Tag der Deutschen Einheit

Woher kommt die neue Spaltung von Berlin?

27 Jahre nach der Vereinigung gibt es einen Riss durch die Hauptstadt. Die eine Hälfte wählte CDU, die andere die Linke.

Der Fernsehturm (l.) und der blau angestrahlte Funkturm (r.) ragen in den Himmel (Archivbild)

Der Fernsehturm (l.) und der blau angestrahlte Funkturm (r.) ragen in den Himmel (Archivbild)

Foto: Peter Kneffel / dpa

Am 9. November 1989 fiel die Mauer, Berlin wurde wieder eins. Am 3. Oktober 1990 schließlich wurde mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik die Deutsche Einheit vollzogen. Das ist jetzt 27 Jahre her, mehr als ein Vierteljahrhundert. Umso erstaunlicher, dass die Berliner Ergebnisse der Bundestagswahl so aussehen, als wäre die Stadt noch immer geteilt. Der Westteil hat überwiegend CDU gewählt, der Ostteil die Linke. Wir sprachen mit dem Politikwissenschaftler Heiko Giebler (38) über dieses Ergebnis und mögliche Gründe dafür. Giebler arbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) zur Wahl-und Parteienforschung, zu politischen Einstellungen und zu Rechtspopulismus.

Herr Giebler, hat Sie dieses Wahlergebnis überrascht?

Heiko Giebler: Nein. In Berlin hat dieses Ergebnis Tradition. Wobei die Unterschiede zwischen den Wahlergebnissen im ehemaligen Ost- und West-Berlin in den vergangenen Jahren mal größer und mal weniger groß ausgefallen sind. Bei der letzten Abgeordnetenhauswahl 2016 etwa war der Kontrast innerhalb Berlins sogar tendenziell noch stärker, als das jetzt der Fall ist. Das hängt auch mit dem Abschneiden der SPD zusammen. Ist sie schwach, fällt der Unterschied zwischen dem ehemaligen Ostteil und dem ehemaligen Westteil meist besonders groß aus.

Können Sie das noch genauer erklären?

Schaut man sich die Zweitstimmen an, gibt es auf den ersten Blick einen klaren Unterschied zwischen Ost-Berlin (rot) und West-Berlin (schwarz). Schauen wir aber detaillierter, sieht es schon anders aus. Was die Stimmenverteilung auf Ebene der Wahllokale angeht, sind die Wahlkreise deutlich heterogener. Das trifft vor allem auf die Bereiche innerhalb des S-Bahnringes zu. Dort hat es in den vergangenen Jahren den größten Bevölkerungsaustausch gegeben. Viele der Zugezogenen wählen etwa grün. Das ist in Mitte zu sehen oder in Pankow. Außerhalb des S-Bahnringes sind die Abstimmungsergebnisse eher homogen.

So haben Ihre Nachbarn gewählt

Welche Gründe gibt es dafür, dass Menschen eher schwarz oder rot wählen?

Da sind zunächst sozioökonomische und strukturelle Gründe. Es spielt eine Rolle, wie groß die Arbeitslosenquote ist oder das durchschnittliche Einkommen. Beides hat sich in den vergangenen Jahren durchaus auch im Ostteil der Stadt positiv entwickelt. Das ist längst nicht mehr der Hauptgrund dafür, dass die Ost-Berliner anders wählen als die West-Berliner. Ausschlaggebend ist vielmehr die Frage der Identität.

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Was heißt das?

Es geht darum, wie jemand Politik wahrnimmt und beurteilt. Diesbezüglich stellen wir fest, dass es noch immer eine starke West-/Ost-Identität gibt. Das hat viel mit der Herkunft und der Tradition innerhalb der Familie, in persönlichen Netzwerken und im lebensweltlichen Umfeld zu tun.

Hängt das auch vom Alter ab?

Man könnte meinen, es geht vor allem um die Generation 50 plus. Die hat die Geschichte der Teilung ja noch direkt miterlebt. Aber es gibt auch bei den Jüngeren ein starkes Identitätsgefühl mit Ost- oder West-Berlin. Da spielen offenbar eben das Elternhaus, persönliche Netzwerke und das Umfeld eine entscheidende Rolle.

Werden wir bei den nächsten Wahlen in Berlin wieder so ein Ergebnis bekommen?

Ich glaube, mit dem Auftreten der AfD werden die Unterschiede zwischen Ost- und West-Berlin sogar noch stärker werden. Im ehemaligen West-Berlin schafft es die CDU noch immer ganz gut, wertkonservative Wähler an sich zu binden. Da wird es auch künftig nicht so viele AfD-Wähler geben wie im Ostteil der Stadt.

Wie beeinflusst das Verhalten der Parteien die Wähler?

Wie die Parteien agieren, spielt eine große Rolle hinsichtlich des Wahlergebnisses. Über die Jahre und Jahrzehnte haben sich überall in Deutschland Hochburgen der großen Parteien eta­bliert, auch in Berlin. Dort liegen sie allerdings manchmal nur fünf Kilometer Luftlinie auseinander. In Ost-Berlin ist die Linke traditionell stark. Im ehemaligen Westen die CDU. Das heißt, die Parteien haben dort jeweils eine bessere Infrastruktur, verfügen über mehr Ressourcen, haben eine größere Stammwählerschaft und agieren oftmals aus der Rolle von Amtsinhabern heraus. Sie können deshalb vor Ort mehr Engagement abrufen und einen umfangreicheren Wahlkampf machen. Das spiegelt sich dann in den Ergebnissen wider.

Wirkt sich das unterschiedliche Wahlverhalten auf das Klima in der Stadt aus?

Eher nicht. Sicher gibt es hin und wieder Konflikte, weil die einen bestimmte Sachentscheidungen anders bewerten als die anderen. Aber das spielt insgesamt keine große Rolle. Was die inhaltlichen Aspekte von Politik angeht, unterscheiden sich die West- und Ost-Berliner meist gar nicht so sehr voneinander. Unterschiede gibt es eher der durch Identität geprägten Wahrnehmung und die Frage, welche Partei eigentlich am besten die eigenen Interessen vertritt.

Können Sie etwas zum Abschneiden der AfD sagen, welche Gründe gibt es dafür?

Viele Menschen sind der Meinung, dass die etablierten Parteien ihre Interessen nicht mehr wahrnehmen, dass die Politiker ihnen nicht mehr zuhören. Sie sind skeptisch den sogenannten Eliten gegenüber. Sie sehen sich als die kleinen Leute, die vergessen worden sind, nicht beachtet werden. Andere lehnen die liberale Gesellschaft ab, sind gegen die Ehe für alle, gegen Zuzug von Ausländern und gegen das Zusammenwirken der Länder in der Europäischen Union und sehen hier Gefahren für sich und ihr Lebensmodell. Motive sind also weniger Protest als vielmehr konkrete Einstellungen zur Demokratie, Gesellschaft und Politiken.

Warum wählten vor allem Ostdeutsche und damit auch Ost-Berliner die AfD?

Neben den genannten Faktoren zeigen Studien, dass Ostdeutsche größere Sorgen und Ängste haben, was Arbeitslosigkeit oder prekäre Jobs betrifft. Wichtig ist auch die Frage der Gerechtigkeit. Während Ostdeutsche die Schuld für die eigene schlechte Situation vor allem der Politik, dem Staat oder der Wirtschaft zuschreiben, suchen Westdeutsche die Schuld eher bei sich selbst. Das beeinflusst die jeweilige Wahrnehmung des Alltags und macht Personen mehr oder weniger offen für rechtspopulistische Argumente.

Bei vielen Ostdeutschen kommt eine große Enttäuschung hinzu. Westdeutsche Politiker oder Wirtschaftsleute haben ihnen nach der Wende versprochen, dass es ihnen recht schnell so gut gehen wird wie den Westdeutschen. Das ist so nicht eingetreten. Es gibt zwar Regionen, in denen es große Verbesserungen gibt, aber eben auch andere, wo sich bis heute nicht viel getan hat. Diese gerechtfertigten Enttäuschungen sind bis heute am Wahltag mitentscheidend, sind Teil der ostdeutschen Identität und begünstigen auch das Abschneiden der Linken.