Natur im Wandel

Wenn exotische Tiere in Berlin zu Besuch kommen

Die Welt ist ein Dorf – das gilt auch für Tiere. Dank Globalisierung tauchen auch in Berlin plötzlich ganz neue Arten auf.

Ein roter amerikanischer Sumpfkrebs auf seinem Weg durch den Tiergarten

Ein roter amerikanischer Sumpfkrebs auf seinem Weg durch den Tiergarten

Foto: Gregor Fischer / dpa

Im Berliner Tiergarten sind die Krebse los. Und das nicht etwa in den Tiergartengewässern. Nein, die Krustentiere, spazieren dort fröhlich auf Wiesen und umliegenden Radwegen und Straßen herum. Bei den wandernden Krebstieren handelt es sich jedoch nicht um eine heimische Art, sondern um eine Art mit Migrationshintergrund, nämlich um den Roten Amerikanischen Sumpfkrebs.

Die rund 15 Zentimeter großen Krebse, deren mächtige Scheren mit kurzen Dornen besetzt sind, sind eigentlich, wie ja schon ihr Name verrät, in Nordamerika zu Hause. Die Tiere sind aber dank ihrer prächtigen Färbung und ihrer Anspruchslosigkeit in der Haltung auch bei Aquarianern äußerst beliebt. Und die sind wahrscheinlich auch für die Existenz der Berliner Population verantwortlich. Experten vermuten nämlich, dass die Tiergartenkrebse auf Aussetzungen von Aquarianer zurückgehen, die der Krebstiere, aus welchen Gründen auch immer, überdrüssig geworden waren.

Die Sumpfkrebse haben, nach Ansicht der Experten, ihre angestammten Gewässer im Tiergarten nicht etwa deshalb verlassen, weil sie mit der dort herrschenden Wasserqualität nicht zufrieden waren. Wanderungen über Land sind bei Sumpfkrebsen eine bekannte Strategie, wenn es darum geht, neue Lebensräume zu besiedeln. Meist wird die „Wanderlust“ der Tiere durch einen hohen Populationsdruck, sprich durch eine Überbevölkerung in ihren Wohngewässern ausgelöst.

Bei Naturschützern sind sie nicht gerne gesehen: Die knallroten Krebse gehören nämlich zu den problematischen tierischen Neubürgern. Sumpfkrebse bedrohen, dank ihrer hohen Vermehrungsrate und ihres ebenso großen Appetits, unsere heimische Gewässerfauna. So haben die Krebse in Spanien, wo die Krustentiere bereits 1973 eingeschleppt wurden, die dortige Amphibienfauna an einigen Orten stark dezimiert. Aber auch für die heimischen Krebsarten stellt der nordamerikanische Migrantenkrebs eine tödliche Gefahr da. Der Sumpfkrebs ist nämlich Überträger einer hochinfektiösen Pilzkrankheit, der sogenannten „Krebspest“. Die Sumpfkrebse selbst sind gegen diese Krankheit immun, für deutsche bzw. europäische Flusskrebsarten ist die „Krebspest“ dagegen tödlich. Aufgrund all dieser unerfreulichen Eigenschaften wurde der Rote Amerikanische Sumpfkrebs 2016 dann auch folgerichtig in die „Liste der unerwünschten invasiven Arten“ der Europäischen Union aufgenommen.

Übrigens: Amerikanische Rote Sumpfkrebse sind äußerst schmackhaft. Kein Wunder also, dass es sich bei den Tieren um die mit Abstand meistgezüchtete Süßwasserkrebsart der Welt handelt. Weltweit kommen jährlich rund 300.000 Tonnen der Migranten aus Nordamerika auf den Markt. Das heißt aber noch lange nicht, dass man die Neu-Berliner mit den großen Scheren einfach einsammeln und in den Kochtopf oder auf den Gartengrill werfen darf. Das würde nämlich den Tatbestand der Wilderei erfüllen.

Der City-Papagei

Wer dagegen nicht so auf Krebse steht, sondern gern einmal, mitten in einer Großstadt, Hunderte von Papageien in der freien Natur beobachten will, sollte den Biebricher Schlosspark in Wiesbaden aufsuchen. Seit Jahrzehnten lebt dort nämlich eine Kolonie von Halsbandsittichen. Diese bis zu 45 Zentimeter großen, zu den Edelpapageien zählenden Vögel, verdanken ihren Namen dem charakteristischen „Halsband“, das als schwarzer Streifen unter dem Kinn beginnt und in ein rosafarbenes Nackenband übergeht. Die Sittiche sind im Flug leicht an ihrem leuchtend gelb-grünen Gefieder zu erkennen und machen die Schlossparkbesucher oft schon auf große Entfernung durch ihre laut lärmenden Schreie auf sich aufmerksam.

Aber wie kommen Hunderte von Papageien einer Art, die eigentlich in Afrika und Asien zu Hause ist, und in Deutschland bisher nur als wohlbehüteter Käfigvogel aufgefallen war, in einen hessischen Schlosspark? Die ersten frei lebenden Halsbandsittiche konnte man bereits 1974 in der hessischen Landeshauptstadt beobachten. Die Papageien verdankten ihre Freiheit wahrscheinlich einem Unfall: Die bunten Piepmätze suchten nämlich – so wird vermutet – das Weite, als ein umstürzender Baum die Voliere eines Wiesbadener Zoogeschäftes zertrümmerte. Andere Halsbandsittichspezialisten sind der Meinung, die Wiesbadener Population würde von den Kölner Halsbandsittichen abstammen, die bereits seit Ende der 1960er-Jahre in der Domstadt brüten.

Rund 1200 Halsbandsittiche leben in Wiesbaden

Unabhängig von ihrer Herkunft vermehrten sich die gefiederten Neuhessen prächtig: Heute schätzt man, dass es rund 1200 wild lebende Halsbandsittiche sind, die sich in Wiesbaden tummeln.

Die Wiesbadener Halsbandsittichpopulation ist bei Weitem nicht die einzige frei lebende Halsbandsittichkolonie in Deutschland. Auch in Köln, Düsseldorf, Bonn, Leverkusen, Mainz, Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg und Stuttgart haben sich kleine Gruppen mittlerweile zu ansehnlichen Populationen gemausert.

Offensichtlich sagt den grünen Papageien das milde Großstadtklima und das üppige und abwechslungsreiche Nahrungsangebot in Parks und Gärten in den Städten zu. Nach Schätzungen von Experten leben mittlerweile insgesamt acht- bis zehntausend Halsbandsittiche in Deutschland.

Der Winter und auch die oft mit dieser Jahreszeit verbundenen Minusgrade machen den als ziemlich robust geltenden Halsbandsittichen, im Gegensatz zu vielen anderen Papageienarten, relativ wenig zu schaffen, denn auch in den Heimatregionen der Vögel, beispielsweise in Indien, kann es mitunter empfindlich kalt werden. Und in der Rhein-Neckar-Gegend sind die Winter eher mild.

Ob die Präsenz der grün gefiederten Papageien einen negativen Einfluss auf die alteingesessene Fauna unserer Parks und Gärten hat, ist noch nicht geklärt. Befürchtungen, die als recht durchsetzungsfähig bekannten Halsbandsittiche könnten heimischen höhlenbrütenden Vogelarten, wie etwa Meisen und Spechten in großem Stile die Nistplätze bzw. Fledermäusen die Sommerquartiere streitig machen, haben sich nach Beobachtungen einiger Experten offensichtlich bisher nicht bestätigt.

Eine Nordamerikanerin in Europa

In der Hamburger Alster wurde sie schon gesichtet, in den Teichen des Münchner Westparks wurden schon bis zu 160 Tiere beim gemeinsamen Sonnenbad beobachtet und auch in Berliner Seen, in der Havel und Spree, im Teltow- und Landwehrkanal ist sie vermehrt anzutreffen. Die Rede ist von der Rotwangenschmuckschildkröte, einer Schildkrötenart, die ursprünglich lediglich in den mittleren und östlichen Vereinigten Staaten, sowie in Nordmexiko beheimatet war. Aber ähnlich wie der Rote Sumpfkrebs erfreut sich die bis zu 30 Zentimeter große und bis zu 1,5 Kilogramm schwere Wasserschildkröte bei Aquarianern großer Beliebtheit. Allerdings benötigen die ausgewachsenen Tiere viel Platz und sind ziemlich aufwendig in der Pflege, sodass viele Besitzer mit den Schildkröten nicht zurechtkommen und sie dann eben einfach in das nächst liegende Gewässer entsorgen. Dort pflanzen sich die Schildkröten dann auch fort – teilweise dank der durch die Klimaerwärmung milderen Winter.

Mittlerweile haben die Reptilien mit dem namensgebenden markanten Wangenfleck schon die Gewässer vieler deutscher Großstädte erobert. Und sind dort überhaupt nicht gerne gesehen. Rotwangenschmuckschildkröten ernähren sich in der Hauptsache von Kaulquappen und Fischlaich und können deshalb durchaus dafür sorgen, dass die heimischen Fisch- und Amphibienbestände drastisch schrumpfen. Dazu kommt noch die Tatsache, dass die Tiere, im Gegensatz zu ihrer eigentlichen Heimat, wo ihnen beispielsweise Alligatoren und Waschbären erfolgreich nachstellen, in Deutschland so gut wie keine Fressfeinde zu fürchten haben. Außerdem vermutet man, dass die gepanzerten tierischen Neubürger die bei uns heimische Europäische Sumpfschildkröte, die in Deutschland vom Aussterben bedroht ist, verdrängen könnte. All das hat dazu geführt, dass Rotwangenschildkröten nicht mehr in Länder der EU importiert werden dürfen.

Die Alligatoren des „Big Apple“

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und speziell in New York ist alles ja bekanntlich etwas größer als anderswo. Und das gilt offensichtlich auch für ausgesetzte exotische Tiere. So berichtete die „New York Times“ in den letzten hundert Jahren häufig von Krokodilen, die sich in den Straßen des Big Apple herumgetrieben hätten. Gerade in jüngerer Zeit sind mehrfach Krokodile in diversen New Yorker Stadtteilen aufgetaucht. 2001 war es „Damon the caiman“, ein rund 70 Zentimeter großer Kaiman, der von Reptilienexperten vor laufender Kamera lebend aus einem See im Central Park gefischt wurde. Im November 2006 wurde dann ein 60 Zentimeter langes Krokodil vor einem Appartementgebäude in Brooklyn eingefangen. Nach Angaben von Polizisten „zischte es und schnappte nach ihnen“. 2010 war dann der Stadtteil Queens an der Reihe. Dort wurde ein siebzig Zentimeter großer Alligator unter einem parkenden Auto entdeckt. Alles Geschichten, die eine geradezu sensationelle Legende befeuern, die einfach nicht totzukriegen ist – nämlich die Legende von den Kanalalligatoren: In den 1930er-Jahren sollen New Yorker Floridaurlauber ihren daheim gebliebenen Sprösslingen aus dem Sommerurlaub niedliche kleine Alligatoren mitgebracht haben, die sie dann später, als die Kinder ihres lebenden Spielzeugs überdrüssig geworden waren, einfach über die Toilette in die Kanalisation entsorgt hätten. Dort hätten die Reptilien sich an Ratten derart gütlich getan, dass sie sich in wenigen Jahren sprunghaft vermehrten.

Die meisten Reptilienkundler halten es jedoch aus mehreren Gründen für unmöglich, dass Alligatoren über einen längeren Zeitraum in der New Yorker Kanalisation überleben können: Zum einen bevorzugen Krokodile warme Gebiete und scheuen Kälte und kaltes Wasser. Fünf Monate New Yorker Winter, das hält selbst der stärkste Alligator nicht aus. Nicht gerade förderlich für die Gesundheit unterirdisch lebender Panzerechsen wäre auch der im Untergrund herrschende, permanente Mangel an Sonnenlicht, das die Reptilien brauchen, um in ihrer Haut das so wichtige Vitamin D zu bilden. Ohne Vitamin D könnten die Krokodile nämlich kein Kalzium aus dem Darm aufnehmen und in ihr Skelett einlagern. Die Folgeerscheinung wäre eine schmerzhafte Knochenerweichung, die zu Muskelschwächen, Skelettdeformationen und damit letztendlich zum Tod führen würde. Und last but not least ist das Kanalisationswasser derart mit giftigen Schadstoffen belastet, dass die Echsen darin innerhalb kürzester Zeit jämmerlich zu Grunde gehen würden.