Neue Hochschule

Studieren mit Zukunft

In Berlin startet eine neue private Hochschule für Programmierer. Gerade hat die Code University die staatliche Zulassung erhalten.

Thomas Bachem, Gründer der neuen Code University, die im Herbst eröffnet

Thomas Bachem, Gründer der neuen Code University, die im Herbst eröffnet

Foto: Maurizio Gambarini

Zu viel Mathe, zu wenig Praxis und am Ende des Studiums längst nicht mehr auf dem neuesten Stand – das sind die häufigsten Kritikpunkte am Informatik-Studium. Jetzt soll es ein Gegenmodell geben: die Code University of Applied Sciences, die ab Oktober ihren Betrieb in Berlin aufnimmt. Es ist die erste private Hochschule für Softwareentwickler in Deutschland. An der kleinen Fachhochschule gibt es zunächst drei Bachelor-Studiengänge: Software Engineering, Interaction Design und Product Management. Englisch sind nicht nur die Namen der Studiengänge, auch der Unterricht erfolgt ausschließlich in Englisch.

Gerade hat die neu gegründete Hochschule die letzte Hürde genommen: Sie hat die staatliche Zulassung erhalten, wie die Berliner Morgenpost jetzt erfahren hat. Zehn Monate hat der Prozess gedauert, jetzt hat der Berliner Senat auf Empfehlung des Wissenschaftsrates die Zulassung ausgesprochen. „Dadurch sind wir einer staatlichen Fachhochschule gleichgestellt“, sagt der Gründer Thomas Bachem.

Das Konzept der Code University beruht vor allem auf Praxisnähe. Die soll sich vor allem auch in der Art der Lehre zeigen. Die zunächst sieben Professoren und etwa 100 Dozenten kommen nicht aus der Lehre, sondern aus der Praxis. „Wir müssen uns dem schnellen Wandel in der technologischen Welt anpassen“, ergänzt er noch, „es ergibt keinen Sinn, sich heute auf Technologien festzulegen, die wir in fünf Jahren lehren wollen.“ In der Code University sollen jedes Semester Projekte neu erarbeitet werden, „so entsteht ein Curriculum, das sich jedes Semester updatet“. Dazu kooperiert die Code University mit zahlreichen Internetfirmen, zum Beispiel Zalando, Trivago oder Xing.

Es ist kein Zufall, dass die neue Hochschule ausgerechnet in Berlin gegründet wird. „Wir glauben, dass die Berliner Start-up-Szene die potenteste in Deutschland und Europa ist und möchten dazu beitragen, dass sie das bleibt“, sagt Bachem. Wir, das ist das Gründerteam, zu dem neben Bachem auch Manuel Dolderer und Jonathan Rüth gehören, die beide die private Praxis-Hochschule in Köln mit aufgebaut haben.

Großer Bedarf an Nachwuchs in der Informationstechnologie

1300 Interessenten haben sich bislang auf die ersten 75 Studienplätze beworben. 40 Prozent davon kommen nicht aus Deutschland. Die Bewerber müssen sich einem aufwendigen Bewerbungsverfahren unterziehen: Erst einmal reichen sie online eine Bewerbung ein, dann gibt es ein Video-Interview, in dem sie eine Projektaufgabe bekommen, Bachem nennt sie Challenge. Dafür haben die Kandidaten vier Wochen Zeit. Wer sich hier qualifiziert, wird zu einem Assessment Day nach Berlin eingeladen. 60 Zusagen sind schon raus, für die letzten Plätze werden noch bis Ende August Bewerbungen angenommen.

Der Andrang ist erstaunlich, liegen die Gebühren für das sechssemestrige Studium doch bei knapp 27.000 Euro, das sind 747 Euro pro Monat. Es gibt aber auch die Möglichkeit, gratis zu studieren und dann später über einen Zeitraum von zehn Jahren 6,5 Prozent des Einkommens an die Code University zurückzuzahlen, vorausgesetzt die Absolventen verdienen mehr als 23.000 Euro pro Jahr. 80 Prozent der Studenten haben sich für dieses Modell entschieden.

Als Startkapital stehen der Code University fünf Millionen Euro zur Verfügung, ausschließlich aus privater Hand. Zu den Investoren gehören Trivago-Gründer Rolf Schrömgens, die Check-24-Gründer und Benjamin Otto von der Otto-Group. Insgesamt 25 Kapitalgeber sind es. „Einzelne Unterstützer haben uns auch mehr Geld angeboten, aber wir wollten die Hochschule breit und unabhängig von einzelnen Personen und Unternehmen aufstellen“, sagt Thomas Bachem.

Der Zuspruch, den die Code University erlebt, bevor der Lehrbetrieb überhaupt begonnen hat, liegt sicher auch an dem großen Bedarf an Nachwuchs in der Informationstechnologie. Ende 2016 zählte der Branchenverband Bitkom 51.000 offene Stellen im IT-Bereich, ein Anstieg von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die 75 Studienplätze können da nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein sein, aber es ist ein Anfang. Bachem würde in den kommenden Jahren gern expandieren, mittelfristig geht er von 250 Studenten pro Jahr aus. Doch das müsse sich langsam entwickeln. Dafür hat der 31-Jährige zu viel unternehmerische Erfahrung.

Seine Karriere liest sich wie ein Bilderbuch: Mit sieben Jahren hat der Kölner Thomas Bachem seinen ersten Computer bekommen. Erst hat er damit nur gespielt, dann hat er sich das Programmieren selbst beigebracht und bald schon für Läden, die auf seinem Schulweg lagen, Internetauftritte entwickelt. Nach dem Abitur schien er damit prädestiniert für ein Informatikstudium. Aber das war nichts für ihn. Zu theoretisch, ein zu einseitiges Berufsbild „und vor allem verunsicherte mich das verbreitete Klischee des introvertierten Computer-Nerds“.

Zwei Jahre dauerte es von der Idee bis zur Umsetzung

Schon damals dachte er, dass ein Studium für Softwareentwickler auch anders gehen könnte. Da es das aber nicht gab, entschied er sich für ein BWL-Studium. Während des Studiums gründete er ein Spieleunternehmen, ein Videoportal, später eine App zum Verfassen von Lebensläufen. Die hat er inzwischen an Xing verkauft, das Videoportal an Burda, mit Ende 20 war er bereits Millionär. Und auf der Suche nach neuen Aufgaben. Als Unternehmer hatte er immer wieder Probleme, geeignete Mitarbeiter zu finden, wieso also nicht eine Hochschule gründen?

Nicht einmal zwei Jahre hat die Umsetzung der Idee gebraucht. Nur das Gebäude der Hochschule ist noch nicht fertig. Es ist ein weiterer Bau der Factory Berlin, des wohl größten Start-up-Campus in Deutschland. Wo der sein wird, verrät die Factory noch nicht. Schon jetzt ist die Code University Mieter bei ihr an der Bernauer Straße in Mitte.

Mitte, das wird ohnehin seine neue Heimat. Hier hat Thomas Bachem vor fünf Jahren den Bundesverband deutscher Start-up-Unternehmen gegründet, dessen Vizevorsitzender er heute ist, und hier wird er demnächst auch selbst wohnen. Bachem passt nach Mitte, auch mit seinem gründertypischen Outfit: schwarzer Pullover, Jeans, Converse.

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