Berlin

„Keine unüberwindbaren Hürden“

Comedy, Talk und Information: Erster „Elternabend“ der IHK zu dualer Ausbildung

Tim ist sich einfach noch nicht sicher. Der großgewachsene schlaksige Junge aus Falkensee ist in der zehnten Klasse – und innerlich am Scheideweg: Entweder hält der 15-Jährige durch bis zum Abitur oder er entscheidet sich für eine Ausbildung. „Am liebsten Polizei, am liebsten so etwas wie GSG9“, sagt er.

Aber ist es sinnvoll, die Aussicht auf eine Hochschulreife aufzugeben und sich auf eine duale Ausbildung einzulassen? Tim und seine Eltern wollten das ebenso wie rund 120 weitere Betroffene am Dienstagabend in einem restlos ausgebuchten Saal der Industrie- und Handelskammer zu Berlin (IHK) erfahren. Der als „Elternabend“ angekündigte Gedankenaustausch sollte zeigen, dass sich Spaß und Unterhaltung bestens mit hohem Informationsgehalt verbinden lassen.

Jüngsten Zahlen aus dem September zufolge sind in Berlin 4600 Ausbildungsplätze unbesetzt. Die IHK als jene Stelle, die darüber entscheidet, ob ein Betrieb geeignete Ausbilder hat, muss da Eltern und Jugendliche auf außergewöhnliche Weise anziehen. So saß an diesem Abend bei Moderator und Morgenpost-Autor Hajo Schumacher etwa ein Comedy-Star. Idil Baydar schockte in ihrer Erfolgsrolle als bildungsfernes Kreuzberger Prolo-Schätzchen „Jilet Ayşe“ bei der Begrüßung gleich mal die Jugendlichen im Publikum mit der Warnung: Wer sich nicht um eine Ausbildung kümmere, werde einmal so enden wie sie. Unkonventionell auch Talk-Gast Dirk Martens, ein Schauspieler („Tatort“, „Soko Leipzig“). Als zweites Standbein hat Martens in Moabit einen Waschsalon mit acht Mitarbeitern aufgebaut und bildet auch zu Bürokauffrau oder -mann aus.

Ganz vom Fach dagegen war Katja Hintze, Mitglied des Vorstandes der Stiftung Bildung. Selbst wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte, erklärte sie, für die von ihr als junge Frau gewählte Ausbildung zur Buchhändlerin würde sie sich immer wieder entscheiden. Hintze riet Eltern, ihr Kind nicht wegen eines Studiums „zum Abitur zu quälen“, wenn es jetzt schon in der Schule Schwierigkeiten habe. Wegen großer Nachwuchs-Misere seien für viele Unternehmen Zeugnisnoten nicht ausschlaggebend. Svenja Ohlemann vom Institut für Erziehungswissenschaft der TU Berlin ergänzte: „Für sie ist eher ‚die B-Note‘ wichtig, etwa ob jemand viel gefehlt hat.“ Die Hürden zur Ausbildung seien „überwindbar“. Harte Online-Tests, die bei Bewerbern vorab Grundwissen abfragen, so eine Mutter im Publikum, ließen sich mit speziellem Lehrmaterial meistern.

Merklich aus dem Herzen sprach den Zuhörern die Frage eines Vaters: „Wie kann ich meiner 14-jährigen Tochter zu einem Beruf raten, wenn ich bei der rasanten Entwicklung gar nicht weiß, ob es diesen in vier Jahren noch gibt?“ Thilo Pahl, IHK-Geschäftsführer für Aus- und Weiterbildung erwiderte, dass sich in den Firmen Produktion und Dienstleistung durchaus mit den Erwartungen der Kunden voranentwickelten. „Da können Sie beruhigt sein“, sagte Pahl. Katja Hinze erinnerte die Eltern zudem: „Die Zeiten haben sich geändert: Was immer ein Jugendlicher jetzt an Ausbildung oder Studium wählt – er wird dem jeweiligen Beruf nicht mehr ein ganzes Leben lang nachgehen.“