

Jonny K. wurde vor fünf Jahren, in der Nacht zum 14. Oktober 2012, auf dem Alexanderplatz in Mitte zu Tode geschlagen. Sechs junge Männer mussten sich später vor Gericht verantworten. Sie wurden wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu Strafen zwischen viereinhalb Jahren und zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Wer auf den 20-Jährigen eingetreten hat, als er schon am Boden lag, konnte nie eindeutig bewiesen werden. Fünf Jahre nach der Tat gilt der Alexanderplatz trotz Kontaktmobil und einzelner Maßnahmen noch immer als Schwerpunktort für Kriminalität und gewalttätige Auseinandersetzungen.

Gewerkschaft der Polizei unterstützt Aktionsbündnis

Nur ein Grund für die Gewerkschaft der Polizei (GdP) das Aktionsbündnis für mehr Videoaufklärung und Datenschutz am Freitag mit einer Unterschriftenaktion auf dem Alexanderplatz zu unterstützen. Mehr als 200 Unterschriften sammelte die GdP in knapp zwei Stunden.

Thomas Heilmann (CDU), ehemaliger Justizsenator und Initiator des Aktionsbündnisses, GdP-Vorstandsmitglied Steve Feldmann und Bernd Mastaleck, GdP-Mitglied und Abschnittsbeamter, ist Bindeglied zwischen dem Aktionsbündnis und der Polizei, standen Rede und Antwort. "Wir sammeln seit etwa vier Wochen Unterschriften und es haben jetzt bereits geschätzt 5000 Menschen unterschrieben", sagte Heilmann.

Er ist sich sicher, dass die benötigten 20.000 Unterschriften für die Zulassung als Volksbegehren schnell erreicht werden. Sechs Monate wäre dafür Zeit. "Das Aktionsbündnis möchte Berlins Kriminalität mithilfe intelligenter Möglichkeiten bekämpfen", sagte Feldmann. "Keine Kamera wird einen Polizisten ersetzen. Sie kann uns aber helfen, effektiver gegen Kriminalität vorzugehen, Täter zu identifizieren und sie beweiskräftig zu belasten."

Für den langjährigen Polizisten Mastaleck geht es aber um mehr als nur Videoüberwachung. Das Aktionsbündnis habe viele Ideen, die über das bloße Ja oder Nein hinausgehen, sagte er. "Im Gesetzentwurf ist geplant, den Aufbau von Kameras an kriminalitätsbelasteten Orten um Scheinwerfer und Lautsprecher zu ergänzen", erklärte er. "Es ist angedacht, eine Verbindung zur Einsatzleitstelle der Polizei zu schaffen." Mit intelligenter Software soll erkannt werden, ob beispielsweise jemand mit einer Pistole oder einem Messer hantiert. "Der Kollege in der Leitstelle könne dann die Scheinwerfer anmachen und die Personen direkt ansprechen." Das werde den einen oder anderen schon beeindrucken, ist sich Mastaleck sicher.

Einwände der Datenschützer ein Schlag ins Gesicht der Opfer

Innerhalb der zweistündigen Aktion am Freitag haben viele Berliner an dem Stand auch ihre Unsicherheit und Ängste zum Ausdruck gebracht. Und ihr Unverständnis über die Einwände von Datenschützern. "Wer nichts zu verbergen hat, dem kann es doch egal sein, ob er aufgenommen wird oder nicht", sagte Bärbel Berger aus Lichtenberg. "Mein Mann und ich sind oft auf dem Alexanderplatz, aber abends trauen wir uns kaum noch aus dem Haus." Sorgen macht sie sich auch um ihre 15-jährige Enkelin. "Es ist doch schlimm, was täglich unter den Jugendlichen passiert." Die Einwände der Datenschützer seien ein Schlag ins Gesicht der Opfer, sagte Andreas K. "Sicherlich können die Kameras die Verbrechen nicht verhindern, aber jedes Opfer hat doch das Recht, dass der oder die Täter so schnell wie möglich gefasst und bestraft werden. Und da leisten Videoaufzeichnungen hervorragende Arbeit."

Dirk Härtwig aus Wedding argumentierte ähnlich. "Die Kriminalität in Berlin wird weiter zunehmen", sagte er. Da sei die schnelle Aufklärung von Fällen möglicherweise eine gute Prävention. "Es ist doch immer wieder zu lesen, dass sich gesuchte Täter nach der Veröffentlichung ihrer Bilder freiwillig der Polizei stellen oder wenige Tage später festgenommen werden konnten. Das sind doch ausreichend Argumente für die Videoüberwachung." Die Polizei müsste aber viel schneller mit den Bildern an die Öffentlichkeit gehen und nicht erst wochenlang warten, kritisierte Härtwig.

Mahnwache an der Gedenktafel für Jonny K.

Erst am Donnerstagnachmittag war der Alexanderplatz wieder Tatort eines Messerangriffs. Zwei Bundespolizisten sahen gegen 17 Uhr einen Mann auf dem Platz zwischen Weltzeituhr und Bahnhof, der mit einem Messer auf eine andere Person einstach. Die Beamten verhinderten weitere Stiche. Sie nahmen einen 24-Jährigen fest. Das 22 Jahre alte Opfer kam mit Stichverletzungen in ein Krankenhaus, befindet sich aber nicht in Lebensgefahr.

An diesem Sonnabend sammelt das Aktionsbündnis für mehr Videoüberwachung von 10 bis 12 Uhr Unterschriften am Steglitzer Damm Ecke Presselstraße, am Teltower Damm Höhe Rathaus Zehlendorf, am Kranoldplatz in Lichterfelde und von 10 bis 14 Uhr am Hansaplatz in Tiergarten. Ebenfalls am Sonnabend findet an der Rathausstraße 13 am Alexanderplatz eine Mahnwache an der Gedenktafel für Jonny K. statt. Beginn ist um 17 Uhr.

"Vielleicht kann die Videoüberwachung in Zukunft gerade junge Menschen von Gewalttaten abhalten", sagte Tina K. Hochschwanger wird sie bei der Mahnwache dabei sein. "Es wird ein Junge", verrät sie. "Es kann jetzt jeden Tag so weit sein. Wenn er am Sonnabend geboren wird, nenne ich ihn Jonny, nach meinem Bruder."

Mehr zum Thema:

Niedergestochener Mann am Alex: Der Täter war ein Bekannter

Start der mobilen Polizei-Überwachungskameras verzögert sich

Junge Männer attackieren 14-Jährigen am Alex mit Messer

Kriminalität in Berlin: Politiker raus auf die Straße!

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.