Protestinszenierung

Berlins Polizei beendet Besetzungstheater an der Volksbühne

Intendant Dercon stellt Strafantrag gegen die Besetzer, Kultursenator Lederer muss sich im Abgeordnetenhaus rechtfertigen.

Am Nachmittag führen Beamte die letzten Besetzer aus der Volksbühne. Für diese ist das scheinbar immer noch ein großer Spaß

Am Nachmittag führen Beamte die letzten Besetzer aus der Volksbühne. Für diese ist das scheinbar immer noch ein großer Spaß

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Lautsprecheranlagen, eine Discokugel, Trommeln und Gitarren tragen die Aktivisten aus einem Seiteneingang der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte. Was man eben so braucht für die Besetzung eines Theaters. Doch ihre große Protestinszenierung ist vorbei: Die Polizei hat am Donnerstag die Besetzung der Volksbühne friedlich beendet, nachdem Hausherr Chris Dercon nach langen Diskussionen Strafantrag gegen die Aktivisten gestellt hatte. 21 Menschen begleitete die Polizei am frühen Nachmittag aus dem Haus, fünf von ihnen mussten hinausgetragen werden.

Nachdem es in den vergangenen Tagen nach einer langwierigen Hängepartie um das Theater ausgesehen hatte, zeigten Chris Dercon und Kultursenator Klaus Lederer (Linke) am Donnerstag, dass sie sich von den Besetzern nicht weiter vorführen lassen wollten. „Die Volksbühne hatte den Besetzerinnen und Besetzern ein auf Kompromiss orientiertes, gutes Angebot unterbreitet“, erklärte der Kultursenator. Dies hätten die Aktivisten nicht angenommen. Den Besetzern sei angeboten worden, das Gebäude freiwillig bei Verzicht auf eine Strafverfolgung zu verlassen. Auch Dercon erklärte, ihm sei die Entscheidung, räumen zu lassen, schwergefallen. Doch man habe „keinen gemeinsamen Weg“ finden können.

Am Freitagabend hatten etwa 100 Aktivisten die Volksbühne gekapert. In den folgenden Tagen organisierten sie ein Programm vom Kinderschminken über Tanzperformances bis zu Marxismus- und Gentrifizierungsdebatten. Seitdem hatten intensive Gespräche zwischen der Intendanz, der Kulturverwaltung und den Besetzern stattgefunden. Kultursenator Lederer gab das Ziel aus, die Sicherheit aller Menschen in der Volksbühne sicherzustellen und die Arbeitsfähigkeit des Theaters wiederherzustellen. Das Motto lautete: Deeskalation statt Konfrontation. Im Berliner Senat stieg in den vergangenen Tagen allerdings der Druck auf den Kultursenator, die Situation zu klären. Am Dienstagabend machte die Leitung der Volksbühne den Besetzern deswegen das Angebot, den Grünen Salon und einen Pavillon neben der Volksbühne zu nutzen, dafür das große Haus zu räumen. „Wir haben das Angebot lange diskutiert“, so Sarah Waterfeld, eine Sprecherin der Besetzer, am Donnerstag. „Ob wir es annehmen können, wollten wir erst heute Abend klären“, erklärte sie. Dazu aber sollte es nicht mehr kommen.

Intendant Dercon erscheint in Begleitung der Polizei

Am Donnerstagmorgen stellte sich Intendant Chris Dercon in Begleitung der Polizei der Diskussion mit den Besetzern. Etwa 200 Polizisten sperrten die Eingänge zur Volksbühne ab, Mannschaftswagen fuhren vor, und die Straßen um den Rosa-Luxemburg-Platz wurden weiträumig gesperrt. Laut Polizeisprecher Wilfried Wenzel machte der Intendant klar, dass er erwarte, dass alle Besetzer das Theater verlassen und so die Wiederaufnahme der Proben ermöglichen. Zuvor hatten sich bereits die Mitarbeiter der Volksbühne gegen die Aktivisten gestellt. Eine „kollektive Intendanz“, wie von den Besetzern gefordert, lehnten sie ab.

„Das Angebot des Intendanten ist verlogen“, erklärte einer der Besetzer nach Dercons Eintreffen. „Unser Vorhaben der kollektiven Intendanz ist dadurch nicht mehr realisierbar.“ Doch das spiegelte bei Weitem nicht die Ansicht aller Aktivisten wider. Viele hätten das Angebot annehmen wollen, so Künstlerin Ute Bella Donner. Mit ihr hatten auch einige andere, denen zum Teil nicht einmal der Name Chris Dercon ein Begriff war, das Theater am Donnerstag bereits verlassen.

Zwischenzeitlich äußerte sich Polizeisprecher Wenzel optimistisch, dass die etwa 20 Aktivisten im Innenraum des Theaters freiwillig abziehen würden. Allerdings entschieden die Besetzer anders: Unter dem Beifall Hunderter Unterstützer ließen sie sich friedlich von der Polizei aus dem Gebäude führen. Damit scheint auch für Lederer und den Senat ein ärgerlicher Nebenkriegsschauplatz befriedet.

Lederer: „Wir mussten eine Panik vermeiden“

Im Abgeordnetenhaus musste sich der Kultursenator am Donnerstag dennoch Fragen gefallen lassen, warum er die Besetzung so lange geduldet habe. Er rechtfertigte sein Vorgehen in der Fragestunde der Plenarsitzung. Es seien phasenweise bis zu 500 Menschen in dem Gebäude gewesen. In dieser Situation zu räumen, wäre „unverantwortlich“ gewesen. „Wir mussten eine Panik vermeiden“, sagte Lederer etwa zu der Zeit, als die Polizei und der Intendant mit den Besetzern den Abzug verhandelten. Zunächst sei es darum gegangen, Gefahren für Leib und Leben zu vermeiden. Man habe immer deutlich gemacht, dass die Besetzung nicht akzeptiert werde, so der Linke.

Aus der Opposition kam scharfe Kritik am Kultursenator: Robbin Juhnke (CDU) sagte, es sei zu einem „einwöchigen Besetzungsklamauk“ gekommen. Dafür trage Lederer eine Mitschuld, weil er Dercon kritisiert und dessen Intendanz infrage gestellt habe. Was sagt eigentlich der Regierende Bürgermeister, der als früherer Kultursenator Dercon berufen habe, fragte Juhnke. „Janüscht“, antwortete Michael Müller (SPD) von der Regierungsbank. Florian Kluckert (FDP) forderte von Lederer ein klares Signal an „seine Szene“, dass Chris Dercon bleiben darf. Es sei eine Schande, wie der Intendant auch vom Senat behandelt werde.

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