Diskriminierung

Mit exotischem Namen findet man kaum eine Wohnung in Berlin

Berliner mit fremd klingenden Namen haben es bei der Wohnungssuche schwer. Der Senat hat mit einer Beratungs- und Fachstelle reagiert.

Helen Scrase, Abhishek Dwivedi, aus Indien, Hannah Wagner

Helen Scrase, Abhishek Dwivedi, aus Indien, Hannah Wagner

Foto: Jörg Krauthöfer

Wenn Abhishek Dwivedi (32) mit seiner Mutter in Indien telefoniert, fragt sie ihn, wann er endlich heiratet. In ihren Augen ist es Zeit, dass der Sohn, der als Product Manager bei der Firma Blacklane einen gut bezahlten Job in Berlin hat, endlich daran arbeitet, ihr Enkelkinder zu schenken. Dwivedi, der seit neun Monaten bei seinem Bruder auf der Couch schläft, schüttelt da nur müde den Kopf. „Ich habe gerade wirklich andere Probleme“, sagt er. Denn Dwivedi sucht seit bald einem Jahr verzweifelt eine Wohnung in der Hauptstadt. Wäre da nicht sein Bruder, der ihm einen Platz auf dem Sofa überlässt, hätte der junge Mann ein ernsthaftes Problem.

Dwivedi hat sich allein in den vergangenen drei Monaten mehr als 25 Wohnungen angesehen, sich auf wesentlich mehr Inserate beworben und keine einzige positive Rückmeldung erhalten. „Ich habe alle erforderlichen Unterlagen. Ich lebe seit drei Jahren in Deutschland und habe hier studiert, aber langsam verliere ich die Hoffnung“, sagt er. Jeder, mit dem er spricht, weiß, dass Dwivedi eine Wohnung sucht. Er ist Mitglied bei diversen Wohnungssuchgruppen im sozialen Netzwerk Facebook und postet dort in seiner Verzweiflung sogar Fotos seiner Kochkünste. „In der Hoffnung, dass sich jemand meldet, der mir die Wohnung gibt, weil er gerne einmal im Monat indisch bekocht werden möchte“, sagt Dwivedi. „Ich erhalte auch immer viele Likes, aber eine Wohnung habe ich immer noch nicht.“

Betroffene zögern, die Diskriminierung zu benennen

Auf die Frage, woran es liegen könnte, antwortet Dwivedi sehr vorsichtig. „Es gibt einfach eine riesige Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt“, sagt er. Ob er glaubt, dass es auch an seinem ausländischen Namen liegen könnte? „Ich weiß es nicht. Ich möchte niemandem etwas unterstellen, aber vielleicht spielt auch das eine Rolle“, sagt er bewusst zurückhaltend.

Dass das nicht nur vielleicht, sondern ganz sicher so ist, zeigt eine aktuelle gemeinsame Recherche von „Spiegel“ und Bayerischem Rundfunk. „Menschen mit einem ausländischen Namen werden auf dem Mietmarkt deutlich diskriminiert“, so das Fazit der Untersuchung vom Juni. Für ihre Untersuchung hatten die Journalisten 20.000 Anfragen für Besichtigungstermine in zehn großen Städten versandt. In den 8000 Antworten der Anbieter gab es eine klare Tendenz zugunsten deutscher Namen.

Dieses Problem ist auch in der Hauptstadt angekommen. „Berlin wächst und damit aktuell auch die Konkurrenz um bezahlbaren Wohnraum“, sagt der zuständige Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung, Dirk Behrendt (Grüne). „Vor dem Hintergrund des wachsenden Drucks auf den Berliner Wohnungsmarkt ist zu beobachten, dass auch die Diskriminierung bei der Suche zunimmt und das Engagement für Chancengleichheit beim Zugang zu Wohnraum deswegen umso wichtiger ist.“ Im ersten Halbjahr 2017 ist die Bevölkerung in der Hauptstadt auf knapp 3,7 Millionen Menschen gestiegen, der Ausländeranteil ebenfalls. Gegenwärtig liegt er bei 18,7 Prozent (Ende 2016 waren es 18,4 Prozent).

„Ich habe bis jetzt in drei Wohnungen als Zwischenmieter gewohnt“

Der Senat hat auf die Diskriminierungsproblematik mit der Einrichtung einer Fach- und Koordinierungsstelle reagiert. Für ihre Notwendigkeit findet Behrendt deutliche Worte. „In Berlin dürfen weder Kopftuch, Kippa noch Kinder oder Rollstuhl ein Nachteil bei der Wohnungssuche sein. Wir wollen eine vielfältige Stadt, in der sich alle Menschen in allen Stadtteilen wohlfühlen können“, sagt der Senator.

Die neu geschaffene Koordinierungsstelle „Fair mieten – Fair wohnen“ wird von seiner Senatsverwaltung in diesem Jahr mit 70.000 Euro und in den kommenden zwei Jahren mit insgesamt 90.000 Euro gefördert. Sie soll eine Mittlerin zu den bereits bestehenden Beratungsangeboten sein, darüber hinaus soll sie Beratungsstellen und Wohnungsanbieter vernetzen sowie Diskriminierungsfälle dokumentieren. Nicht zuletzt können sich Betroffene an die Experten dort wenden.

Dwivedi ist nicht der einzige Angestellte von Blacklane, einem Start-up für Chauffeur-Dienstleistungen, der Probleme hat, eine Wohnung zu finden. Helen Scrase (25) ist vor einem Jahr vom britischen Brighton nach Berlin gezogen. Eine Wohnung hat sie immer noch nicht. „Ich habe bis jetzt in drei Wohnungen als Zwischenmieter gewohnt“, sagt die Account-Managerin. Sie und ihr Partner haben sich für mehr als 50 Wohnungen beworben und in 75 Prozent der Fälle, so schätzt sie, noch nicht einmal eine Antwort erhalten. Mittlerweile wohnt sie zur Untermiete in einer möblierten Wohnung, die sie im November räumen muss. „Wenn ich danach wieder nur etwas zur Zwischenmiete bekomme, dann werde ich ernsthaft darüber nachdenken, Berlin zu verlassen“, sagt Scrase.

Firmenchef appelliert an die Stadt, die Fachkräfte zu halten

Etwas besser ergangen ist es ihrer Kollegin Hannah Wagner (30), die als Junior Affiliate Manager bei Blacklane arbeitet. Nach langem Hin und Her lebt sie nun mit ihrer Lebenspartnerin in einer etwas zu kleinen Zweizimmerwohnung in Prenzlauer Berg. „Meine Partnerin hat davor schon alleine dort gewohnt. Wir wären gerne in eine neue, gemeinsame Wohnung gezogen, aber gerade haben wir nicht die Energie, etwas zu suchen“, sagt Wagner.

Wie Scrase und Dwivedi ist auch sie zögerlich, die Gründe für ihre beschwerliche Wohnungssuche in einer möglichen Diskriminierung zu suchen. Deutlichere Worte findet da der Geschäftsführer von Blacklane, Jens Wohltorf. „Dass ausländische Mieter diskriminiert werden, ist beschämend. Wenn Berlin als Start-up-Metropole und Wirtschaftsstandort weiter attraktiv bleiben will, muss die Stadt den Menschen, die hierherziehen, auch Wohnraum bieten“, sagt Wohltorf.

Er selbst ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Deswegen liege es ihm besonders am Herzen, dass die Stadt wettbewerbsfähig bleibe. Und als Unternehmer hat er ein großes Interesse daran, dass sich die Situation bessert: Von den 230 Angestellten, die für ihn arbeiten, sind nur ein Viertel Deutsche. Er beschäftigt Fachkräfte aus 47 Ländern. Um seinem Angestellten Abhishek Dwivedi zu helfen, hat die Firma sogar eine E-Mail-Adresse eingerichtet.

Wer also Dwivedis Mutter glücklich machen möchte, kann sich dort melden. Es wäre ein erster Schritt in Richtung Enkelkinder – und der Produktmanager hätte damit sein Ziel, endlich richtig in Berlin anzukommen, erreicht.

Angebote und Hinweise an: wohnung@black­lane.com

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