Tango-WM in Argentinien

„Tango ist ein sehr persönlicher Tanz“

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Sylvia Lundschien

Die Berlinerin Sophia Paul tritt 2017 mit ihrem Partner Julio César Calderón im Tango-Finale in Buenos Aires an

Am 22. August nimmt die Berlinerin Sophia Paul (27) mit ihrem argentinischen Tanzpartner Julio César Calderón (28) an den Tango-Weltmeisterschaften in Buenos Aires teil. Beim jährlichen „Campeonato Mundial de Baile de Tango“, in der Tango-Szene kurz „Mundial“ genannt, treten in der Endrunde nur noch die 40 besten Paare der Welt gegeneinander an. Die Teilnahme gewann die 27-Jährige bei den Tango-Meisterschaften („Preliminares“) 2016 in Großbritannien. Dort nahmen 16 Länder aus Nord- und Westeuropa teil, der Sieg sicherte Paul automatisch die Teilnahme am Halbfinale des „Mundial“ – an dem sie mit einem neuen Partner teilnimmt – sowie die Finanzierung der Reise. Jetzt übt das deutsch-argentinische Duo täglich drei bis vier Stunden pro Tag, zusätzlich reicht Paul noch vor dem Abflug ihre Bachelorarbeit an der Technischen Universität Berlin ein.

Die Berlinerin kam in Charlottenburg zur Welt, wuchs in Spandau auf und lebt nun in Prenzlauer Berg. Seit neun Jahren tanzt sie Tango, seit zweieinhalb Jahren auch professionell. Calderón tanzt bereits seit zehn Jahren, fünf davon als Profi. Ihre Zusammenarbeit begann im Januar 2017, seitdem pendeln sie zwischen Berlin und Buenos Aires, wo sie als Tanzlehrer arbeiten. Eine Tanzkarriere hatte Paul nicht geplant, doch als Teenager besuchte sie einen Tanzkurs im Berliner Studio „Mala Junta“ und blieb ein Jahr. Nach dem Abitur ging sie schließlich ein Jahr lang nach Argentinien, um Spanisch und Tanzen zu lernen. Land und Sprache zu kennen, sei von Vorteil, so Paul. Denn nur so könne man auch die Kultur des Tango Argentino besser verstehen.

Ein WM-Sieg wird zum Karriere-Motor

2017 nimmt Paul zum zweiten und Calderón zum vierten Mal an der Weltmeisterschaft teil. Offiziell versteht sich der Tango Argentino zwar nicht als Wettbewerbstanz, doch ein Sieg im Mutterland des Tango entspricht in der Szene dem Weltmeistertitel. Der erste Platz beschert den Gewinnern ein Preisgeld von knapp 10.000 Euro und verhilft zu zahlreichen Aufträgen und Buchungen für Tanzunterricht, Festivals sowie Shows. Auf der anschließenden „Gira“ – einer Europa-Tour, die traditionell in Paris startet – kann das „Mundial“-Paar weitere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Selten jedoch gewannen bisher Tänzer, die nicht aus Argentinien stammen – Ausnahmen waren ein kolumbianisches und ein japanisches Paar. Doch Paul ist zuversichtlich: „Es wird mal wieder Zeit, dass ein Paar von außerhalb gewinnt“, wobei ja streng genommen die Hälfte aus Argentinien kommt. Auch mit einem zweiten Platz können sie zufrieden sein, denn die fünf besten Paare werden prämiert und das bringt viel fürs Image.

Das Finale findet am 22./23. August in einer Boxarena in Buenos Aires statt, die etwa 10.000 Besucher fasst. Bewertet werden die Paare in zwei Kategorien: dem Tango de Pista, der Improvisation betont und dem Tango Escenario, der feste Choreografien zeigt. Auch Amateure sind dabei, haben aber ab dem Halbfinale kaum Chancen gegen die Profis. Paul und ihr Partner Calderón tanzen in der Kategorie Tango de Pista zu drei unterschiedlichen Musiken, die in der Blütezeit des Tango zwischen 1930 und 1960 entstanden. Bewertet werden unter anderem die musikalische Interpretation, die Eleganz im Gehen, verwendete Figuren und die sogenannte „Umarmung“, die zeigt, ob das Paar harmonisiert und authentisch ist. „Die Verbindung im Paar ist eines der wichtigsten Kriterien. Mittlerweile sucht die Jury nicht nur technische Sauberkeit, sondern auch Charakter“, erklärt Paul die Bewertungskriterien. Zudem bringe jedes Land und jede Person einen ganz eigenen Stil mit: „Tango ist ein sehr persönlicher Tanz.“

Die Partnerin soll beim Tanz glänzen

Die Begriffe „Führender“ und „Folgende“ für die Tango-Partner mag Paul deshalb auch nicht. Zwar würde der männliche Partner meist führen, doch wenn die Partnerin nicht folgen kann, wirkt das Ganze unharmonisch und künstlich. Die Bewegungen müssen gleichwertig sein, der Tanz sei eine Kommunikation und zeige die Verbindung zweier Menschen. Dies bestätigt auch Tänzer Calderón, für den Paul im Gespräch aus dem Spanischen übersetzt: „Eines der Hauptziele des Tanzes ist, dass die Partnerin glänzen kann. Der ,Mundial‘ ist zudem eine Möglichkeit, zu zeigen, was man kann.“ Lange war der Tango Argentino für ihn ein Hobby, erst als Profi wurde ihm klar, welchem Druck die Männer und Frauen auf der Weltmeister-Tanzfläche ausgesetzt sind. Ob er als Argentinier beim Finale automatisch überzeuge? Calderón lächelt: „Depende – es kommt darauf an.“ Seine Tanzpartnerin ergänzt: „Ich glaube, bei manchen Jurymitgliedern spielt die Nationalität unbewusst mit in die Bewertung hinein, aber offiziell natürlich nicht.“

Der Tango Argentino genießt in seinem Heimatland einen sehr hohen Stellenwert, 2009 erhob ihn die Unesco zum immateriellen Kulturerbe. Profitänzer sind dort lokale Stars, trotzdem werden auch sie manchmal gefragt, „was sie sonst noch arbeiten. Manche denken immer noch, es ist eher Vergnügen als Arbeit“, wie Calderón übersetzen lässt. In Argentinien gäbe es aber viel mehr Profis, die jünger als 30 Jahre sind, in Berlin kennt Paul hingegen knapp 20 Tänzer. Hierzulande sind unter den Tango-Fans Studenten, Ärzte oder Ingenieure, für viele ist es nur ein Hobby. Günstig ist das nicht, Tango-Schuhe kosten etwa 150 Euro. Profis zahlen knapp 400 Euro für einen guten Herrenanzug, von denen zwei bis drei benötigt werden. Ein Kleid erhalten Damen ab 300 Euro. Paul kauft ihre Tanzkleidung deswegen am liebsten in Buenos Aires oder setzt sich bisweilen selbst an die Nähmaschine. Im Finale kommen noch einmal Make-up und Profi-Friseur zum Budget hinzu. Doch ihrer Faszination für den Tanz kann dies nichts mehr anhaben: „Für mich ist das Wichtigste die Musik, die Umarmung und die Verbindung im Paar.“