Obdachlose in Berlin

Dieses Projekt deckt Zahlen zu Berliner Obdachlosigkeit auf

| Lesedauer: 7 Minuten
Sylvia Lundschien

Obdachlose sind nur Männer? Obdachlose sind faul? Ein Projekt der Evangelischen Journalistenschule geht gegen Vorurteile an.

Gibt es immer mehr Obdachlose in Berlin? Schaut man auf die Straßen oder in U- und S-Bahn, könnte man diesen Eindruck gewinnen. Aber diesen „gefühlten Wahrheiten“ lässt sich etwas entgegensetzen – nämlich Daten, Fakten und Zahlen.

Nüchterne Zahlen gegen gefühlte Wahrheiten

Die 16 Volontärinnen und Volontäre der Evangelischen Journalistenschule Berlin haben genau dies getan. Für ihr Datenjournalismus-Projekt auf der Webseite www.obdachlosinberlin.de fragten sie Ämter, Hilfseinrichtungen und Verwaltungen an. Die verfügbaren Daten flossen in sechs Teilprojekte ein, die Themen wie Frauen in der Obdachlosigkeit und Finanzierung von Hilfsangeboten umfassen. Grafiken, Fotos, Texte, Videos und Interviews setzen die Daten in Zusammenhang und zeichnen ein Bild über Obdachlosigkeit in Berlin. Das Thema lag für die Volontäre wortwörtlich zum Greifen nah: Die Einrichtung befindet sich in der Jebensstraße am Bahnhof Zoo, direkte Nachbarn sind die Bahnhofsmission und die Caritas Ambulanz für Wohnungslose.

Ohne Zahlen gibt es keinen politischen Druck

Die Suche nach den Daten war allerdings nicht leicht, wie die Journalistenschüler berichten. Zum Teil werden in manchen Einrichtungen keine Daten erhoben oder es werden nur Obdachlose mit deutschem Pass gezählt. Mancherorts sind die Zahlen nicht für die Öffentlichkeit gedacht oder schwanken von Einrichtung zu Einrichtung. Als Konsequenz bedeutet dies, dass niemand genau weiß, wie viele Obdachlose es tatsächlich in Berlin gibt – auch die Volontäre konnten dies nicht abschließend herausfinden. Schätzungen reichen von 3.000 (Deutsche Presseagentur) bis hin zu 10.000 Menschen (Bahnhofsmission Zoologischer Garten). Hinzu kommen laut Berliner Senatsverwaltung für Soziales etwa 16.000 Wohnungslose. Als wohnungslos gilt, wer auf Zeit in einer staatlichen Unterkunft lebt.

Interaktiv: Obdachlos - Vom Leben auf der Straße

Vier Bundesländer erheben schon gezielt Daten zu Obdachlosigkeit

Ohne eine konkrete Zahl bleibt der Handlungsdruck auf die Berliner Politik jedoch gering und der Umfang an Hilfsangeboten kann nicht angemessen berechnet werden. Immerhin: Der Berliner Senat plant die Einführung einer Wohnungslosenstatistik für diese Legislaturperiode. Bundesländer wie Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern erfassen bereits seit einigen Jahren gezielt Daten zu Obdachlosigkeit. Allerdings gibt es noch keine bundesweiten Standards für eine solche Erhebung.

Vorurteile helfen Obdachlosen nicht weiter

Das Projekt „Obdachlos in Berlin“ nimmt sich auch Vorurteile an, die viele Menschen über Obdachlose haben. Die Ursachen und Auswirkungen eines Lebens auf der Straße sind aber nie einfach nur schwarz oder weiß.

Vorturteil 1: „Nur Männer werden obdachlos“

Dies stimmt nicht. Schätzungen zufolge leben etwa 2.500 obdachlose Frauen in Berlin. Bundesweit gibt es momentan laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. knapp 86.000 Frauen, die ohne Bleibe sind. Dies sind gegenwärtig 28 Prozent aller Obdachlosen in Deutschland, in den 1990er Jahren betrug ihr Anteil nur 15 Prozent. Viele von ihnen haben Gewalt erlebt, zeigen psychische Auffälligkeiten und haben Schwierigkeiten, einen geregelten Alltag zu führen. Oft bleiben obdachlose Frauen auch unbemerkt, weil sie Wert darauf legen, im Stadtbild „normal“ auszusehen und nicht anzuecken. Ein Teil der Frauen geht auch Zweckbeziehungen mit Männern ein, bei denen sie Sex und Hausarbeit gegen einen Schlafplatz tauschen. Denn das Berliner Angebot allein kann den Bedarf an frauengerechten Unterkünften nicht decken: Insgesamt gibt es in den Wintermonaten nur 77 Betten in sieben Frauenunterkünften. Von April bis Oktober reduziert sich die Bettenzahl auf 31. Zudem meiden viele obdachlose Frauen Quartiere, wo sie nicht von Männern getrennt übernachten können.

Vorurteil 2: „Obdachlose aus Osteuropa schnorren in Deutschland Sozialleistungen“

Auch dies ist falsch. Die „Osteuropäer“ setzen sich aus vielen unterschiedlichen Nationen zusammen – darunter Rumänen, Polen und Bulgaren, drei der größten EU-Einwanderungsgruppen in Deutschland. Die „Russen“ sind zudem oft EU-Bürger russischer Abstammung, die aus Estland, Litauen und Lettland stammen.

Viele von ihnen halten sich also legal im Land auf und suchen in der Regel nach einer Arbeit. Doch Sprachbarrieren, Löhne auf Dumping-Niveau, Krankheiten, Unfälle oder geringe Rechtskenntnis können Menschen schnell aus dem Gleichgewicht bringen. Deutsche Sozialleistungen greifen nur in wenigen Fällen oder sind nicht ausreichend bekannt. Fehlt das Geld für die Rückreise oder ein stabiles soziales Netz, landen die Menschen oft auf der Straße.

Der Berliner Senat erhebt jedoch keine konkreten Daten zu der Zahl ausländischer Obdachloser. Gezählt hat jedoch seit 20 Jahren der Sozialarbeiter Jürgen Mark in der Notübernachtung in der Franklinstraße in Berlin-Charlottenburg: Polen und Rumänen liegen seit der EU-Erweiterung 2006 ganz vorne. Ein gezieltes Hilfsangebot fehlt aber – bisher kümmert sich eine Stelle um obdachlose Osteuropäer in Berlin. In Hamburg wird genau Statistik geführt und es gibt bereits sechs Beratungsstellen für Obdachlose aus dem östlichen Europa.

Vorurteil 3: „In Deutschland muss niemand obdachlos sein.“

Obdachlosigkeit ist komplex. So bestätigt die SEEWOLF-Studie aus München seit 2011, dass Obdachlose viel stärker als die Restbevölkerung von psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie und sozialen Störungen betroffen sind. Zum Teil sind diese Erkrankungen sowie ein schwaches soziales Umfeld auch der Grund, warum die Menschen überhaupt aus den existierenden Hilfesystemen herausfallen.

Zugleich sind die Ausgaben des Senats für die Obdachlosenhilfe seit 2010 von 4,2 Millionen auf 5,6 Millionen Euro gestiegen. Zum Vergleich: Die Betriebskosten der Flughafenbaustelle BER betragen innerhalb einer Woche von Montagmorgen bis Donnerstagnachmittag allein 5,8 Millionen Euro. Was erst einmal gut klingt, reicht aber wahrscheinlich nicht mehr aus. Nach Schätzungen haben sich die Obdachlosen-Zahlen seit 2010 verdreifacht. Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission Zoologischer Garten, geht dabei von einem Zuwachs von 500 bis 1.000 obdachlosen Menschen pro Jahr in Berlin aus. Seine Gesamtschätzungen belaufen sich auf zwischen 8.000 bis 10.000 obdachlose Menschen.

Zuletzt wurde die Hauptstadt auch im Armutsbericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales 2017 zusammen mit dem Ruhrgebiet als eine „armutspolitische Problemregion Deutschlands“ identifiziert: Hier gibt es zu wenige Sozialwohnungen, zu teure Mieten, geringe Löhne. Der Rückweg aus der Obdachlosigkeit ist damit für viele noch mühsamer geworden. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. geht deshalb für 2018 von etwa 540.000 Obdachlosen in Deutschland aus – das entspricht der Einwohnerzahl Dresdens.

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