Berlin

Hilfe für schwule Männer mit Kinderwunsch

In der einzigen schwulen Vätergruppe Berlins berät Gianni Bettucci Männer, die Nachwuchs zeugen möchten.

Foto: Alessandra Cinquemani

„Ich bin ein Vollzeitvater“, sagt Gianni Bettucci (43) lachend. Der gebürtige Italiener lebt seit 17 Jahren in Berlin und arbeitet in Prenzlauer Berg als Manager einer Theatergruppe. Bettucci hat eine zweijährige Tochter, die Mutter und er waren jedoch nie ein Paar – Bettucci ist schwul, die Mutter Christine Wagner lesbisch. „Eigentlich sind wir damit die Konservativen“, so Bettucci. Häufig hatte er beobachtet, dass das Thema Familiengründung unter gleichgeschlechtlichen Paaren vor allem ein Frauenthema ist. Viele Gruppen und Beratungsstellen seien frauengeführt oder richten sich ausschließlich an Mütter in spe.

Die Kindsväter – das sind häufig, aber nicht immer schwule Männer – hätten bisher keinen Ort zum Austausch von juristischen, persönlichen oder familiären Belangen. Vor einem Jahr gründete Bettucci deshalb den Stammtisch „The Daddies“, der sich über Facebook und WhatsApp organisiert. „Es gibt viele andere schwule Väter, aber die waren wie Inseln, die nicht miteinander gesprochen haben“, erzählt Bettucci über die Gründung. Einmal im Monat treffen sich schwule Väter und solche, die es werden wollen. Sie wünschen sich einen geschützten Austausch über persönliche Erfahrungen, deswegen kommen keine Frauen zu den Treffen.

Die Eltern brauchen Zeit zum Kennenlernen

„Zu uns kommen Männer, die ein Interesse oder den Instinkt haben, aktiv Vater zu werden. Es kommen Menschen, die eine Art von Familie und Verwurzelung in Berlin suchen“, so Bettucci. Anfangs waren sie zu viert, einige waren gerade Vater geworden oder planten ein Kind. Jetzt sind sie 28, die meisten Teilnehmer kommen aus Berlin, aber auch Brandenburger, Münchner und Hamburger sind dabei. Alle denkbaren Familienkonstellationen sind vertreten: Schwule Männer, die sich spät outeten und erwachsene Kinder aus erster, heterosexueller Ehe mitbringen; heterosexuelle Co-Väter lesbischer Paare; schwule Männer, die wissen wollen, wie sie zwecks Familiengründung eine heterosexuelle Frau oder ein lesbisches Paar kennenlernen. Kompliziert ist das nur auf den ersten Blick, bei vielen Scheidungs- und Patchworkfamilien ähnelt sich das Bild.

Ralf Fröhlich hat ebenfalls eine kleine Tochter und dazu zwei Mütter, die ein lesbisches Paar sind. Der 43-Jährige arbeitet in der politischen Kommunikation, kam über die Freundschaft zu Bettucci in die Vätergruppe. Er wohnt in Pankow, die Mütter in Wedding. Eine aktive Vaterrolle war ihm von Beginn an wichtig. Vor der Geburt des Kindes hat er sich ein Jahr Zeit genommen, die Mütter kennenzulernen. Auch Bettucci fuhr mit der Mutter seiner Tochter in den Urlaub, stellte sie seinen Freunden und seiner Familie vor. Die Reaktionen waren stets positiv.

Beide Väter warnen bei der Familiengründung vor Schnellschüssen, berichten von Männern mit starkem Kinderwunsch, die sich mit manchmal naiven Vorstellungen auf die Suche nach einer Co-Mutter begeben. Konflikte sind programmiert: „Diese Beziehung wird – außer die zu deinen Eltern – wohl die einzige in deinem Leben sein, die nicht aufkündbar ist. Egal wie das läuft“, so Ralf Fröhlich. Für manche schwulen Väter endet der Kinderwunsch jedoch im Sorgerechtsstreit. Es gäbe nicht eine Lösung für alle, vielmehr müsse man kommunizieren, welches Familienmodell man möchte, so Fröhlich. Man solle sich Zeit lassen zum Kennenlernen und auch ein bisschen Lockerheit im Alltag schade nicht.

Zur Bundestagswahl schlagen daher FDP und Grüne einen Elternschaftsvertrag vor

So wie Bettucci und Fröhlich haben viele Schwule und Lesben in den vergangenen Jahrzehnten Regenbogenfamilien gegründet und sind damit mehr oder weniger offen umgegangen. Oft sind sie damit aber auch ein Risiko eingegangen, denn der Gesetzgeber schützt das Familienkonzept nicht hundertprozentig. Dies ändert sich jedoch nun teilweise mit dem Gesetz für die sogenannte Ehe für alle, das Ende Juni vom Bundestag beschlossen wurde und voraussichtlich Anfang Oktober in Kraft tritt. Es sieht auch ein verändertes Adoptivrecht vor, denn bisher konnten gleichgeschlechtliche, verpartnerte Paare nicht gemeinsam adoptieren – Hetero-Paare hingegen schon. Ebenso können sich lesbische Paare nicht beide als Mütter eintragen lassen, wenn eine der Frauen schwanger wurde. Bei Hetero-Konstellationen ist dies einfacher geregelt.

Für Fröhlich und Bettucci ist die Eheöffnung allerdings momentan nicht mehr als ein überfälliger und symbolischer Schritt. „Wir brauchen ein Mehrelternrecht“, sagt Fröhlich bestimmt. Das bedeutet, dass mehr als zwei Personen Eltern eines Kindes sein dürfen. In Regenbogenfamilien ist diese Konstellation fast immer der Fall. Allerdings sieht das deutsche Recht vor, dass nur zwei Personen Eltern sein können und das Sorgerecht ausüben. Für die Familien wie jene von Fröhlich und Bettucci wird es so beispielsweise zum Problem, dass nicht alle aktiven Elternteile Auskunft beim Arzt erhalten oder den Aufenthaltsort des Kindes mitbestimmen dürfen.

Zur Bundestagswahl im September schlagen daher FDP und Grüne einen Elternschaftsvertrag vor, der es erlaubt, dass bis zu vier Personen Eltern werden können. Ebenso diskutiert seit Februar 2015 der Arbeitskreis Abstammungsrecht des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz über zeitgemäße Definitionen von Familie und ob die Gesetze nicht der Realität hinterherhinken. Dabei zeichnet sich bereits jetzt ein gesellschaftlicher Perspektivwechsel ab, der zunehmend zwischen der leiblichen und der sozialen Elternschaft unterscheidet – ein Aspekt, der auch in vielen heterosexuellen Scheidungs-, Pflege- und Patchworkfamilien sehr zentral ist.

Expertin sieht „Reformbedarf des Rechts"

Eine veränderte Familienlandschaft zeigt auch das Portal familyship.org, das von Christine Wagner, der Mutter von Bettuccis Tochter, gegründet wurde. Die Mehrheit der Nutzer ist laut eigener Analyse heterosexuell. „Es wäre jedoch spekulativ, diese Form der Familiengründung einen Trend zu nennen“, so Pia Bergold, Diplom-Psychologin vom Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg. Sie war an der ersten repräsentativen wissenschaftlichen Studie zu Kindern in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in Deutschland beteiligt. Diese wurde im Auftrag des Bundesjustizministeriums durchgeführt und 2009 vorgestellt. Heute gebe es unterschiedliche Formen, eine Familie zu gründen, so die Wissenschaftlerin. Kinder, die mehr als zwei Elternteile hätten, sieht die Forscherin gegenwärtig als „ungenügend rechtlich abgesichert“.

Auch Gabriela Lünsmann, Fachanwältin für Familienrecht aus Hamburg, sieht gegenwärtig einen „Reformbedarf des Rechts, denn auch in Patchworkfamilien teilen sich mehrere Erwachsene die elterliche Sorge“. Gesetze, so die Juristin und Bundesvorstandsmitglied des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD), spiegelten auch immer die Normen der Zeit wieder, in der sie entstanden sind – und diese haben sich geändert. „Das gegenwärtige Recht bietet keine adäquate Möglichkeit, diese Form von Familie abzubilden.“ So sei in den vergangenen Jahrzehnten auch die rechtliche Diskriminierung gegenüber nicht ehelichen Kindern abgeschafft worden. Hier hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung gewandelt, und das Recht ist gefolgt.

Es gibt Stolpersteine bei der Mehrelternschaft

Gleichzeitig sehen Bergold und Lünsmann auch Stolpersteine bei der Mehrelternschaft. Dies betrifft vor allem erwachsene Kinder und ihre Position im Erbrecht, beim Elternunterhaltsrecht, bei den Pflegekosten der Eltern sowie beim Bestattungsrecht. „Man muss sehen, wie Mehrelternschaft im Detail aussieht“, so Lünsmann. Schon heute gebe es Ausnahmen, wie bei der Erwachsenenadoption oder beim Umgangsrecht der Enkel mit den Großeltern. Dabei sind in der Praxis auch mehrere Menschen in die Fürsorge für ein Kind involviert. Aufgrund der aktuellen Rechtslage kämen aber immer wieder Mandanten zu ihr, die viele Unsicherheiten und offene Fragen vor einer Familiengründung hätten. „Die Eheöffnung und das veränderte Adoptionsrecht ändern für Regenbogenfamilien erst mal nicht so viel“, so Lünsmann. „Das Mehrelternoption würde etwas ändern.“

Bettucci und Fröhlich sehen sich mit ihren Familien auch als Vorbilder für Heteros, die sich zwar Kinder, aber keine klassische Beziehung wünschen. „Wir sind die Pioniere der Co-Elternschaft“, so Gianni Bettucci. Ralf Fröhlich ergänzt: „Wir haben uns am Anfang gemeinsam hingesetzt und überlegt, wie man die Rollen und die Verantwortung verteilen möchte. Wir haben auch darüber gesprochen, was in der Schwangerschaft schiefgehen kann, wie wir mit einem behinderten Kind oder einer Trennung umgehen würden.“ Bei vielen Dingen schaut man sich auch etwas bei anderen Familien ab und lernt daraus. „Aber viele Dinge sind bei uns wie bei anderen Familien auch, und andere können auch von uns lernen“, so Fröhlich.

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