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Schulen in Berlin: Mathematik lernen am Computer

Medienbildung ist im neuen Lehrplan Pflicht, doch oft fehlt die Technik. Ein Einblick.

Die Schülerinnen Bercen und Burutki lernen am Rückert-Gymnasium mit dem Tablet im Matheunterricht. Die Technik haben die Eltern mitfinanziert

Die Schülerinnen Bercen und Burutki lernen am Rückert-Gymnasium mit dem Tablet im Matheunterricht. Die Technik haben die Eltern mitfinanziert

Foto: Amin Akhtar

Mathematikunterricht am Rückert-Gymnasium in Schöneberg. Geodreieck und Radiergummi brauchen die Schüler nicht. Durch Tippen und Wischen auf ihren Tablets entstehen die Graphen fast wie von alleine. Auch Kreide und Schwamm gehören hier der Vergangenheit an. Rechenwege werden auf das Smartboard projiziert. Das Rückert-Gymnasium ist eine Vorzeigeschule für Digitalisierung. Tatsächlich kommt es bei der Umsetzung aber auch immer wieder zu Problemen. Wie vielen Schulen mangelt es vor allem an Geld und Konzepten.

In diesem Schuljahr tritt der neue Rahmenlehrplan in Kraft. Erstmals ist darin Medienbildung verpflichtend in allen Fächern und Klassenstufen vorgesehen. Doch die Schulen stellt das häufig vor große Probleme. Oft fehlt die nötige Technik oder sie ist völlig überaltert. "Wer sich in staatlichen Berliner Schulen nur auf die Technik verlässt, ist oft verlassen", sagt Paul Fresdorf, bildungspolitischer Sprecher der FDP. Er fordert: "Wir brauchen mehr finanzielle Mittel für digitale Unterrichtsmaterialien, mehr und regelmäßigen Zugang zu Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrkräfte, Smartboards, Programmen und Betriebssystemen."

Graphen lassen sich drehen und heranzoomen

Die sogenannte Tabletklasse, in der Mathematiklehrerin Jessica Ebrahimi am Rückert-Gymnasium unterrichtet, gibt es seit 2013. Ab der zehnten Klasse können Schüler, die sich für den Fachbereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, kurz MINT, entscheiden, zwischen einer analogen oder digitalen Route wählen – Papier oder Tablet.

Ebrahimi findet digitales Lernen vor allem praktisch. "Die Software hilft den Schülern, Gleichungen zu veranschaulichen. Anders als auf dem Papier lassen sich Graphen drehen, heranzoomen, ausschneiden." Zudem können Schüler jederzeit auf ihre Arbeit aus den vergangenen Jahren zugreifen, sich von zu Hause auf den Schulserver einloggen. Alles bleibt in der Cloud gespeichert. "Gegenüber anderen haben sie einen klaren Lernvorteil im Umgang mit Computern", sagt Ebrahimi.

Die Entscheidung, das Lernen zu digitalisieren, fiel an der Schule vor vier Jahren. "Wir mussten uns zum bilingualen Zug zusätzlich etwas einfallen lassen, damit die Schule interessant bleibt", erklärt Schulleiter Jörg Balke. Deswegen gibt es zudem auch eine Robotics-AG, 20 Smartboards und einen starken Informatik-Fachbereich.

Die Finanzierung seiner Tabletklassen stellte sich als Problem heraus. Die Eltern wurden an den Kosten beteiligt. Auch der Förderverein habe mitgeholfen. "Alles was wir machen, bestreiten wir selbst und mit großer Initiative von der Schule und den Eltern", sagt Balke.

Nun hofft Balke wie viele andere Schulen auf den sogenannten Digitalpakt. Im Herbst 2016 hatte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) den Digitalpakt vorgestellt – eine Bildungsoffensive für die digitalen Wissensgesellschaft.

Über einen Zeitraum von fünf Jahren sollen alle Schulen in Deutschland insgesamt fünf Milliarden Euro erhalten, um ihre digitale Ausstattung zu verbessern. Seit Januar arbeiten Bund und Länder an einer entsprechenden Vereinbarung. Der Bund hat in den Gesprächen fünf Milliarden Euro zwischen 2018 bis 2022 in Aussicht gestellt, um die Schulen mit der nötigen Technik auszustatten. Berlin würde nach dem Verteilungsschlüssel davon 5,08 Prozent erhalten.

Die Länder sollen im Gegenzug für die Fortbildungen sorgen und die Lehrpläne überarbeiten. Da die Vereinbarung jedoch noch nicht unterzeichnet ist, ist das Geld auch noch nicht im Bundeshaushalt für 2018 eingeplant. Doch die Bundesministerin ist zuversichtlich, schließlich steht der Digitalpakt im Regierungsprogramm der CDU/CSU. In den Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl werde er eine entscheidende Rolle spielen.

Schulleiter Jörg Balke wünscht sich aber auch mehr konzeptionelle Unterstützung. In mühsamer Kleinstarbeit mussten Lehrer, Eltern und Schüler sich Konzepte und Materialien selbst erarbeiten. Dabei geholfen habe nur die Humboldt-Universität. "Wir fühlen uns ziemlich alleingelassen", sagt Schulleiter Jörg Balke. Seit dem Jahr 2005 gibt es in in der deutschen Hauptstadt den sogenannten eEducation Masterplan. Dazu gehören Fortbildungen, die Verbesserung der technischen Ausstattung und die Förderung besonderer digitaler Projekte. Ausgeweitet wird in diesem Schuljahr nach Angaben der Bildungsverwaltung das Pilotprojekt zur Wartung der Technik. An 31 Schulen soll es externe Service-Technikteams geben. Doch das reicht offenbar nicht aus. FDP-Politiker Paul Fresdorf kritisiert, dass es für die Fortbildungen häufig zu wenige Plätze gebe.

Zu den Tablets für mittlerweile vier Klassen des Rückert Gymnasiums kommen 150 Computer mit veralteten Systemen, hier und da ein kaputtes Smartboard. "Allein für die Wartungen bräuchten wir zwei bis drei Vollzeitstellen. Zurzeit ist das ein einziges Durchwurschteln. Die Lehrer, der Hausmeister und zwei Sekretärinnen machen alles alleine", sagt Schulleiter Balke.

Dass die Technik nicht auf dem neuesten Stand ist, merken die Schüler, wenn viele gleichzeitig auf das Internet zugreifen. Dann hakt es. "Der Server ist nach einer Weile einfach überlastet", sagt der Schüler Tobias. Der 15-Jährige beantwortet gerade die Aufgabe zur Differentialrechnung. Das lange Laden der Seiten im Internet nervt ihn.

Alte und schwache Stromleitungen

Viele Berliner Schulen sind sanierungsbedürftig, die Technik aufzurüsten wäre also eine finanzielle Mammutaufgabe. Auch Schulleiter Balke verweist auf das mehr als 100 Jahre alte Gebäude. "Das Stromnetz ist nicht auf so moderne Technik und eine so starke Nutzung ausgerichtet." Eine Zeit lang waren Stromausfälle an der Tagesordnung. "Da flog die Sicherung mehrmals am Tag raus." Geld für eine Grundsanierung gibt es bisher nicht.

Während sich die Schüler in Ebrahimis Matheunterricht einig sind, dass die Tablets trotz allem ein Gewinn sind, gibt es in anderen Schulfächern Probleme mit dem Lehrmaterial. Die Hersteller der Ebooks, die auf den Tablets gelesen werden, kommen kaum hinterher, erklärt Balke. Denn es reicht nicht, eine Printausgabe zu kopieren. Das Buch muss verlinkt, interaktiv, bearbeitbar sein. Hinzu kommt, dass eine Schule Lizenzen oft nur erhält, wenn sie vorher auch das Printbuch gekauft hat, sagt Balke.

Für Schulleiter Balke war die Entscheidung, seine Schule zu digitalisieren, trotz der Grenzen, an die er immer wieder stößt, richtig: "Wir müssen entscheiden, ob wir den Unterricht wie althergebracht machen und uns beklagen, dass die Schüler heute dies und das nicht mehr so können, wie es früher der Fall war. Oder wir nutzen das, was sie können und arbeiten damit." Er wolle die Erlebniswelt der Jugendlichen mit der Schule verbinden, sagt der Schulleiter.

Im Mathematikunterricht von Jessica Ebrahimi am Rückert-Gymnasium ist es mittlerweile still geworden, nur hier und da arbeiten Schüler zu zweit. Manche leise flüsternd. Die Tasten der Tablets klicken. Aber nicht überall. Es gibt auch noch Mädchen und Jungen, die Bleistift und Papier benutzen. Einige Schüler schreiben den Lösungsweg auf Papier mit. Gemäß dem Motto: Doppelt hält besser. Am Ende des Unterrichts projiziert Ebrahimi die richtige Antwort auf das Smartboard – abfotografiert vom Papier, mit dem Handy.

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