Nach Brandbrief

Friedrichstadt-Palast-Intendant: Auch AfD-Wähler willkommen

Berndt Schmidt hatte sich deutlich von AfD-Wählern distanziert. Die Partei startete eine Protestaktion, die versöhnlich endete.

Friedrichstadtpalast-Intendant Berndt Schmidt (r) unterhält sich vor der Vorstellung der aktuellen Revue  „The One Grand Show“ mit dem Berliner AfD-Sprecher Ronald Gläser

Friedrichstadtpalast-Intendant Berndt Schmidt (r) unterhält sich vor der Vorstellung der aktuellen Revue „The One Grand Show“ mit dem Berliner AfD-Sprecher Ronald Gläser

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Am Ende schüttelte Friedrichstadtpalast-Intendant Berndt Schmidt dann AfD-Sprecher Ronald Gläser sogar die Hand, begleitet vom Blitzlichtgewitter vieler Fotografen, die am Sonnabendnachmittag gekommen in das Theater an der Friedrichstraße gekommen waren.

Öffentlichkeitswirksam waren sowohl der Brief des Intendanten an seine Mitarbeiter, in dem er geschrieben hatte, sein Haus werde sich in Zukunft von AfD-Wählern abgrenzen und wolle deren Geld nicht, als auch die Gegen-Aktion der AfD.

Auf das Angebot an Wähler der Partei, bereits gekaufte Karten umzutauschen, reagierte der Berliner Landesverband mit einer Verlosung von zehn Theaterkarten für den Sonnabend. Sprecher Ronald Gläser war zufrieden, als kurz vor Beginn der "The One"-Show auch die letzte AfD-Wählerin ihre Karte bei ihm abholte. "Dieser Brief hat etwas von einer Hexenjagd, die auf Angehörige und Wähler unserer Partei gemacht wird", sagte Gläser. Auch die Reaktion des Kultursenators Klaus Lederer (Linke) habe ihn enttäuscht. "Den ganzen Tag Toleranz predigen, aber dann so intolerant sein", sagte er.

Am Vortag war das Auto des Spitzenkandidaten Georg Pazderski beschädigt worden. Unbekannte hatten in der Nacht zu Freitag außerdem mit Farbe gefüllte Flaschen auf das Privathaus des AfD-Fraktionsvorsitzenden im Köpenicker Stadtteil Rahnsdorf geworfen. Dazu hätten sich Kollegen anderer Parteien spät und nur zögerlich geäußert, so der Sprecher.

Schmidt bekam nach dem Brief Hass-Mails und Drohungen

Tatsächlich fielen die Verurteilungen der Gewalttat vergleichsweise milde aus. "Wer frei gewählte Parlamentarierinnen oder Parlamentarier gewalttätig angreift, erweist der Demokratie einen Bärendienst", sagte Parlamentspräsident Ralf Wieland (SPD). Die CDU bezog erst am Freitagabend klar Stellung, Fraktionsvorsitzender Florian Graf sagte, die Gewaltfreiheit dürfe im politischen Diskurs zu keiner Zeit in Frage gestellt werden.

Zu Unrecht angegriffen fühlt sich aber nicht nur die Berliner AfD, auch Intendant Schmidt sagt, sein Brief sei missverstanden worden. "Ich möchte niemanden ausgrenzen, sondern mich lediglich von Rassisten abgrenzen und meine Mitarbeiter schützen, die nicht deutsch aussehen, aber Deutsche sind", sagt er im Gespräch vor der Vorstellung und zieht wie als Beweis einen seiner Mitarbeiter heran, der nicht deutsch aussieht.

Seit der Brief publik geworden sei, habe er Hass-Mails und Morddrohungen bekommen. Die Frage, ob Mitarbeiter seines Hauses schon einmal rassistisch angegriffen oder beleidigt worden seien, verneint er. Es sei aber spürbar, dass diese Art von Rhetorik, abschätzige Blicke auf Menschen mit einer anderen Hautfarbe und andere Formen von Rassismus im Alltag wieder salonfähiger geworden seien. "Dagegen möchte ich ein Zeichen setzen, um nichts anderes geht es mir" sagt Schmidt. Dennoch müsse man miteinander reden, das sei immer der richtige Weg.

Um das zu untermalen, begrüßt Schmidt schließlich den AfD-Mann Gläser, beide sind umringt von Fotografen und posieren friedlich miteinander, tauschen am Ende sogar Visitenkarten aus. Es sei schön, dass er gekommen sei, sagt Schmidt zu Gläser. "Wir wollten zeigen dass AfD-Wähler Leute sind wie Du und ich", sagt Gläser, gemäßigter als noch wenige Minuten vorher im Gespräch vor dem haus.

"Unterhaltung anzubieten bedeutet auch, eine Haltung zu haben"

Auch Schmidt schlägt deutlich andere Töne an als in dem Brief, in dem er schrieb, 20 der gewählten 94 AfD-Abgeordneten im Bundestag "sind das, was ich unter Nazis verstehen würde".

Vor der Vorstellung hielt Schmidt eine kurze Ansprache. "Unterhaltung anzubieten bedeutet auch, eine Haltung zu haben", sagte er. "Auch AfD-Wähler sind mir willkommen. Hoffentlich fühlen sie sich trotzdem komisch, wenn sie sehen, was entstehen kann, wenn ein Ensemble aus 25 Nationen, Muslimen, Christen, Juden, Hetero- und Homosexuellen gemeinsam an etwas arbeitet", sagte er. Es gibt lauten Applaus im Saal. Gleich beginnt die Show The One, für die der offen schwule Modeschöpfner Jean-Paul Gaultier die Kostüme kreiiert hat und ausländische Tänzer wie Ezzat Gamel aus Ägypten auf der Bühne stehen. Im Publikum sitzen mindestens zehn AfD-Wähler. Geht so dieses aufeinander Zugehen?

Schmidt scheint in jedem Fall mit dem Ausgang der Aktion zufrieden. Gläser hat schon vorher betont, wie glücklich er über das zahlreiche Erscheinen diverser Medienvertreter sei. Und so stehen am Ende der Aktion zwei Gewinner und viele unbeantwortete Fragen.

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