Anstieg von Straftaten

Der Alexanderplatz ist Berlins Zentrum der Kriminalität

Seit 2008 verzeichnet die Polizei in der Hauptstadt einen massiven Anstieg bei den Straftaten. Zehn Gebiete ragen dabei heraus.

Polizeistreife auf dem Alexanderplatz

Polizeistreife auf dem Alexanderplatz

Foto: Reto Klar

Berlin ist mit 16.161 erfassten Straftaten pro 100.000 Einwohner in der Bundesrepublik die Hauptstadt des Verbrechens. Warum das so ist, zeigen aktuelle Zahlen für die zehn kriminalitätsbelasteten Orte (kbO), die der Berliner Morgenpost detailliert vorliegen. An diesen Orten gab es seit 2008 einen deutlichen Anstieg der Straftaten.

Die lange geheim gehaltenen Daten geben erstmals Einblick, wie sich Berlins gefährlichste Orte entwickelt haben. Generell lässt sich sagen: Unter den zehn Kriminalitätsschwerpunkten stechen der Alexanderplatz, das Kottbusser Tor und die Warschauer Brücke hervor, da sich dort die Anzahl der registrierten Straftaten massiv erhöht hat. Bis auf den Hermannplatz sind die Zahlen auch an allen anderen kriminalitätsbelasteten Orten gestiegen. Dazu zählen der Kleine Tiergarten, die Rigaer Straße, die Hermannstraße, der Leopoldplatz, Schöneberg-Nord und der Görlitzer Park.

"Indizien für eine Trendumkehr in einzelnen Bereichen"

Allerdings ist die Entwicklung in den einzelnen Kriminalitätsfeldern sehr unterschiedlich, und es gibt auch Anlass zur Hoffnung. "Die Zahlen sind immer noch nicht glorreich, aber es gibt Indizien für eine Trendumkehr in einzelnen Bereichen", sagte Polizeisprecher Winfrid Wenzel der Berliner Morgenpost. So gibt es seit einem Jahr etwa deutlich sinkende Fallzahlen im Bereich Taschendiebstahl. Auch die Zahl der Körperverletzungen ging in den vergangenen Monaten zurück.

Obwohl die Daten nur vorläufig und auch nur bedingt vergleichbar sind, da etwa auf dem Alexanderlatz wesentlich mehr Menschen unterwegs sind als auf dem Leopoldplatz und sich über die Jahre auch die Grenzen der erfassten Orte verschoben haben, so lassen sie doch Rückschlüsse zu, welche Auswirkungen die polizeiliche Arbeit auf die Kriminalitätsentwicklung vor Ort hat.

Mitte

Alexanderplatz Der Alexanderplatz in Mitte ist unter den kriminalitätsbelasteten Orten (kbO) in der Hauptstadt der Schwerpunkt. Hier wurden 2008 noch 4164 Straftaten registriert. Diese Zahl kletterte 2015 zwischenzeitlich auf 8644. Im vergangenen Jahr waren es noch 7820 und im ersten Halbjahr 2017 insgesamt 3492 erfasste Delikte. Die größten Probleme bereiten der Polizei der Taschen- und Ladendiebstahl sowie die Körperverletzung. Allein 2016 wurden am Alex 564 Körperverletzungen regis­triert. Das sind 1,5 Fälle pro Tag.

Spätestens seit dem Todesfall Jonny K. im Jahr 2012 wird eine breite öffentliche Debatte über Gewalt am "Alex" geführt. An diesem Donnerstag soll nun der symbolische Spatenstich für die neue "Alexwache" erfolgen. Ab Dezember – so der Plan – werden auf der 70 Quadratmeter großen Kombiwache Landespolizei, Bundespolizei und Ordnungsamt gemeinsam Dienst tun. Die Wache wird rund um die Uhr besetzt sein. Das Ziel: Die Kriminalität soll am Alex weiter zurückgedrängt werden. Dass die Fallzahlen 2016 erstmals sanken, ist laut Polizei ein Indiz dafür, dass die gestiegene Präsenz Wirkung zeigt. Die bisherigen Zahlen für 2017 bestätigen diesen Eindruck.

Kreuzberg

Kottbusser Tor Neben dem Alexanderplatz ragt der Bereich um das Kottbusser Tor in Kreuzberg unter den kriminalitätsbelasteten Orten Berlins hervor. Auch dort zeigte die Polizei zuletzt mehr Präsenz. Im Februar startete der Probelauf "Einsatztrupp Kottbusser Tor", um der Kriminalität dort Herr zu werden. Zudem befahren seit Dezember 2016 zwei uniformierte Streifen mit je fünf Dienstkräften gegenläufig den Streckenabschnitt von der Warschauer Brücke bis zum Kottbusser Tor. Insgesamt hat sich auch hier die Zahl der Straftaten seit 2008 nahezu verdoppelt. Waren es vor neun Jahren noch 3304 Straftaten, kletterte deren Zahl im Jahr 2016 auf 6027. Im ersten Halbjahr 2017 waren es 2981 Straftaten. Dass das Kottbusser Tor als Drogenumschlagplatz gilt, bestätigt auch die Statistik. 840 Straftaten im Zusammenhang mit Drogen wurden im vergangenen Jahr dort registriert – dreimal so viele wie 2008. Wesentlich dramatischer ist die Entwicklung bei den Taschendiebstählen. Deren Zahl stieg von 147 im Jahr 2008 auf 927 im vergangenen Jahr.

Görlitzer Park Gemeinsam mit der Warschauer Brücke und dem Kottbusser Tor werden die drei Orte auch als "Achse des Bösen" bezeichnet. Der frühere Innensenator Frank Henkel (CDU) hatte für den Park eine "Null-Toleranz-Strategie" für Drogendelikte ausgerufen, die unter seinem Nachfolger Andreas Geisel (SPD) kassiert wurde. Man wolle sich lieber um die Rohheitsdelikte kümmern, da man den Drogenhandel sowieso nicht vollends verbieten könne, hieß es. Und das scheint sich auch in der Statistik niederzuschlagen. Seit 2014 ist die Zahl der Körperverletzungen von 146 auf 58 im vergangenen Jahr und 25 im ersten Halbjahr 2017 gefallen. Bei den Drogenstraftaten war ebenfalls 2015 mit 1068 Fällen der Höhepunkt. Ein Jahr später wurden von der Polizei nur noch 618 Fälle erfasst – wobei hier unklar ist, ob es tatsächlich weniger Dealer gibt oder die Polizei eben einfach öfters wegschaut.

Friedrichshain

Warschauer Brücke Mehr als 50 Prozent der Straftaten an der Warschauer Brücke werden am Wochenende begangen – also dann, wenn dort die meisten Touristen unterwegs sind. Die Gesamtzahl der Straftaten hat sich von 2008 bis 2015 verdreifacht – von 2165 auf 6677. Eine Entspannung gab es erstmalig im vergangenen Jahr. Die Zahl der Straftaten fiel auf 4562. Im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es 1931.

Eine wahre Explosion der Fallzahlen gab es beim Taschendiebstahl. Wurden 2008 gerade einmal 100 Fälle erfasst, waren es 2015 bereits 1745. Im vergangenen Jahr verbesserte sich die Lage etwas: Die Polizei registrierte 833 Taschendiebstähle, im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es nur noch 262. Ähnlich sieht die Entwicklung bei den Körperverletzungen aus. Nach einem kontinuierlichen Anstieg von 2008 bis 2015, fiel auch hier die Zahl der Delikte 2016 und im ersten Halbjahr 2017 deutlich.

Rigaer Straße Die Rigaer Straße ist vor allem wegen ständiger Attacken gegen Polizeibeamte als kbO eingestuft. Zudem kommt es dort häufig zu Körperverletzungen, Sachbeschädigungen, Bedrohungen und Propagandadelikten. Im direkten Vergleich zu den anderen kbO ist die Gesamtzahl der Straftaten niedriger und auch relativ konstant – von 1238 erfassten Fällen im Jahr 2008 auf 1701 erfasste Delikte im vorigen Jahr. Eine Besonderheit: Im Gegensatz zu den anderen Orten führen in der Rigaer Straße die Sachbeschädigungen die Statistik an, gefolgt von den Körperverletzungen.

Neukölln

Hermannplatz/-straße Der Hermannplatz und Teile der Hermannstraße in Neukölln sind ebenfalls als kbO eingestuft, weil es dort gehäuft zu sämtlichen Arten von Kriminalität kommt. Beim Hermannplatz handelt es sich um einen der Verkehrsknoten in der Stadt, der zudem in einem sozialen Brennpunkt liegt. Es kommt häufig zu Körperverletzungen, Diebstahl und Drogendelikten. An der Hermannstraße werden zudem häufig Überfälle und Körperverletzungen gemeldet – auch zwischen rivalisierenden arabischen Clans. Illegales Glücksspiel ist an der Hermannstraße ebenfalls ein Thema. Bundesweit für Aufsehen sorgte der Fall des U-Bahn-Treters an der Hermannstraße. Insgesamt stieg die Zahl der Delikte an der Hermannstraße in den vergangenen Jahren von 2696 im Jahr 2008 auf 3457 (2016) massiv an. Den Höhepunkt bei den Körperverletzungen gab es mit 483 Taten im Jahr 2012. In 2016 wurden noch 331 Körperverletzungen registriert.

Der Lichtblick in der Polizeistatistik ist der Hermannplatz. Hier sind die Fallzahlen über die Jahre nahezu gleich geblieben. Wurden hier in 2008 insgesamt 1342 Straftaten erfasst, waren es im vergangenen Jahr 1333. Die Zahl der Körperverletzungen sind stark rückläufig – von 165 in 2008 auf 90 in 2016. Ist der Trend am Hermannplatz weiter so positiv, ist es denkbar, dass dieser Platz unter den gefährlichsten Orten Berlin als Erster seinen Status als kbO verliert.

Tiergarten

Kleiner Tiergarten: Drogenhandel, Gewaltkriminalität und Diebstähle. Seit Anfang Februar 2016 ist die Polizei mit mehr Beamten vor Ort, um der Lage Herr zu werden. Vor allem bei den Körperverletzungen sind die Fallzahlen zuletzt kräftig gestiegen – von 121 Delikten im Jahr 2008 auf 216 im vergangenen Jahr. Im ersten Halbjahr 2017 wurden 122 Körperverletzungen registriert. Es ist also wahrscheinlich, dass die Zahlen noch einmal über denen des Vorjahres liegen werden. Auch bei den Drogendelikten kletterten die Fallzahlen rasant – von 140 (2008) auf 689 im Jahr 2016. Allerdings handelt es sich dabei auch um ein Kontrolldelikt. Heißt: Wenn niemand kontrolliert, tauchen die Fälle in der Statistik auch nicht mehr auf. Da der Kleine Tiergarten als Drogenumschlagplatz bekannt ist und er durch das in der Nähe liegende Landesamt für Gesundheit und Soziales 2015 auch deutschlandweit bekannt wurde, hatte die Polizei dort ihre Kontrollen massiv verstärkt.

Wedding

Leopoldplatz Der Leopoldplatz in Wedding ist besonders wegen Drogenhandels und -missbrauchs bekannt. Zudem kommt es laut Polizei immer wieder zu Überfällen, Taschendiebstahl und Schlägereien. Seit 2008 haben sich die Drogendelikte von 154 auf 276 nahezu verdoppelt. Im ersten Halbjahr 2017 waren es bereits 206. Einen Anstieg gab es auch beim Taschendiebstahl und bei den Körperverletzungen.

Schöneberg

Schöneberg-Nord Der sogenannte Regenbogenkiez um den Nollendorfplatz ist das Mekka der lesbischen und schwulen Szene in der deutschen Hauptstadt und gilt als Berlins tolerantester Kiez. Auch dort hat sich die Anzahl der Straftaten seit 2008 nahezu verdoppelt – von 1480 in 2008 auf 2564 in 2016.

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