Immer beliebter

Modelle im Test: Mit dem E-Bike durch Berlin

Immer mehr Menschen kaufen sich elektronisch angetriebene Fahrräder. Unser Autor hat getestet, was ihren Reiz ausmacht.

Morgenpost-Autor Yannick Höppner bei einer Probefahrt mit einem E-Bike

Morgenpost-Autor Yannick Höppner bei einer Probefahrt mit einem E-Bike

Foto: Anikka Bauer

Herzrasen. Ein Auto braust an mir vorbei, noch eins, eine Hupe dröhnt hinter mir. Ich fahre so schnell ich kann und so schnell mich das E-Bike lässt. Die Sonne scheint, es ist einer der ersten Herbsttage dieses Jahres, unter dem Helm läuft mir Schweiß die Schläfe hinunter. Das Fahrrad mit Elektromotor, mit dem ich mich im Wedding durch den Straßenverkehr schlage, ist ein S-Pedelec. Diese Räder fahren mehr als 45 km/h, benötigen ein Kennzeichen und müssen sich deshalb im Straßenverkehr statt auf dem Radweg bewegen. Es ist eines von drei Modellen, die ich an diesem Tage Probe fahre, um zu verstehen, warum immer mehr Menschen auf E-Bikes umsteigen.

Vor einigen Jahren noch eine Rarität und als Fortbewegungsmittel für die ältere Generation verschrien, surren heute immer mehr Elektrofahrräder durch Berlin. Von rund vier Millionen Fahrrädern, die jährlich deutschlandweit verkauft werden, sind mittlerweile 700.000 elektronisch unterstützt. Das macht 15 Prozent des Marktanteils aus, der Zweirad-Industrie-Verband rechnet damit, dass sich dieser innerhalb der nächsten Jahre nochmal verdoppeln könnte. Somit könnte jedes dritte Rad bald ein E-Bike sein. Und das, obwohl die Räder meist deutlich teurer sind als die ohne Elektro-Antrieb – auch wenn Sonderangebote wie jetzt zum Ende der Sommersaison genutzt werden. Doch was macht die Faszination E-Bike aus? Warum steigen auch junge Menschen auf elektrische Räder um? Und was gilt es zu beachten? Meine Suche auf Antworten beginnt in Kreuzberg.

Erst Euphorie, dann Ernüchterung bei der Qualität

Es ist 10.45 Uhr. In einer Filiale der Fahrradhandelskette "Little John Bikes" suche ich mir das erste Testrad des Tages aus. Ob Mountainbike, Trekking- oder Lastenrad, mittlerweile gibt es alle Fahrradmodelle auch als E-Variante. Doch wer E-Bike fahren will, muss bereit sein, tief in die Tasche zu greifen. Unter 1000 Euro gebe es praktisch keine Räder mit Elektromotor, jedenfalls keine, die Kunden ernsthaft empfohlen werden könnten, sagt Sven Sturm, Regionalleiter von Little John Bikes.

Ich wähle ein günstiges Einsteigermodell: Das Citybike Kalkhoff Durban G8 für 1199 Euro. 28 Zoll und eine 8-Gang-Kettenschaltung, es sieht aus wie ein ganz normales Fahrrad, bis auf den Akku, der am Mittelrahmen befestigt ist.

Nach dem zweiten Tritt in die Pedalen setzt plötzlich der Schub ein. Der Motor beschleunigt das Rad, mein Gesichtsausdruck verändert sich von überrascht hin zu einem breiten Grinsen. Noch nie zuvor habe ich auf einem E-Bike gesessen, jetzt habe ich Blut geleckt.

Ich will mehr und steuere das Tempelhofer Feld an, das nur zwei Straßenecken von dem Fahrradgeschäft entfernt liegt. "Mal sehen, wozu dieses Gefährt imstande ist", denke ich. Doch die Ernüchterung kommt schneller als gedacht. Die Elektronik unterstützt das Fahren nur bis 25 km/h, möchte ich schneller fahren, bremst mich der Motor aus.

Bei 28 km/h wird der Widerstand zu groß, meine Oberschenkel brennen. Auch der Beschleunigungseffekt verpufft mit der Zeit, zumal zwischen den drei Motorstufen kein Unterschied auszumachen ist. Zudem ist der Sattel hart, nach einer Viertelstunde wird das Sitzen unbequem. Je länger ich fahre, desto mehr verschwindet mein Grinsen. Ich beschließe zurückzufahren. Die Preisunterschiede kämen bei E-Bikes nicht nur durch die Qualität des Akkus und des Motors, sondern auch durch die der Komponenten wie Bremsen, Griffe, Sattel oder Rahmen, erklärt Sturm.

Das nächste Rad soll hochwertiger sein. Sturm holt zum Vergleich ein weiteres E-Bike von Kalkhoff, das Integrale 10, ein Trekking-Rad mit zehn Gängen und einem Zahnriemenantrieb. Kostenpunkt: 2277 Euro. Dafür aber deutlich komfortabler, mit einem Display am Lenkrad, der unter anderem die Geschwindigkeit und den Level anzeigt, mit dem das Fahren unterstützt wird. Dieses Mal gibt es fünf Stufen, von Eco bis Ultra. Je höher die Stufe, desto weniger Reichweite hat der Akku; im Eco Modus sollen bis zu 200 Kilometer zurückgelegt werden können. Beim Integrale ist der Akku im Rahmen verbaut, was der Optik des E-Bikes zugutekommt.

Wieder geht es auf das Tempelhofer Feld. Während die Elektronik beim ersten Testrad noch deutlich hörbar war, ist beim Integrale maximal ein leises Summen wahrzunehmen. Im Eco-Modus muss ich selbst noch strampeln, um auf 25 km/h zu kommen. Das ist im Ultra-Modus völlig anders. Plötzlich habe ich das Gefühl, auf einem gänzlich anderen Fahrzeug zu sitzen. Zwei Tritte genügen, damit mich das E-Bike innerhalb weniger Sekunden auf das gleiche Tempo bringt. Der eigene Kraftaufwand tendiert gen null. Und während ich wie automatisch die ehemalige Landebahn des ausgedienten Flughafens hinunterrolle, weht mir der Wind um die Ohren, Drachen flattern im Himmel, und ich könnte ewig so weiterfahren.

Eine Mischung aus Fahrrad und Roller

Ich bekomme kein schlechtes Gewissen, so wie ich es hätte, wäre ich auf einem Roller unterwegs. Ich bewege mich, nur nicht so viel wie sonst auf einem Fahrrad. Zugegeben, etwas faul komme ich mir schon vor, aber eben nicht untätig. Es ist dieser Moment, in dem ich verstehe, warum E-Bikes auf einem Markt zwischen herkömmlichen Fahrrädern und Elektrorollern funktionieren. "Die Mischung macht's", erkenne ich.

Besonders für Pendler, die an der Stadtgrenze wohnen, Staus und überfüllte Straßen meiden wollen, machen diese Räder Sinn. Zumal sie mit einem E-Bike mitunter schneller und flexibler sind. Flexibilität dient auch für den Akku als gutes Stichwort. Die meisten sind mit einem Handgriff einfach aus der Halterung beziehungsweise dem Rahmen zu nehmen. Nach zwei bis vier Stunden an der Steckdose sind sie wieder voll aufgeladen. Auch für Fans langer Radtouren können E-Bikes eine echte Alternative zum klassischen Fahrrad darstellen.

Doch damit nicht genug: Ich will das volle Programm. Da Little John Bikes ausschließlich E-Bikes bis 25 km/h im Angebot hat, ziehe ich weiter. Denn E-Bike ist nicht gleich E-Bike. Es gibt eben jene, wie ich sie bis jetzt gefahren bin, und es gibt S-Pedelecs bis 45 km/h. "Bei S-Pedelecs ist die Nachfrage nicht so groß, weil es kein Fahrrad, sondern ein Kraftfahrzeug ist", sagt Sturm.

Die schnellen Treter benötigen nach dem Gesetz eine Zulassung. Hinzu kommen Versicherung und Helmpflicht. Doch das größte Argument gegen die Kfz-Version des E-Bikes ist wohl dieses: Sie dürfen nicht auf Radwegen fahren, somit auch nicht im Wald oder am See, sondern ausschließlich auf Straßen. "Ein heißes Eisen", meint Sturm, "für die Autofahrer sind S-Pedelecs erst einmal normale Fahrräder, die auf der Straße fahren." Welche Gefahren sich hinter dieser Aussage verbergen, werde ich einige Stunden später erfahren.

Ortswechsel, Prenzlauer Berg, 13.30 Uhr. Ich stehe im "Wing Wheels", einem Geschäft, das sich auf Elektrofahrräder spezialisiert hat. Eigentümer Matthias Lingner ist eigentlich Autodesigner, hat sich aber kurz nach der Jahrtausendwende aus der Automobilindustrie verabschiedet. "Das Auto macht im urbanen Raum keinen Sinn, es nimmt Lebensraum und Lebensqualität", sagt er. Der Dieselskandal sei ein gutes Beispiel dafür, dass die Autobauer nicht zukunftsweisend dächten. Er wollte einen anderen Weg gehen. Es habe ihn gereizt, eine neue E-Mobilität zu schaffen, so Lingner. Er zeigt mir fast jedes Modell, das er in seinem Portfolio hat.

Bei den Mountainbikes muss ich schmunzeln. Ob das Mountainbikefahren überhaupt noch als Sport bezeichnet werden kann, wenn die Räder von einem Motor angetrieben werden? Egal, der Trend kennt keine Grenzen. Beim Gang durch seinen Laden packt Lindner der Enthusiasmus: "Das sind keine Fahrräder mehr, das sind Computer, die über Kopfsteinpflaster fahren." Das zeigt sich auch im Preis. Das günstigste Modell kostet bei "Wing Wheels" 2399 Euro, das teuerste 8990 Euro.

Letzteres ist, weshalb ich hergekommen bin, ein S-Pedelec. Genauer gesagt ein Stromer ST 2. "Ein geiles Rad", sagt Lingner. Er gibt mir eine Schutzjacke mit Reflektoren und eingenähten Gelenkschützern und einen Helm mit Visier zum Hoch- und Runterklappen. Was wie eine Motorradausrüstung aussieht, ist auch für ein S-Pedelec notwendig. Noch schnell eine Kopie von meinem Perso, für die Versicherung, und los geht es.

Nach den ersten 100 Metern pumpt Adrenalin durch meine Adern. Das Stromer ST 2 ist kein Fahrrad, es ist ein Geschoss. Ein Feuerstuhl mit Kennzeichen. So schnell die Beschleunigung, so kräftig auch die Bremsen. Es wäre wohl zu empfehlen, sich erst einmal in einer verkehrsberuhigten Straße einzufahren, doch dafür habe ich keine Zeit. Mit knapp 48 km/h jage ich am S-Bahnhof Gesundbrunnen vorbei, mitten im Nachmittagsverkehr.

Mittlerweile ist es 15.30 Uhr, der Feierabendverkehr beginnt und damit die Anarchie auf Berlins Straßen. Um den Verkehr nicht aufzuhalten, versuche ich, immer so nah wie möglich an den 50 km/h zu bleiben. Zur Erinnerung: Mit einem Fahrrad. Gleichzeitig muss ich auf den Verkehr achten. Ständig einen heulenden Motor im Nacken, erscheinen mir Spurenwechsel oft als zu gefährlich. Der kleine Rückspiegel an meinem Lenker hilft, aber nicht genug. Die Autofahrer hinter mir wollen nicht hinter mir bleiben, überholen meist ansatzlos und viel zu schnell. Dreimal in Folge verpasse ich es deshalb auf die Abbiegespur überzusetzen. Ich bin gehetzt.

Der Spaß am E-Bike ist begrenzt im Autoverkehr

An roten Ampeln bliebe Zeit zum Durchschnaufen, wären da nicht die vielen Abgase um mich herum. Als Autofahrer selbst bekommt man von diesen kaum etwas mit, aber mir, auf meinem E-Bike, brennen sie in der Lunge. Rechts ein Bus der BVG, vor mir ein Transporter, links ein getunter Benz. Ich halte mir den Ärmel vor den Mund und stelle mir vor, wie es wäre, wenn keine Autos, sondern nur Elektrofahrräder auf der Straße unterwegs wären. Es wäre ruhig, die Luft wäre sauber und an Ampeln würden sich die Menschen miteinander unterhalten. Abwegig? Vielleicht. Unmöglich? Sicher nicht.

Als ich wieder bei "Wing Wheels" ankomme, bin ich erstens ausgelaugt von der Anstrengung und zweitens viel zu spät. Fahren und im Stau stehen haben sich bei meiner Probefahrt in etwa die Waage gehalten. So viel Spaß das Fahren mit S-Pedelecs auch macht, solange sich an den Bedingungen für diese Fahrzeuge in Berlin nichts ändert, sind mir bis zu 9000 Euro dafür zu viel Geld – und mein Leben zu kostbar.

Vom Klapprad bis zum Mountainbike: Modelle, Preise und Funktionen

Hercules: Rob Fold R8

Das 20 Zoll kleine Klapprad von Hercules eignet sich ideal für Pendler, Wohnmobil- oder Bahnfahrer sowie Reise-Fans mit Hang zu Fahrradtouren. Außer einer Acht-Gang-Nabenschaltung sorgen vier elektronische Unterstützungsstufen für ein je nach Situation angepasstes Radeln. 400 Watt beschleunigen das Mini-Modell auf 25 km/h, und das, wenn nötig, bis zu 170 Kilometer weit. Ist der Akku doch mal leer, muss er vier Stunden an der Steckdose weilen, bis er wieder voll geladen ist. Der Preis liegt bei 2279 Euro.

Stromer: ST 2

Mit einem Preis von 8990 Euro gehört dieses S-Pedelec zur Luxusklasse der Elektro-Fahrräder. Angetrieben von einem 1000-Watt-Akku beschleunigt das Stromer ST 2 in wenigen Sekunden auf 45 km/h. Der leistungsstarke Motor lässt die stolzen 28 Kilo, die dieses Modell wiegt, glatt vergessen. Bis zu 150 Kilometer können am Stück zurückgelegt werden. Allerdings nur auf Straßen, Radwege sind für das Bike aufgrund seiner Kraftfahrzeugzulassung tabu. Zudem ist es versicherungs-, helm- und kennzeichenpflichtig. Und: Ohne professionelle Reparatur mit den richtigen Ersatzteilen verliert das Bike seine Zulassung.

Butchers & Bicycles: MK1-E

Das Lastenrad von Butchers & Bicy­cles wird von einem Bosch CX Mittelmotor mit 250 Watt angetrieben, der seine Kraft auf einen Zahnriemen überträgt. Je nach Ausstattung kann der Preis für das Gefährt zwischen 4999 Euro und 8000 Euro variieren. Ein Kostenfaktor ist hierbei die optional eingebaute Neigetechnik, mit der sich die Vorderachse dynamisch mit in die Kurve legt. Der montierte Kasten kann als Kinder- oder Einkaufswagen verwendet werden, oder für sonstige Transporte aller Art. Bis zu 100 Kilogramm hält die Box aus.

Coboc: One Soho

Wüsste man nicht, dass es ein E-Bike ist, man würde wohl nicht darauf kommen. Das One Soho von Coboc gehört ohne Frage zu den Stil-Ikonen unter den Elektrofahrrädern. Der sportlich-schmale Rahmen verrät auf den ersten Blick nicht, dass sich in seinem Inneren ein Elektro-Akku verbirgt. Das Tourenrad im Rennrad-Verschnitt wiegt gerade einmal 13,7 Kilogramm. Ein Aluminiumrahmen macht es möglich. Für 3999 Euro ist das Fahrrad zu erwerben, dessen Akkuleistung für eine Strecke von 80 Kilometern reicht. Beim One Soho handelt es sich nicht um ein S-Pedelec, bei 25 km/h ist Schluss.

Haibike: Sduro Hardseven 4.0

Vom Grundsatz her ein ganz gewöhnliches Mountainbike, mit einer 9-Gang-Kettenschaltung und 27,5 Zoll. Wer im Gelände etwas Anschwung braucht, dem hilft ein 400-Watt-Akku für bis zu 25 km/h. Auf flacher Strecke reicht dieser bis zu 150 Kilometer weit, bei starker Steigung kann die Zusatz-Energie aber schon nach 80 Kilometern aufgebraucht sein. Mit einem Preis 1499 Euro ist das Mountainbike ein verhältnismäßig günstiges E-Bike, wenngleich es aufgrund seines Reifenprofils für die Stadt weniger geeignet ist.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.