Verfahren eingestellt

2500 Euro Strafe, weil Vater seinen Sohn beschneiden ließ

Das Verfahren wurde eingestellt. Er habe nicht gewusst, „dass wir das in Deutschland nicht machen dürfen“, argumentierte der Mann.

Beschneidungsutensilien (Symbolbild)

Beschneidungsutensilien (Symbolbild)

Foto: Oliver Berg / dpa

Die Sache kam nur ans Tageslicht, weil es einen seit Jahren schwelenden Familienstreit gibt und die Ehefrau gegen ihren Mann Anzeige erstattete. Dem 46-jährigen Murat S. (Name geändert) wird vorgeworfen, "vorsätzlich eine andere Person an der Gesundheit geschädigt zu haben". Es handelt sich um seinen siebenjährigen Sohn, den Murat S. beschneiden ließ. Auf einem Küchentisch einer Wohnung in Neukölln. Ritueller Beschneider war ein 78-Jähriger aus der islamischen Community, der 1958 in der Türkei eine Schule für Beamte des Gesundheitsdienstes besuchte, fortan waren ihm in der Türkei Beschneidungen gestattet. Auch er wurde angeklagt, fehlte aber aus gesundheitlichen Gründen.

Auch die beiden älteren Söhne wurden beschnitten

Murat S. gab am Dienstag vor Gericht die von ihm initiierte Beschneidung des Sohnes zu. Er habe nicht gewusst, dass es verboten ist, sagte er. Auch die beiden älteren Söhne seien beschnitten worden, allerdings im Libanon. Den Vorwurf, seine Frau habe von der Beschneidung des Jüngsten nichts gewusst, wies er zurück. Sie habe ausdrücklich ihr Einverständnis erklärt und war nur deswegen nicht dabei, weil sie gerade eine Haftstrafe verbüßte. Dass sein Sohn nach dem Eingriff Schmerzen hatte, will S. nicht bemerkt haben.

Das Landgericht Köln fällte am 7. Mai 2012 zu dieser Thematik ein viel diskutiertes Urteil. Tenor: Die religiöse Motivation und der Wunsch der Eltern rechtfertigen nicht, sich über das Wohl des Kindes hinwegzusetzen. Eine Beschneidung ist eine Körper­verletzung.

Ende 2012 wurde diese Sicht durch die Einführung des Paragrafen 1631d des Bürgerlichen Gesetzbuches relativiert. Eltern war es ab sofort gestattet, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des "nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes" einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt wird. In den ersten sechs Monaten nach der Geburt dürfen den Eingriff fortan auch Personen durchführen, die von einer Religionsgesellschaft dazu vorgesehen sind. Voraussetzung: Sie sind dafür ausgebildet und halten medizinische Standards ein.

Konsequenz war eine salomonische Lösung

Für den aktuellen Prozess war das jedoch nicht mehr maßgeblich. Der Junge war bereits sieben Jahre alt. Die Beschneidung hätte also auf jeden Fall ein Arzt durchführen müssen. "Sie haben sich strafbar gemacht", sagte der Richter zu Murat S. Er könne aber nicht ausschließen, dass der Angeklagte von dem Verbot nichts wusste. Auch sei zu erkennen, dass hier ein Familienstreit ausgetragen und dieses Verfahren auch nach einem Urteil weitergeführt werde – auf dem Rücken des Sohnes, der als Opfer ja auch Zeuge ist.

Konsequenz war eine salomonische Lösung: Das Verfahren wurde eingestellt. Murat S. muss 2500 Euro zahlen. 1500 Euro an den Sohn, 1000 an den Kinderschutzbund. Alle Beteiligten waren einverstanden.

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