Kriminalgericht

U-Bahntreter setzt auf Mitleid - und weint vor Gericht

Die Verteidigung lehnt eine Schöffin wegen Befangenheit ab. Und der Angeklagte versucht offenkundig, Mitleid zu schinden.

Prozess gegen Berliner U-Bahn-Treter startet

Do, 15.06.2017, 17.37 Uhr

Prozess gegen Berliner U-Bahn-Treter startet

Beschreibung anzeigen

Svetoslav S. weint. Der 28-Jährige sitzt zum Prozessauftakt auf der Anklagebank im Saal 500 des Moabiter Kriminalgerichtes, wischt sich mit einem Taschentuch über die Augen, krümmt sich nach vorn mit schmerzverzogenem Gesicht. Ein Bild des Jammers.

Am 27. Oktober 2016 soll er kurz nach Mitternacht im U-Bahnhof Hermannstraße einer Frau, die arglos eine Treppe herunterlief, ohne Anlass unvermittelt wuchtig in den Rücken getreten haben. Die 26-Jährige stürzte kopfüber herunter und fiel mit dem Gesicht auf den Bahnsteig. Sie erlitt einen Armbruch und eine Platzwunde am Kopf.

Begleiter wurde auf dem Überwachungsvideo erkannt

Der Täter – das zeigt ein Überwachungsvideo – beobachtete den Sturz der Frau teilnahmslos und zog anschließend, als wäre nichts geschehen, mit seinen drei Begleitern weiter. Zwei sind seine Brüder. Einer von ihnen wurde im Dezember nach Veröffentlichung der Videosequenzen erkannt und festgenommen. Das war die erste Spur, die in Richtung des Svetoslav S. führte. Eine Anklage gegen die Brüder und den dritten Begleiter wegen unterlassener Hilfeleistung gab es nicht. Der Frau wurde damals sofort von Passanten geholfen. Sie ist nun Nebenklägerin in diesem Prozess und wird voraussichtlich am 20. Juni als Zeugin aussagen.

Vorgeworfen werden Svetoslav S. auch exhibitionistische Handlungen. Er soll sich am 13. Oktober vergangenen Jahres in Reinickendorf vor drei Frauen in der Öffentlichkeit entblößt und masturbiert haben, um sich sexuell zu erregen. Erst auf einem Parkplatz, eine gute halbe Stunde später in einem Park.

Es kommt am ersten Prozesstag noch nicht zur Verlesung des Anklagesatzes. Svetoslav S.' Verteidiger stellen gleich zu Beginn einen Befangenheitsantrag: Eine Schöffin, so der Tenor, habe durch zwei 2010 und 2011 für eine Berliner Tageszeitung geschriebene Leserbriefe deutlich gemacht, dass sie nicht unvoreingenommen über Svetoslav S. urteilen könne – er kommt aus Bulgarien, gehört zu einer Türkisch sprechenden Minderheit. Beide Leserbriefe werden vor Gericht verlesen. In einem Text wendet sie sich spöttisch an den Grünen-Politiker Özcan Mutlu. Der hatte damals Zoff mit einem Imbissbetreiber, weil er elf Euro für zwei Currywürste und zwei Cola als zu teuer empfand.

"So was nenne ich den gespielten Türkenwitz!"

Es kam zu einem Streit auf Türkisch. Der Imbissbetreiber beschimpfte Mutlu, weil der sich als Türke in der Zeit des Ramadan Produkte aus Schweinefleisch kaufe. In die gleiche Kerbe hieb auch die Schöffin: "Religion hin, Inte­gration her: So etwas nenne ich den gespielten Türkenwitz!", schrieb sie.

In dem zweiten Brief geht es um die Richterin Kirsten Heisig, die nach Meinung der Schöffin bei ihrer Arbeit mit kriminellen Jugendlichen mit Migrationshintergrund keine Unterstützung bekommen und sich vermutlich deshalb auch das Leben genommen habe. Von den Jugendlichen und ihren kriminellen Clans gehe eine "bedrohliche Situation" aus, so die Schöffin. Es werde zu wenig gegen sie getan, weil die Verantwortlichen Angst vor den Clans hätten.

Die Schöffin muss zu diesem Vorwurf in den nächsten Tagen schriftlich Stellung nehmen. Anschließend wird das Gericht prüfen, ob die Schöffin ersetzt werden muss oder ob es mit ihr weitergeht. So oder so ist es keine große Verzögerung in dem Prozess, für den fünf Verhandlungstage anberaumt sind. Svetoslav S., angeklagt wegen gefährlicher Körperverletzung, droht eine mehrjährige Strafe.

Entscheidend für die Höhe könnte auch das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen sein. Beauftragt wurde Alexander Böhle, der zu den Erfahrensten seiner Zunft zählt. Böhle hat auch gesehen, wie sich Svetoslav S. von seinen beiden Verteidigern verabschiedete, wie er mit beiden Händen ihre rechte Hand umschloss, gebeugt, erneut mit den Tränen kämpfend. Aber alles, Mimik, Gesten, wirkte einen Tick überzogen.

Mehr zum Thema:

Prozess gegen U-Bahn-Treter gleich nach Start unterbrochen

"Einfach zugetreten" - Prozess gegen U-Bahn-Treter startet

Prozess um Feuerattacke endet, Fall um U-Bahn-Treter startet

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.