Kommentar

Die Angriffe auf Homosexuelle sind eine Schande für Berlin

2016 gab es so viele Straftaten gegen queere Menschen wie noch nie. Oft mangelt es an Solidarität, meint Martin Niewendick.

Immer wieder werden Homosexuelle das Ziel von Angriffen

Immer wieder werden Homosexuelle das Ziel von Angriffen

Foto: dpa

Wenn am Sonnabend hunderttausende Menschen in bunten Kostümen durch die Straßen Berlins ziehen, um ein Zeichen für sexuelle Vielfalt und Toleranz zu setzen, ist das erst einmal eine gute Nachricht. Die Hauptstadt präsentiert sich am Christopher-Street-Day (CSD) weltoffen und tolerant, was auch die Teilnahme von Menschen, die sich nicht zur LGBTI-Community (Lesbian, Gay, Bi, Trans, Inter) zählen, belegt. Laut einer von den CSD-Veranstaltern in Auftrag gegebenen Studie definierten sich im vergangenen Jahr 42 Prozent der Besucher als heterosexuell.

Zur Wahrheit gehört aber auch, und das ist die schlechte Nachricht: Auch in Berlin ist die Zahl der Angriffe aus homo- und transphoben Motiven erschreckend hoch. 2016 registrierte die Berliner Polizei 162 Straftaten, 44 mehr als im Jahr zuvor. Die Dunkelziffer wird von Experten wesentlich höher geschätzt. Für eine kosmopolitische Stadt wie Berlin ist das eine Schande.

Einzelne Taten machen fassungslos

Der Hass auf queere Menschen ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und lässt sich auch geografisch kaum eingrenzen. Beleidigungen und Angriffe finden im arabisch-muslimisch geprägten Neukölln ebenso statt wie in der inoffiziellen Homo-Hochburg Schöneberg. Dennoch ist es kein Geheimnis, dass sich viele Schwule, Lesben und Transpersonen in manchen Stadtteilen sicherer fühlen als in anderen.

Einzelne Taten machen schlicht fassungslos, wie ein Fall von Ende Mai dieses Jahres. Eine Gruppe Frauen, Männer und Kinder soll einen 35-Jährigen in Neukölln aus schwulenfeindlichen (und offenbar auch antichristlichen) Motiven geschlagen, getreten und beleidigt haben. Als die Polizei anrückte, waren die Täter bereits über alle Berge. Oder eine brutale Attacke von Ende Juni. Weil sie auf seine Ansprache nicht reagierten, prügelte ein 30-jähriger Mann in Mitte auf ein lesbisches Pärchen ein und würgte eine von ihnen bis zur Bewusstlosigkeit.

Vorfälle wie diese sind ein fruchtbarer Nährboden für Populismus. So inszeniert sich etwa die AfD als Bollwerk gegen (islamisch motivierten) Schwulen-Hass und findet in der Community vereinzelt Zuspruch, wie zum Beispiel die Existenz einer "Bundesinteressengemeinschaft Homosexuelle in der AfD" belegt. Auch die Berliner Drag Queen Nina Queer sorgte Anfang der Woche mit einem wütenden Facebook-Post für Aufsehen: Darin forderte sie die Abschiebung von migrantischen Tätern, die Angriffe auf Homosexuelle verüben. Später nahm sie die Forderung zurück und entschuldigte sich.

Die Halbwertszeit eines Regenbogens

Nun ist es einfach, sich über rechtspopulistische Tendenzen zu empören und das Hohelied des Antirassismus anzustimmen. Etwas schwieriger scheint es vielen hingegen zu fallen, ein klares Zeichen der Solidarität mit der queeren Community zu setzen und sich gegen Gewalt zu engagieren. Nach der letzten großen Demonstration gegen Homophobie in Berlin muss man etwas länger im Archiv kramen. Der Aufschrei bleibt aus oder bewegt sich zumindest im niedrigen Dezibel-Bereich.

Da wundert es kaum, dass sich viele LGBTI-Personen alleingelassen fühlen und manche dabei Anfälligkeiten für Populismus entwickeln. "Berlin ist bunt" ist eine nette Parole. Konsequenzlos dahingesagt hat sie allerdings die Halbwertszeit eines Regenbogens. Hier muss die gesamte Gesellschaft aktiv werden, die bei anderen Themen (Tierschutz, TTIP, Veggie-Day) ja ebenfalls eine hohe Erregungsbereitschaft aufweist.

Wenn am Sonnabend wieder hunderttausende Menschen mit Regenbogenflaggen auf die Straße gehen, passiert das unter dem Eindruck der höchsten Zahl registrierter Straftaten gegen LGBTI-Personen der vergangenen Jahre. Die Gesellschaft darf die Betroffenen nicht alleine lassen – das gilt auch für die Zeit nach dem Christopher-Street-Day.

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