Flughafensee

Müll, Partys und Gewalt zerstören Erholungsgebiet

Das Ordnungsamt in Reinickendorf patrouilliert wegen Konflikten mit Besuchern nur noch in Begleitung der Polizei.

Ein Idyll im Niedergang: Das Ehepaar Edith und Ralf Hoyer stößt am Flughafensee ständig auf neue Müllhalden.

Ein Idyll im Niedergang: Das Ehepaar Edith und Ralf Hoyer stößt am Flughafensee ständig auf neue Müllhalden.

Foto: Thomas Schubert / BM

Als sie die Spielzeugboote zu Wasser ließen, erschien ihnen ein Wettrennen zu öde. Stattdessen veranstalteten die Jugendlichen am Flughafensee eine sadistische Jagd. Der erste Preis, so hörten es Edith und Ralf Hoyer die Halbstarken rufen, sollte demjenigen gehören, der mit seinem Boot ein Entenküken zu Tode rammt. Und wieder war ein Spaziergang dahin, der den Hoyers Entspannung bringen sollte. Was das Ehepaar beim Gassi gehen mit Hündin Buffy täglich erlebt, lässt sie zweifeln, ob es sich beim Grünzug am Seeufer an der Seidelstraße in Tegel überhaupt noch um ein Landschaftsschutzgebiet handelt.

Tierquälerei, Partytreiben, Drogenkonsum, Pöbeleien, illegale Zeltlager am Wasser – das ist die Liste von Zumutungen in Kurzform. "Neulich mussten wir einem BMW ausweichen, der über den Waldweg jagte", erinnert sich Edith Hoyer an eine besonders gefährliche Eskapade. Dass die Schranke an der Zufahrt zum Flughafensee kein Schloss hat, wirkte offenbar wie eine Einladung zum Rallyefahren.

Neben diesen wechselnden Ärgernissen bleibt eine Konstante: der Müll. Wann auch immer sich Anwohner beschwerten: Jeder beseitigten Abfallhalde folgte sogleich eine neue. Und der See an sich gleicht einer Deponie. "Ich habe bestimmt 20 Mal die App des Ordnungsamts benutzt", berichtet Edith Hoyer von ihren Versuchen, die Müllhalden digital zu melden. Dass die Behörde bemüht, aber überfordert wirkt, können die Hoyers nachvollziehen. Der Personalmangel im Bezirksamt ist ihnen wohl bekannt. Echte Sorge bereitet den Hoyers aber der Hinweis eines Ordnungsamtsmitarbeiters, dass er den See wegen Gewaltandrohungen von Müllverursachern meidet. Ein Naturschutzgebiet im Ausnahmezustand – in Tegel Realität.

Bis zu zwei Tonnen Müll aus dem Wasser geholt

"Der Flughafensee ist in Reinickendorf während der Sommermonate zweifelslos einer der kritischen Brennpunkte", bestätigt auf Anfrage Ordnungsstadtrat Sebastian Maack (AfD). Während der Hauptnutzungszeiten im Sommer gehe das Ordnungsamt dort nur in Begleitung der Polizei auf Streife. Denn das Stammpersonal dürfe eine Reihe der dort feststellbaren Vergehen nicht ahnden "und ist auch für durchaus mögliche körperliche Auseinandersetzung weder ausgerüstet noch ausgebildet", begründet Maack die Vorgehensweise.

Zwölf große Müllcontainer wurden bereits auf Beschluss der Bezirksverordneten aufgestellt, in der Hoffnung auf mehr Sauberkeit. Der meiste Unrat landet trotzdem auf dem Parkplatz, in Gebüschen oder direkt im Wasser. Zur Tradition gehört deshalb eine Reinigungsaktion im Frühjahr, bei der Mitglieder des Sport- und Rettungstauchvereins Berlin die gröbsten Fremdkörper aus dem Flughafensee fischen. Kühlschränke, Einkaufswagen, Fahrräder – bis zu zwei Tonnen Müll gelangen so in jedem April wieder an Land.

"Verständnis dafür kann man nicht haben"

Als weiteren Verbündeten neben dem Tauchverein betrachten Anwohner wie die Hoyers die Nachbarschaftsinitiative "I love Tegel". Bei einem Rundgang mit dem Gründer Felix Schönebeck bot sich das gewohnte Bild: Ausrangierte Sitzmöbel, weggeworfene Baustoffe, ein herrenloses Auto, dessen Verschrottungskosten jemand sparen wollte. In diesem Teil von Tegel Müll in die Natur zu entsorgen, bereitet zu vielen Menschen keine Gewissensbisse – so beobachtet es Schönebeck, der sich auch in der CDU engagiert, seit über fünf Jahren. "Verständnis dafür kann man nicht haben. Zur fachgerechten Entsorgung gibt es schließlich die Betriebshöfe der BSR", stimmt er in die Klage der Nachbarn ein.

Drei Mitarbeiter des Fachbereichs Gartenbau versuchen derzeit, drei Mal pro Woche der ständigen Vermüllung Herr zu werden, erklärt ein Sprecher des Bezirksamts. In den Wintermonaten erfolge die Pflege nur bei Bedarf. Dass der Bezirk überhaupt Ordnung wahren muss, liegt an einer Vereinbarung mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, der das Areal des Flughafensees gehört. Sie trat im Jahre 1981 in Kraft und bleibt weiter gültig. "Somit ist der Bezirk Reinickendorf beziehungsweise das Land Berlin für die Reinhaltung und Pflege der betroffenen Flächen wie auch für alle anderen Pflichten zuständig", lehnt ein Sprecher der Bundesanstalt jede Verantwortung ab.

Für Schönebeck steht fest: "Die Lage wird stetig schlechter." Anders als am Tegeler See, wo sich in den Uferbereichen Wassersportler tummeln, besticht der Flughafensee gerade durch seine Abgeschiedenheit. Aber gerade das geringe Risiko, bei den Freizeitaktivitäten beobachtet zu werden, sorge für eine Enthemmung der Besucher, beobachtet Schönebeck. An warmen Abenden entpuppt sich der Baggersee nördlich des Flughafens als Partyzone.

Sogar Scherben landen im Wasser des Baggersees

Tags darauf sieht man die Folgen: Speisereste und Scherben im Wasser. Am vergangenen Dienstag musste die Feuerwehr anrücken, um einen Mann zu retten, der offenbar betrunken in den See gestürzt war. Im Juni 2016 eskalierte ein Streit unter drei jungen Männern. Damals fand sich ein 22-Jähriger mit Hieb- und Stichverletzungen im Krankenhaus wieder. Fast zeitgleich nahm die Polizei einen Fall von sexueller Belästigung auf, den eine 17-Jährige angezeigt hatte. Und einen Monat später bissen im geschützten Reservat freilaufende Hunde vier Schafe zu Tode.

"Hier ziehen sich drei schwierige Gebiete zusammen", sucht Schönebeck eine Erklärung für den Niedergang des Idylls. Was er meint, ist die Hochhaussiedlung in Tegel-Süd, den Auguste-Viktoria-Kiez nördlich der Scharnweber­straße und das Märkische Viertel mit seiner Direktanbindung über die BVG-Buslinie X33. Ralf Hoyer würde es dennoch begrüßen, wenn Ordnungshüter verstärkt Kontrollen fahren. Die Verbesserungen könnten schon mit Kleinigkeiten beginnen. Die unverriegelte Schranke an der Seidelstraße sei leicht durch ein Schloss zu sichern. Ehepaar Hoyer will sich nicht wieder in Acht nehmen müssen vor heranrasenden BMW.

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