"Szenekunde Sport"

Datenschützer kritisieren Berliner "Hooligan-Datei"

In der Datei „Szenekunde Sport“ werden 1386 Fußballanhänger gelistet. Datenschützer, Politiker und Fans sind alarmiert.

Einsatz gegen randalierende Hooligans in Moabit

Einsatz gegen randalierende Hooligans in Moabit

Foto: Gandzior

Als im Februar Anhänger von Eintracht Frankfurt und Hertha BSC in Moabit aufeinandertrafen, gab es sechs Verletzte. Anhänger beider Teams waren mit Schlagwerkzeugen vor einem Szenetreff aufeinander losgegangen. Die Polizei konnte die Situation damals nur mit einem massiven Kräfteaufgebot befrieden. Handyvideos von der Straßenschlacht zeigen die Gewaltorgie, die mitten in Berlin am helllichten Tag stattfand. Die Polizei nahm damals 96 randalierende Hooligans beider Fan-Gruppierungen vorübergehend fest. Sie erhielten Platzverweise und ein Stadionverbot für das Bundesliga-Spiel.

1386 Fußballfans in Berliner Hooligan-Datei

Unter den Randalierern waren viele Hooligans der Kategorien B und C. Diese Einteilung der Polizei beschreibt, wie hoch das Gewaltpotenzial ist. Zu einer ähnlichen Auseinandersetzung war es bereits in Frankfurt gekommen. Die Aktion in Moabit war wahrscheinlich eine Revanche-Attacke.

Szenen wie diese stellen die Polizei regelmäßig vor Probleme. Aus diesem Grund führt die Sicherheitsbehörde Listen über gewaltbereite Anhänger der Vereine. Für Herrenspiele der fünf höchsten Spielklassen und für Pokalspiele erstellen die Behörden dann "Gefährdungsbewertungen". Danach richte sich auch, wie viele Beamte eingesetzt werden. Szenen wie in Moabit werden vermerkt, analysiert und gespeichert.

Wie ein Auszug der Datei "Szenekunde Sport" zeigt, hat die Berliner Polizei derzeit 1386 Hauptstädter erfasst. Gegen 1097 Fußballfans aus Berlin wird als Beschuldigte oder Tatverdächtige einer Straftat ermittelt. Aus der Liste geht hervor, dass die meisten Fans in der gefährlichsten Kategorie "C" (gewaltsuchend) den Vereinen BFC Dynamo (101), Hertha BSC (59) und dem 1. FC Union (46) zugerechnet werden. Anders sieht die Verteilung in der B-Kategorie aus. Das sind solche Fans, die zu Gewalt neigen. Diese Liste führt Union (437) an, gefolgt von Hertha BSC (414) und dem BFC (243). Die Zahlen sind im Vergleich zu den Vorjahren leicht rückläufig. Im vergangenen Jahr waren in der umgangssprachlich "Hooligan-Datei" genannten Liste noch insgesamt 1409 Fans erfasst. In die gefährlichste Kategorie "C" (gewaltsuchend) stufte die Behörde 218 Fans ein – zwölf mehr als in diesem Jahr.

Die Datei "Szenekunde Sport" wurde im Jahr 2017 erstellt und löste die alte Erfassung "Sportgewalt Berlin" ab. Darin gespeichert sind personenbezogene Daten, Adressen, Telefonnummern und Kurzsachverhalte aus Ermittlungsverfahren.

Das sorgt nun für Kritik bei Datenschutzbeauftragten, Fans und Politikern. Der Vorwurf ist, dass nicht klar sei, wie und von wem die Datensätze kontrolliert würden. Die Befürchtung ist, dass Fußballfans, die einmal erfasst wurden, diesen Makel so schnell nicht mehr los würden. Außerdem sei nicht klar, ob auch Fans gelistet würden, die weder als Tatverdächtige noch als Verursacher von Gefahren aufgefallen sind.

Allein beim Landeskriminalamt sind 2016 und im ersten Halbjahr 2017 insgesamt 76 Anträge auf Datenauskunft eingegangen, wie eine Antwort auf eine Anfrage der beiden Linke-Abgeordneten Niklas Schrader und Hakan Taş im Abgeordnetenhaus jetzt ergab. "Die Datenbestände müssen regelmäßig überprüft und gegebenenfalls gelöscht werden", sagt Schrader der Berliner Morgenpost. Man müsse etwa darüber nachdenken, ob das nicht komplett automatisiert passieren könne. Oft würden Tatverdächtige oder Gefahrenverursacher gespeichert, ohne dass die Daten gelöscht werden, wenn die Unschuld feststehe oder staatsanwaltliche Verfahren eingestellt worden seien. "Ob dies künftig sichergestellt wird, werden wir im Datenschutzausschuss erörtern", kündigte Schrader an.

Berliner Datenschützerin lässt alles löschen

Die Innenverwaltung verweist unterdessen darauf, dass man manche Forderungen bereits umgesetzt habe. Die Datei sei bereits durch die Berliner Beauftragte für Datenschutz, Maja Smoltczyk, um "nicht erforderliche Datenfelder" bereinigt worden. Berlins oberste Datenschützerin hatte nämlich bemängelt, dass die Polizei auch mehrere Infos von Kontaktpersonen gespeichert habe – darunter etwa Mittäter, DNA-Daten, IP-Adressen, Netzbetreiber sowie IMEI-Nummern von Mobiltelefonen. "Nicht mehr für die Aufgabenerfüllung erforderliche Datensätze wurden nach entsprechender Einzelfallprüfung gelöscht", heißt es von der Behörde. Und das Verfahren zur Wiedervorlage der Datensätze sei bereits "automatisiert". Alle nötigen Fristen halte man dadurch ein.

Mehr zum Thema:

Rostock raus, Hertha weiter – schwere Ausschreitungen

Berliner Hooligans drohen zum Pokalfinale mit Rache

Fußball-Krawalle in Moabit waren vermutlich geplant

Wie Hertha mit der Schlägerei in Moabit umgeht

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.