Gesundbrunnen

Künstler in den Uferhallen fürchten die Verdrängung

Das Areal in Gesundbrunnen hat neue Besitzer. Die Anlieger sind deshalb in Sorge.

28.08.2017/ Germany/ Berlin/ Uferstraße 8-11/ Die Uferhallen, im Wedding. photo: David Heerde

28.08.2017/ Germany/ Berlin/ Uferstraße 8-11/ Die Uferhallen, im Wedding. photo: David Heerde

Foto: David Heerde

Hinter einem braunen, mit Stoppschildern und Stickern verzierten Metalltor an der Uferstraße in Gesundbrunnen fällt der Blick zuerst auf das Café "Pförtner". Das Lokal mit dem hellblauen alten, angebauten Stadtbus ist bekannt für sein besonderes Flair, für das die Künstler sorgen, die sich dort zum Kaffee oder Mittagessen treffen. Obwohl einige der Holztische im Außenbereich besetzt sind, ist es auffallend ruhig. Nur das leise Klappern von Besteck und das Brummen der Espressomaschine mischen sich mit den gedämpften Stimmen im Hintergrund. Zu hören ist aber auch, wie getuschelt wird – über etwas, das seit Ende August Gewissheit ist.

Das weitläufige denkmalgeschützte Industriegelände der Uferhallen, auf dem sich neben dem Café und einem Klaviersalon unter anderem 50 Ateliers befinden, wurde von einer Investorengruppe aufgekauft. Laut Medienberichten beträgt der Kaufpreis rund 27 Millionen Euro. Der Vorstand der Uferhallen AG, die Eigentümerin ist, wollte diese Summe nicht bestätigen. Zu den Käufern soll das Unternehmen Augustus Capital mit den Samwer-Brüder gehören, die als Mitgründer der Firma Rocket Internet und Anteilseigner von Zalando bekannt sind. Neben dem Geschäft mit Start-ups und Gewerbeimmobilien mischen sie auch zunehmend auf dem Berliner Wohnungsmarkt mit.

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Auch die Künstler besitzen Anteile der Uferhallen AG

Bis 2006 gehörte das 19.000 Quadratmeter große Areal mit den Backsteingebäuden den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), die auf dem ehemaligen Pferdebahnhof U-Bahnen und Busse reparierten. Anschließend kaufte die Uferhallen AG das Grundstück für etwa sechs Millionen Euro. Mehr als 94 Prozent der Uferhallen AG fielen nun in die Hände der Investorengruppe. Wenn sie wollten, könnten sie auch noch die übrigen Anteile an sich reißen, befürchten einige Künstler, die auf dem Areal Atelierräume gemietet haben und selbst Anteile an dem Unternehmen besitzen. Sie haben jeweils 25 Aktien gestaltet und durften im Gegenzug eine davon behalten – "als werthaltige Geldanlage", "maßvolle Rendite" und "Teilhabe an einem besonderen Ort der Künste", hieß es damals in einer Pressemitteilung.

Dass es bei der jetzigen Nettokaltmiete von unter vier Euro pro Quadratmeter bleibt, daran glaubt niemand mehr. In der Anfangszeit wurden Verträge für bis zu 25 Jahre geschlossen, viele der Künstler haben allerdings nur übliche Gewerbevereinbarungen, die der Eigentümer mit einer Frist von drei bis sechs Monaten kündigen kann. "Die Ungewissheit ist hier bei allen sehr groß", sagt einer der Künstler, der wie die anderen Mieter der Ateliers seinen Namen nicht nennen will. "Eine Stadt, die von der Kultur lebt, muss sich doch dafür auch einsetzen," so seine Forderung. Er hoffte wie die anderen Mieter, dass die Stadt, die sich ebenfalls als Käufer bewarb, den Kulturstandort langfristig sichert. Da die Verkaufssumme deutlich über dem Marktwert von zehn bis zwölf Millionen Euro lag, konnte der Senat nicht mithalten. "Wenn die neuen Besitzer den Kaufpreis wieder erwirtschaften wollen, ist das Ende dieses Ortes für künstlerisches Arbeiten schon absehbar", sagt Bernhard Kotowski vom Berufsverband Bildender Künstler (BBK).

Von seinem Büro sind es für Wolfgang Weber nur ein paar Schritte zu den Ateliers. Das Vorstandsmitglied der Uferhallen AG weiß, dass seine Mieter momentan nicht gut auf ihn zu sprechen sind. "Ich habe immer eine relativ klare Sprache gesprochen", sagt er. Was die neuen Eigentümer angeht, hält er sich allerdings bedeckt – er hat eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben. Dass die Ateliermieten steigen werden, hält er für realistisch. Statt von Verdrängung wolle er aber lieber von "positiver Veränderung" sprechen. Nach vier Jahren im Vorstand will Weber künftig nur noch beratend tätig werden. Auf die Frage, wie es mit dem Gelände weitergehen wird, verweist er an die Käufer. Es gebe jedenfalls "keinen Grund zur Panik".

Pläne zur Zukunft sollen gegen Jahresende konkret werden

"Eine behutsame Weiterentwicklung ohne Eile" und "langfristige Investitionen" hatte auch Daniel Bormann, der Chef der Firma Realace, angekündigt. Er bestätigte der Berliner Morgenpost, dass die Firma den Neuinvestor bei der Entwicklung des Geländes vertrete. Sie wolle das Areal als "entwickelten Kunst- und Kulturstandort beibehalten" und dabei sei auch eine Zusammenarbeit mit den Künstlern denkbar. Die Planungen dafür würden sich erst "gegen Jahresende" konkretisieren.

"Für uns ist das Thema nicht erledigt", sagt ein Mieter der Uferhallen. Um eine gemeinsame Stimme zu finden, gründeten die Künstler Ende August den Verein Uferhallen e. V. "Wenn man früher in Berlin ein Glas Wein bestellt hat, war die Frage: Rot oder Weiß?", erinnert sich Peter Ullrich, der Inhaber des Café "Pförtner", an seine Anfangszeit als Gastronom in der Hauptstadt vor 20 Jahren. Seitdem hat sich viel verändert. Auch an Orten, an denen die Zeit stillzustehen schien.

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