Anschlag in Berlin

Terroropfer: "Wenn ich Sirenen höre, zucke ich zusammen"

Richard Ramirez hat beim Anschlag auf dem Breitscheidplatz seinen Lebenspartner verloren und wurde selbst schwer verletzt.

Empfang 2017 der Berliner Morgenpost: Anwalt Roland Weber und die Angehörigen von Opfern Sascha Klösters, Astrid Passin und Richard Ramirez

Empfang 2017 der Berliner Morgenpost: Anwalt Roland Weber und die Angehörigen von Opfern Sascha Klösters, Astrid Passin und Richard Ramirez

Foto: Jörg Krauthöfer

Richard Ramirez war gerührt, als am Mittwoch beim Empfang der Berliner Morgenpost den Opfern des Anschlages vom Breitscheidplatz besonders gedacht wurde. Der 63-jährige US-Amerikaner ist noch nicht zur Ruhe gekommen, will aber stark sein - auch und vor allem wegen des Gedenkens an seinen getöteten Lebensgefährten.

Herr Ramirez, wir sind hier im Bikini-Haus, also gleich neben dem Breitscheidplatz. Ist es schwer für Sie, hier zu sein?

Richard Ramirez: Nein, im Gegenteil. Ich fahre jeden Sonnabend mit meinem Fahrrad zum Breitscheidplatz. Es ist mein Anspruch an mich selbst, regelmäßig hier zu sein und an eine Person zu denken, die ich liebte und die ich durch den Anschlag verloren habe.

Also werden Sie Berlin treu bleiben?

Berlin ist meine Heimat. Ich lebe, mit kurzen Unterbrechungen, schon seit 20 Jahren hier. Es liegt nicht in meiner Hand, ob ich bleiben kann. Mein Visum läuft in einem Jahr ab.

Wie hat sich seit dem Anschlag Ihr Leben verändert?

Es ist für mich besonders schwer, dass ich, obwohl ich hier lange schon wohne, kein soziales Netzwerk habe. Mein Leben drehte sich um meinen Partner. Ich weiß nicht, wie es weiter geht. Ich lebe von Tag zu Tag und frage mich immer wieder: Warum an dem Tag? Warum an diesem Ort? Warum auf diese Weise?

Haben Sie Hilfe bekommen?

Ich bekomme das Geld für meine Miete und den Lebensunterhalt. Ich habe auch psychologische Unterstützung bekommen, in der Trauma-Ambulanz des St. Hedwig-Krankenhauses in Mitte und beim Berliner Krisendienst. Aber man kann nicht alles mit Geld ersetzen. Es gibt Dinge, die sind unersetzbar. Ich denke aber, die Sachen, die gemacht werden konnten, sind gemacht worden.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie von Anschlägen wie in Barcelona hören, die ganz ähnlich abliefen?

Wenn man das im TV sieht, fühlt es sich an, als ob man einen Film in 3-D schaut. Es packt dich, wirft dich um. Aber es gibt ja, wenn es nicht mehr zu ertragen ist, immer noch den Ausschaltknopf.

Werden Sie je zur Ruhe kommen?

Ich weiß es nicht. Wenn ich die Sirenen von Polizeiautos oder Ambulanzwagen höre, zucke ich jedesmal zusammen. Die Alternative wäre, zuhause zu bleiben und nicht mehr am Leben teilzunehmen. Aber das hieße ja, aufzugeben.

Berliner helfen e.V., der Verein der Berliner Morgenpost, hat unmittelbar nach dem Anschlag am Breitscheidplatz 50.000 Euro für die Opfer und Hinterbliebenen gespendet.

Mehr zum Thema:

Alle News und Hintergründe zum Fall Amri

Goldener Riss vor Gedächtniskirche - Gedenken an Opfer

Neue Vorwürfe im Fall Amri gegen Berliner LKA-Chef

Die größte Angst der Deutschen ist der Terrorismus

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.