Konzert im Olympiastadion

U2 begeistern Berlin mit Klassikern auf der Cinemascopebühne

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Peter E. Müller
Die Musiker David Howell Evans (The Edge) (v.l.), Larry Mullen junior, Paul David Hewson (Bono) und Adam Clayton von der irischen Band „U2“ auf der Bühne im Olympiastadion

Die Musiker David Howell Evans (The Edge) (v.l.), Larry Mullen junior, Paul David Hewson (Bono) und Adam Clayton von der irischen Band „U2“ auf der Bühne im Olympiastadion

Foto: Britta Pedersen / dpa

U2 haben am Mittwoch ihr einziges Deutschlandkonzert im Olympiastadion gegeben. Die Songs wurden mit brillanten Bildern illustriert.

Schlagzeuger Larry Mullen Jr. ist der erste, der am Mittwochabend nach dem Vorprogramm von Noel Gallaghers High Flying Birds um 21 Uhr auf der regennassen Bühne im mit 70.000 Besuchern ausverkauften Olympiastadion erscheint. Er schlendert über einen Laufsteg ins Publikum. Er setzt sich an sein Schlagzeug und schlägt einen treibenden Beat, während als nächster Gitarrist The Edge erscheint, gefolgt von Sänger Bono und Bassist Adam Clayton.

Ganz unspektakulär eröffnen U2 in Berlin ihr einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr mitten im Publikum mit „Sunday Bloody Sunday“ von ihrem 1983-Album „War“. Und gleich zu Beginn singt das Stadion die Zeilen „How long must I sing this song“ mit. Es ist nasskalt und frisch. Aber die Stimmung im Stadion ist bestens. Und das angekündigte Regenwetter scheint einen Bogen um Berlin zu machen. Zumindest vorerst. So gegen 22 Uhr beginnt es dann doch zu regnen.

Alle elf Stücke von „The Joshua Tree“ erklingen

Mit „New Year‘s Day“, „Bad“, David Bowies „Heroes“ und Pride“ spielen sie noch weitere Klassiker, bevor sie sich eng beisammen auf der endlos breit scheinenden Bühne postieren, um das 30. Jubiläum ihres Durchbruch-Albums „The Joshua Tree“ live in Berlin zu feiern. Alle elf Stücke spielen sie, in der originalen Reihenfolge.

33 Konzerte geben sie während dieser Erinnerungstour in den USA und in Europa, rund 1,7 Millionen Zuschauer werden sie dann gesehen haben. Dabei stehen sie vor einer stadionbreiten, 60 mal 14 Meter großen High-Resolution-LED-Videowand, die aus 1040 Einzelbildschirmen besteht und die Songs mit brillanten Bildern illustriert. Das ist schon imposant.

Als „The Joshua Tree“ 1987 erschien, hieß der amerikanische Präsident Ronald Reagan und in Großbritannien regierte noch Maggie Thatcher mit eiserner Hand. Entsprechend war das Album sehr vom politischen und sozialen Engagement der Band geprägt. Um die Anonymität der Großstädte geht es im ersten Stück der Platte. „Where The Streets Have No Names“ wird auf der Bildwand begleitet von schwarzweißen Fahrten über endlose Highways, vorbei an flirrenden Wüsten, Trampern, Kakteen – und Joshua Trees.

Wie stets bei U2 kommen die Stücke live rauer und impulsiver daher als auf Platte. Wie die Ballade „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“. Anton Corbijn, der Hausfotograf der Bands, hatte schon die Fotos für das Album gemacht. Nun ist er noch einmal zurückgekehrt ins amerikanische Death Valley, um die Filme für diese Show zu inszenieren.

Auf „With Or Without You“ folgt das anklagende „Bullet The Blue Sky“, in dem es um Reagans Politik im mittelamerikanischen El Salvador geht. Die Musiker stehen meist eng zusammen, als spielten sie in einem kleinen Club. Dafür, dass man sie doch auch von den Rängen sehen kann, sorgen Live-Kameramänner, die die Musiker überlebensgroß auf die Bildwand projizieren. Großes Kino sozusagen.

Zu „Red Hill Mining Town“, in dem es um den britischen Bergarbeiterstreik von 1984 geht, erscheint auf der Leinwand eine englische Bergarbeiter-Brassband. Und mit „Mothers Of The Disappeared“ spielen sie das letzte Stück der Platte. Der Song ist eine Klage für die Mütter der zehntausenden Verschwundenen, die in den 70er- und 80er-Jahren von lateinamerikanischen Militärdiktaturen entführt und dann meist gefoltert und umgebracht wurden. Es ist überraschend, wie aktuell manch eines dieser 30 Jahre alten Lieder immer noch ist. Die Band bedankt sich aufrecht. Und verabschiedet sich.

Der lange Zugabenteil ist mit Hits gespickt

Um im tosenden Applaus zu einem sehr langen Zugabenteil zurückzukehren, der noch einmal mit Hits gespickt ist von „Miss Sarajevo“ über „Vertigo“ bis zum Einheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beschwörenden „One“. Natürlich könnte man sich gemütlich zu Hause auf die Couch setzen, das Album „The Joshua Tree“ aus dem Plattenregal ziehen und sich in Ruhe bei einem Glas Rotwein anhören. Man kann sich aber auch mit 70.000 anderen Menschen nach langwierigen Einlasskontrollen in ein Stadion drängeln, und die komplette Platte live vorgespielt bekommen. Hier freilich zählt mehr das Dabei-gewesen-sein.

Bei aller Stadion-Gigantomanie muss man doch eingestehen, das U2 auf der Bühne nach wie vor unschlagbar sind. U2 ist eine der letzten großen Rockbands unserer Tage, die es versteht, mit ihren politisch engagierten, christlich verwurzelten und Gerechtigkeit anmahnenden Hits die Massen zu bewegen. Und die Fans lieben sie dafür.