Die armen Schüler bleiben unter sich

Während einige Sekundarschulen von Eltern und Schülern nachgefragt sind, werden Standorte, die nicht das Abitur anbieten, abgehängt.

Schulleiter Nuri Kiefer von der Hannah Höch Gemeinschaftsschule

Schulleiter Nuri Kiefer von der Hannah Höch Gemeinschaftsschule

Foto: David Heerde

Vier Jahre lang führte der Weg von Nuri Kiefer zur Arbeit vorbei an Reinickendorfer Hochhäusern, am Döner für einen Euro, dann an der kleinen Moschee. Dahinter liegt der Campus Gemeinschaftsschule Hannah Höch mit einer Grundschule und einer Sekundarschule. Bis zum Sommer hatte Kiefer als Schulleiter versucht, die Resteschule, wie er sie nennt, attraktiver zu machen, doch zum neuen Schuljahr hat er aufgegeben. Vom Bezirksamt fühlte er sich in seinen Bemühungen ausgebremst, deshalb wechselte er nun an eine Schule in Charlottenburg.

Der Campus Hannah Höch ist für Kiefer eine Paradebeispiel dafür, dass das Ziel der Sekundarschulreform „grandios gescheitert“ ist. Weil die Schule keine gymnasiale Oberstufe anbieten kann, sammeln sich hier verstärkt Schüler, die eine weiterführende Bildung nicht wollen oder nicht schaffen würden. Die Schulreform, bei der vor sieben Jahren Haupt- und Realschulen zusammengelegt wurden, sollte eigentlich eine bessere Durchmischung schaffen. „Stattdessen hat sie isolierte, künstliche Milieus produziert“, sagt Kiefer. „Sekundarschulen ohne Oberstufe werden zu den neuen Hauptschulen.“

Das belegt auch die Begleitstudie zur Schulstrukturreform, die im Frühjahr vorgestellt wurde. „Der Zusammenhang zwischen familiärer Herkunft und Kompetenzerwerb ist unverändert geblieben“, schreiben die Autoren vom Deutschen Institut für Pädagogische Forschung (DIPF). Zu der Gruppe der besonders benachteiligten Standorte gehören nach der Reform bis auf wenige Ausnahmen Sekundarschulen ohne eigene Oberstufe, insbesondere umgegründete Hauptschulen, heißt es in der Studie. An diesen Schulen haben sich die Leistungen der Schüler in Deutsch und in den Naturwissenschaften sogar teilweise verschlechtert.

Wenn Nuri Kiefer über seinen ehemaligen Campus geht, ist er trotzdem sichtlich stolz. Das Gelände ist unglaublich grün. Schüler gärtnern, hängen Bastelarbeiten in die Fenster. Auch das ist exemplarisch für Sekundarschulen ohne Oberstufe, findet Kiefer. „Wir mussten uns neue Konzepte und Strategien ausdenken, um Schüler weiterhin anzusprechen. Wir setzen dabei auf Kreativität und Gemeinschaft.“ Um eine bessere Durchmischung der Schülerschaft zu erreichen, kämpfte Kiefer zusätzlich um eine eigene Abiturstufe an dem Campus im Märkischen Viertel. Doch der Bezirk habe das nicht unterstützt, sagt er.

Eltern meiden oft Schulen ohne Abiturstufe

Seit der Strukturreform gibt es in Berlin nur noch zwei Arten von weiterführenden Schulen: das Gymnasium und die Sekundarschule, die aus ehemaligen Haupt-, Gesamt- und Realschulen entstanden ist. Am Gymnasium können Schüler in zwölf Jahren das Abitur machen, an der Sekundarschule in 13 Jahren. Doch nicht alle haben eine eigene Abi­turstufe. Dort müssen die Schüler nach der zehnten Klasse die Schule wechseln, wenn sie einen höheren Schulabschluss anstreben. Für viele Eltern ist das unattraktiv, die Schulen sind deshalb oft wenig nachgefragt.

Die Senatsverwaltung für Bildung hat das Problem erkannt. Sekundarschulen können eine eigene Oberstufe beantragen, wenn sie mindestens 50 Schüler haben, die das Abitur machen können. Sollte die Schülerzahl nicht ausreichen, gibt es auch Modelle, nach denen zwei Sekundarschulen eine Oberstufe im Verbund anbieten. Doch nicht immer ist das möglich.

Oft gibt es nicht den Platz in den vorhandenen Gebäuden, um noch drei Schuljahre draufzusetzen. Oder es fehlt an Schülern oder Schulen in der Nachbarschaft, mit denen sich ein Verbund anbieten würde.

Die Reform sollte eigentlich bessere individuelle Förderung schaffen und die Bildungschancen abkoppeln von der sozialen Herkunft. Fragt man Schulleiter Nuri Kiefer, ist dieser Plan nicht aufgegangen. Die alte Schulstruktur existiere in der neuen weiter. „Etikettenschwindel“ nennt Kiefer das. Um den erneuten Schulwechsel nach der zehnten Klasse zu vermeiden, wären Eltern nun noch mehr darauf fokussiert, ihre Kinder nicht auf eine Sekundarschule ohne Oberstufe zu schicken. Wer dennoch hier ankommt, der habe es oft anderswo nicht geschafft.

Schüler, die aus einem sicheren Umfeld kommen, hätten Vorteile. Sie hätten es leichter, effizient zu lernen, von einem Gymnasium angenommen zu werden, einen guten Abschluss zu machen, erklärt Kiefer. „Aber die, die bereits benachteiligt starten, haben es jetzt besonders schwer.“ Wem es an einem ruhigen Ort zum Lernen mangelt, an Geld für Nachhilfe oder zeitlicher Unterstützung durch die Familie, der müsse nun noch mehr kämpfen, um nach der zehnten Klasse den Sprung zum Abitur zu schaffen.

Hinzu kommt der sogenannte Creaming Effekt, sagt Kiefer. Nachgefragte Gymnasien könnten sich aus all den Bewerbern die besten Schüler aussuchen. Sekundarschulen hingegen würden das Gros der Integration und Inklusion leisten. „Schulen ohne gymnasiale Oberstufe werden damit zu Brennpunktschulen, kaum nachgefragte Resteschulen“, fasst Kiefer die Situation zusammen.

Forderung nach Oberstufe für alle Sekundarschulen

Kiefer blickt auf die tobenden Schüler auf dem Pausenhof. „Es fehlt die Heterogenität des Milieus, die Vielfalt der sozialen Herkunft.“ Zwar gebe es auf dem Campus Hannah Höch eine große Vielfalt an Ethnien. Der Migrationshintergrund der Schüler sei aber kaum das Problem. Vielmehr stammten die meisten Schüler aus wirtschaftlich benachteiligten Familien. Eine soziale Durchmischung existiere kaum. So gebe es Regionen, in denen zwar viele Kinder mit Migrationshintergrund leben, aber die Schüler seien zu 100 Prozent deutscher Herkunft. Andererseits gäbe es Schulen, an denen 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben, obwohl die Bevölkerung viel ausgeglichener sei.

Kiefer fordert: Alle Sekundarschulen sollten ihre eigene oder eine gemeinsame Oberstufe im Verbund haben. Schulen in sozialen Brennpunkten bräuchten deutlich mehr Lehrer und kleinere Klassen, damit eine intensive individuelle Förderung tatsächlich gewährleistet werden kann.

Dennoch haben Kiefer und sein Kollegium alles versucht, um ihren Schülern auch ohne diesen Bedingungen die besten Voraussetzungen zu bieten. Das hat gewirkt: 70 Prozent der Sechstklässler aus der Grundschule auf dem Campus geben die benachbarte Sekundarschule als erste weiterführende Wunschschule an. Einigen Schülern fällt es richtig schwer zu gehen. Michelle muss auf ein Oberstufenzentrum wechseln, um ihr Abitur zu machen. Die Fünfzehnjährige möchte Tierärztin werden. Am liebsten würde sie aber am Campus Hannah Höch bleiben. „Ich bin die Umgebung gewöhnt und kenne die Schule in- und auswendig“, sagt die Schülerin.

Alle Teile der Schulserie finden Sie hier