Berlin

„Beim Volksentscheid will ich für Tegel stimmen“

Der Provokateur Hartmut Mehdorn wird am heutigen Montag 75 Jahre alt – und hält mit seiner Meinung weiterhin nicht hinter dem Berg.

Foto: dpa Picture-Alliance / Maurizio Gambarini

Hartmut Mehdorn sitzt in der Bahn und kämpft mit den Funklöchern. Das Gespräch übers Handy bricht alle drei, vier Sätze ab. Immer wieder aber geht er ran. Erstaunlich, Geduld war nie seine Stärke. Im Ruhestand ist der umtriebige Manager offenbar ruhiger geworden. „Alles sehr gut, alles friedlich“, sagt er. Seine kurzen, prägnanten Sätze hat er beibehalten. Der Mann, der fast während seiner gesamten Schulzeit Klassensprecher war und später an der Spitze von namhaften Unternehmen stand, hat sich und andere immer mit viel Power angetrieben. Manchmal mehr, manchmal weniger erfolgreich. Erst seit gut zwei Jahren ist Hartmut Mehdorn vorwiegend privat unterwegs. An diesem Montag, den 31. Juli, feiert der für seine provokanten Sprüche bekannte Macher seinen 75. Geburtstag.

Wo, das will er nicht verraten. Noch nicht einmal, ob es in Deutschland oder Frankreich sein wird. Seine Frau ist Französin, seit 50 Jahren sind die beiden verheiratet und haben längst erwachsene Kinder – zwei Söhne und eine Tochter. Beide verbringen viel Zeit in ihrem zweiten Zuhause in Südfrankreich. Seit mehr als 20 Jahren haben sie dort ein Haus. Seit 15 Jahren auch ein kleines Weingut im südfranzösischen Languedoc-Roussillon bei Aigues-Vives, das Jahr für Jahr um die 22.000 Flaschen Roséwein produziert. Den Weinberg hat ihm seine Frau zum 60. Geburtstag geschenkt.

Derzeit betreut er dreikleine Start-ups in Berlin

„Ich bin einigermaßen gut in meinem neuen Leben angekommen“, sagt Mehdorn. Einigermaßen. Immerhin eine kleine Einschränkung. Denn es ist wirklich schwer sich vorzustellen, wie dieser Mann nach einem herausfordernden Berufsleben in der südfranzösischen Sonne sitzt und Bücher liest. Das macht er auch, aber nicht nur. So, wie es sich für einen „ordentlichen deutschen Rentner“ gehöre. „Derzeit betreue ich drei kleine Start-ups in Berlin“, erzählt Mehdorn. Welche das sind, darüber spricht er nicht. Das Ehepaar wohnt in Berlin immer noch in Tiergarten. Fahrrad fahre er auch gerne und zusammen mit seiner Frau spiele er ein bisschen Golf. Ab und zu segele er auch noch mit Freunden, berichtet Hartmut Mehdorn – nach einer erneuten Funkstille zwischen uns.

Der frühere Bahnchef ist an diesem Nachmittag im ICE von Hamburg zurück nach Berlin unterwegs. Draußen regnet es in Strömen. Mehdorn schwört immer noch auf die Vorzüge der Deutschen Bahn. „Noch nie bin ich auf einer Strecke hängengeblieben“, sagt er. Von Ende 1999 bis April 2009 war Mehdorn Vorstandschef der Bahn AG; der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte ihm den Posten offeriert. Noch heute sind die beiden befreundet.

Strafrechtlich war dem Vorstand unter Mehdorn nichts nachzuweisen

Als Bahnchef hat Mehdorn sich einen raubeinigen Ruf erworben. Er beschimpfte die Verantwortlichen des Fahrgastverbands Pro Bahn als „Pro-Mecker-Leute“, Konkurrenten wurden schon mal als „Fliegenschiss“ abgetan. Bulldozer im Nadelstreifenanzug hat ihn einmal einer genannt. Mehdorn lacht darüber. Obgleich Manager der alten Schule, gefällt er sich mitunter in dieser Rolle.

Während seiner Amtszeit kippte er das ehrgeizige und heftig umstrittene Projekt Transrapid und kündigte massive Kürzungen beim Bahnpersonal an. Der Topmanager wollte mit dem Schienenkonzern an die Börse, scheiterte aber 2008 kurz vor dem Ziel. Die Finanzkrise kam dazwischen. Im März 2009 bot Mehdorn seinen Rücktritt an. Damit zog er auch die Konsequenzen aus einer Datenaffäre. Die Bahn soll jahrelang die E-Mails von Mitarbeitern systematisch gefiltert haben, um möglichen Fällen von Korruption auf die Spur zu kommen. Strafrechtlich war dem Vorstand unter Mehdorn nichts nachzuweisen. Der Staatsanwalt stellte die Ermittlungen ein. Der Imageschaden aber war groß.

Er habe gern bei der Bahn gearbeitet, sagt der Maschinenbauingenieur. „Meine liebste Aufgabe war aber die längste und erfolgreichste in meinem beruflichen Leben“, blickt Mehdorn auf die Zeit in der Luftfahrt zurück – bei der Deutschen Aerospace, Messerschmidt Bölkow-Blohm und bei Airbus. Von Anfang an baute er das Airbusprogramm mit auf. 1989 bis 1992 war er Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Airbus GmbH. Gerade hat er „die Kollegen von Airbus“ in Hamburg besucht. „Das war schön“ sagt er. Der Rest ist nicht zu verstehen. Ein Funkloch.

„Es ist schwer, gegen die Mitbewerber anzukommen“

Nicht nur mit der Bahn fährt er gern, auch bei Air Berlin bucht er weiterhin – trotz Koffer- und Abflugchaos. „Mein Koffer ist noch nicht abhandengekommen“, sagt Mehdorn. Und verteidigt seine alte Airline: „Wenn die Flughäfen nicht funktionieren, kann Air Berlin doch nichts dafür.“ Von September 2011 bis 7. Januar 2013 war Hartmut Mehdorn Chef der Fluggesellschaft Air Berlin und fädelte dort den Einstieg von Etihad, der staatlichen Fluggesellschaft Abu Dhabis, ein. Die Krise bei Air Berlin betrachtet er sorgenvoll. „Es ist schwer, gegen die Mitbewerber anzukommen“, sagt Mehdorn. Zudem sei die Belastung durch die Luftverkehrssteuer nach wie vor ein immenser Wettbewerbsnachteil.

Nach seinem Ausscheiden bei Air Berlin landete Mehdorn nach nur wenigen Wochen Auszeit ein Comeback. Im März 2013 berief ihn der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg zum neuen Chef. Nach der spektakulär gescheiterten Eröffnung des BER im Juni 2012 sollte er den Airport in Schönefeld innerhalb weniger Monate startklar machen. Der Vorschlag kam vom damaligen BER-Aufsichtsratschef Matthias Platzeck (SPD), auch er ein Freund von Gerhard Schröder.

Schon bei seinem ersten Auftritt vor einem Landtagsauschuss in Potsdam ließ Mehdorn keinen Zweifel daran, dass er seine eigenen Prinzipien und Vorstellungen hat. Das führte zwei Jahre später auch zum Bruch zwischen den drei staatlichen Gesellschaftern, dem Bund und den beiden Ländern und ihm. Eigenwillig gab er sich schon bei der Vorstellungsrunde im Brandenburger Landtag an seinem ersten Arbeitstag als Flughafenchef. „Warum soll man Tegel nach der Eröffnung des BER nicht weiter offen halten?“, fragte Mehdorn in die Runde und guckte die verdutzten Abgeordneten fast treuherzig an. „Auf diese Weise ließe sich die Last ein bisschen gleich auf die Stadt verteilen.“

Mittlerweile ist Mehdorn seit mehr als zwei Jahren nicht mehr in diesem Amt

Der damalige Brandenburger Regierungschef widersprach. Es gebe doch einen Planfeststellungsbeschluss, der so gut wie in Eisen gegossen ist. Obgleich einigermaßen schockiert, gab Platzeck sich gewohnt jovial: „Das sehen wir Herrn Mehdorn, der erst sieben oder acht Stunden im Amt ist, nach, dass er das noch nicht alles übersehen kann.“

Mittlerweile ist Mehdorn seit mehr als zwei Jahren nicht mehr in diesem Amt. Tegel will er aber auch heute noch offen halten. Er sagt: „Ich bin immer noch der Meinung, es geht gar nicht anders.“ Und erläutert sein Konzept: „Wenn der BER in Betrieb ist, kann man den Flugbetrieb in Tegel ja so limitieren, dass der Airport mit viel Nachtruhe und nur für kleine Flugzeuge offen bleibt.“

„Angela Merkel wird ein Verkehrsproblem bekommen“

Die Flugbereitschaft der Bundesregierung sei in Tegel viel besser aufgehoben, findet Mehdorn. „Wenn Angela Merkel mit der Limousine nach Schönefeld fährt, wird sie ein richtiges Verkehrsproblem bekommen“, prophezeit er und kündigt an: „Beim Volksentscheid am 24. September will ich für die Offenhaltung Tegels stimmen.“ Er habe nicht den Eindruck, dass sich die drei Gesellschafter ernsthaft mit den Möglichkeiten, zwei Flughäfen zu betreiben, beschäftigt hätten, kritisiert der Ex-Flughafenchef. „Alle bleiben bei dem Nein vor 20 Jahren, obwohl sich die Welt seither ganz schön verändert hat.“ Unbequem ist Hartmut Mehdorn geblieben. Einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt und gerne querdenkt.

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