Polizeibericht

Breitscheidplatz: Chaos schon in „Phase 1“ des Einsatzes

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Ulrich Krätzer
Dieser Lkw war die Waffe, die Anis Amri für seinen Terroranschlag am Breitscheidplatz benutzte

Dieser Lkw war die Waffe, die Anis Amri für seinen Terroranschlag am Breitscheidplatz benutzte

Foto: imago stock / imago/Seeliger

Eine echte Führungsverantwortlichkeit gab es bei der Polizei laut Bericht nach dem Anschlag nicht. Nur einer mehrerer schwerer Fehler.

Die erste Meldung kam um 20.01 Uhr. Beamte hatten einen Knall aus Richtung Budapester, Hardenbergstraße gehört. Sie waren Ohrenzeugen des bisher schwersten Terroranschlags in Deutschland geworden – der Lkw-Todesfahrt des Tunesiers Anis Amri am 19. Dezember 2016. Das Engagement der Polizisten ist oft gewürdigt worden. Doch die Mitglieder einer polizeiinternen „Nachbereitungskommission“ listen in einem unveröffentlichten „Schlussbericht“, der der Berliner Morgenpost und dem RBB vorliegt, viele Versäumnissen und Fehleinschätzungen auf – vor allem auf der Führungsebene.

Vor allem in „Phase 1“, den ersten drei Stunden des Einsatzes, verlief die Führung offenbar chaotisch. Ein Mitarbeiter der Einsatzleitzentrale übernahm eine halbe Stunde nach dem Anschlag die Führung. Viele Einsatzkräfte erfuhren davon aber nichts. „Die Kräfte direkt am Anschlagsort erhielten vom Polizeiführer Phase 1 keine Aufträge und handelten in weiten Teilen intuitiv“, heißt es. Vom Informationsfluss war der Polizeiführer weitgehend abgeschnitten. „Eine gezielte Einflussnahme auf die polizeilichen Maßnahmen und die Einsatzsteuerung war dem Polizeiführer durch diesen Umstand nur sehr eingeschränkt möglich.“

Ungeordnet war auch der Funkverkehr. Einsatzkräfte sprachen auf unterschiedlichen Kanälen oder mit Privathandys. Sie sollten einen „Amokkanal“ nutzen. „Dabei ist zu berücksichtigen, dass ein ‚Amokkanal‘ zur stadtweiten Führung nicht existiert“, heißt es.

Polizeipräsident Kandt gerät in Bedrängnis

Polizeipräsident Klaus Kandt gerät durch den Bericht in Bedrängnis. Denn seine Behörde war offenbar schlecht vorbereitet. Und: Nach der Festnahme eines Tatverdächtigen, der mit der Todesfahrt nichts zu tun hatte, hielt die Polizei laut Bericht eine Sofort-Fahndung offenbar nicht für nötig. Kandt hatte diesen Zusammenhang im Innenausschuss auf Anfrage des FDP-Abgeordneten Marcel Luthe verneint. Die Polizei habe nach der Festnahme „nichts anderes vernachlässigt“.

Kandt habe „dem Parlament gezielt über Monate das Ausmaß des Führungsversagens verschwiegen“, kritisiert Luthe. Die Berliner Polizeibeamten machten eine hervorragende Arbeit. „Aber die aus politischem Kalkül eingesetzten Funktionäre an der Spitze sind offenbar nicht mit der Lösung, sondern allein mit der Vertuschung der Probleme beschäftigt“, sagte Luthe.

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