Satire

Wie Humor gegen die Hetze hilft

Der Israeli Shahak Shapira zog in seiner Jugend nach Deutschland. Als Satiriker rechnet er mit Neonazis und anderen Antisemiten ab.

Der Berliner Künstler Shahak Shapira

Der Berliner Künstler Shahak Shapira

Foto: Shahak Shapira/dpa

Der deutsche Pass kommt nicht rechtzeitig. Shahak Shapira wird am 24. September nur zusehen, wenn die Deutschen den neuen Bundestag wählen. Ohne Pass kein Kreuzchen. Im Januar hat er seinen Antrag gestellt – es reichte nicht. Seit 15 Jahren lebt Shapira in Deutschland, mehr als die Hälfte seines bisherigen Lebens. Hier zahlt er Steuern. Dass er nicht mitbestimmen darf? „Es ist nicht wirklich gerecht oder plausibel“, sagt er an einem Septembermorgen im Café Tischendorf in Neukölln. Der 29-Jährige, der zuletzt mit einer Facebook-Aktion gegen die AfD für Aufsehen sorgte, muss für die deutsche seine israelische Staatsbürgerschaft aufgeben. Er tut es. „So wichtig war es mir“, sagt er.

Satire. Bücher. Aktionskunst: Zum Mitgestalten nutzt Shapira längst alles, was auch ohne Pass geht. Zweieinhalb Millionen Menschen sahen Anfang des Jahres sein Projekt „Yolocaust“. Das Jugend-Kunstwort „Yolo“ steht für „You only live once“ (Man lebt nur einmal) – ein Appell, das Leben zu genießen. Shapira montierte für das Projekt heitere Fotos von Menschen am Holocaust-Mahnmal in Berlin auf Fotos aus Konzentrationslagern. Ergebnis: Die jungen Berlin-Besucher tanzten plötzlich scheinbar auf Leichenbergen. Medien weltweit interessierten sich für das Projekt. Shapira bekam viel Lob. Nicht immer selbstverständlich.

Er ist als Israeli und als jemand, der es gern mit seinen Gegnern aufnimmt, Beschimpfungen und Bedrohungen ausgesetzt. Auf Facebook folgen ihm 120.000, auf Twitter fast 100.000: Da kommt viel Hetze zusammen. Nicht nur gegen ihn. Anfang August sprühte Shapira rassistische, antisemitische, homophobe und frauenfeindliche Hassbotschaften aufs Pflaster vor Twitters Deutschlandzen­trale in Hamburg. So machte er für alle sichtbar, was das Netzwerk offenbar nicht schlimm genug fand, um es zu löschen.

Ein stadtbekannter Neonazi trainiert die Fußballer

Schon als Jugendlicher im sachsen-anhaltinischen Laucha, wohin seine Mutter der Liebe wegen 2002 mit ihren beiden Söhnen gezogen war, musste Shapira viel aushalten. Ein stadtbekannter Neonazi trainierte die Fußballmannschaft. Bei der Kommunalwahl 2009 stimmten 13,5 Prozent für die NPD. Die Geschichte seiner Jugend erzählte er 2016 in seinem Buch „Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen!“.

Auslöser für die Idee, alles aufzuschreiben, war ein Zusammenstoß mit einer Gruppe antisemitischer Männer in der U6, Silvester 2014. „Fuck Israel. Fuck Juden“, grölten sie. Shapira sagte ihnen, sie sollten ruhig sein. Er filmte sie. Es kam zur Prügelei. Er teilte aus, steckte ein, wurde von Freunden in eine Bahn gezogen.

Manche versuchen, ihn zu beleidigen: Er sei nur wegen der Schlägerei bekannt geworden. „Aber das ist keine Beleidigung für mich“, sagt er. „Ich bin bekannt geworden, weil ich mir Hetze und Rassismus in der U-Bahn nicht gefallen lassen habe.“ Sein Großvater war Amitzur Shapira, einer der elf getöteten israelischen Geiseln der palästinensischen Terroristen, die 1972 die Olympischen Spiele in München überfielen. Sein anderer Großvater überlebte unter wahnwitzigen Umständen als Kind in Polen den Holocaust. Grund zu klagen hätte Shahak. Aber er ist mehr der Kämpfertyp. Und er sagt, das sei israelisch. „Wir wollen in Israel nicht mehr Opfer sein.“

Übernahme von 31 geheimen AfD-Gruppen bei Facebook

Sein jüngster Coup: die Übernahme von 31 geheimen AfD-Gruppen bei Facebook. Fast ein Jahr haben er und seine „anonymen Helfer“ das vorbereitet, Mitte August erklärte Shapira dann per Video, die Gruppen mit ihren 180.000 Mitgliedern stünden nun unter Führung der „Partei“ – Martin Sonneborns Satirepartei. Vorher waren die Gruppen von Bots, also automatisiert, mit AfD-nahen Botschaften gefüttert worden. „Es ging darum, uns allen zu zeigen, wie Menschen manipuliert werden“, sagt Shapira. „Und darum, ein großes Netzwerk für Hetze und Fake News zu zerstören.“ Es gab Bewunderung dafür – und Kritik, etwa: „Bringt doch nichts.“ Das lässt er nicht gelten. Vielleicht habe er doch bei manchen einen Prozess des Umdenkens anstoßen können. Und überhaupt: „Am 24. September zieht die AfD in den Bundestag, und wo sind deine tollen Aktionen, die das verhindert haben?“, fragt er die Kritiker.

Wenn der Pass jetzt auch zu spät kommt, um am 24.9. mitzuwählen – am Ende wird er ihn doch bekommen, und damit auch kein Israeli mehr sein. Was macht das mit seiner Identität? Fühlt er sich als Deutscher? „Von der Herkunft bin ich immer noch Israeli“, sagt er. „Ich bin da aufgewachsen, das kann man nicht rückgängig machen. Was ja auch o. k. ist. Man wird auch nicht aufhören, mich als Israeli zu behandeln.“ Sein Äußeres mache da natürlich weniger Probleme, aber sein Name. „Die Leute werden immer fragen, wo kommst du eigentlich her?“, sagt er. Und das gelte natürlich nicht nur für ihn. „Das ist der Grund, warum Inte­gration oft scheitert, weil die Leute an ihrem Bild des deutschen Volks festhalten, so was kommt davon, wenn die AfD sagt ,Neue Deutsche machen wir selbst‘. So ein Scheiß“, sagt er.

Stand-up-Programm zum "German Humor"

Manchmal hätte er gern, dass nicht alle seine Scherze auf die Frage abgeklopft werden, was das bringe. Aber das passiert vielleicht, wenn man einerseits eine Comedy-Bibel namens „Holyge Bimbel“ im Internet-Abkürzungs-Denglisch herausgibt und sich gleichzeitig mit Ernsthaftigkeit politisch engagiert. Zu Fragen des deutschen Humors äußert Shapira sich ab Januar in dem Stand-up-Programm „German Humor“ genauer. Und sollte er irgendwann das Dasein zwischen Politaktivist und Spaßvogel satt haben – oder die Hassbotschaften, die damit einhergehen: Als gelernter Werber hat er einen Reserveberuf. Noch sieht es nicht so aus, als würde er ihn brauchen.

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