41. Sternfahrt

Zehntausende Radfahrer unterwegs in Berlin

Zehntausende setzen bei der Sternfahrt ein Zeichen für mehr Sicherheit. Derweil streiten Senat und Aktivisten ums neue Radgesetz.

Erhebendes Gefühl: Zehntausende fahren bei der Sternfahrt die Stadtautobahn entlang

Erhebendes Gefühl: Zehntausende fahren bei der Sternfahrt die Stadtautobahn entlang

Foto: Jörg Krauthöfer

Die Sorge, Großvaters gutes Diamantrad, Baujahr 1953, könnte die angekündigten 20 bis 30 Stundenkilometer nicht durchhalten, erweist sich rasch als unbegründet. Mit gefühlten fünf Kilometern pro Stunde schlängelt sich der Fahrradkorso durch die Karl-Marx-Straße, kurz vor der Grenzallee ist dann erst einmal Schluss. Spannung, Anspannung und Entspannung gehen ineinander über, während Tausende Radfahrer auf dieser 41. Sternfahrt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) darauf warten, sich für wenige Stunden auch die größte Autodomäne Berlins zu erobern: die Stadtautobahn.

Und der Moment ist wirklich erhebend, als der Klangteppich aus Fahrradklingeln anschwillt und sich die radelnde Menge in kleinen Häppchen bei 30 Grad die Auffahrt zur A100 hinaufkämpft. Selten war die Luft im Britzer Tunnel so erfrischend wie heute.

Seit 1977 demonstrieren Radfahrer mit der alljährlichen Sternfahrt für mehr Fahrradfreundlichkeit in den Städten. Auf etwa 1000 Kilometer Streckenlänge radeln die Teilnehmer der weltweit größten Raddemo unter dem Motto „Fahrradland Deutschland. Jetzt!“ auf 19 verschiedenen Routen Richtung Innenstadt, großes Finale ist an der Siegessäule.

Doch so flüssig wie gerade auf der A100 rollt der Radverkehr auf politischer Ebene momentan nicht. Erneut gibt es Streit um das Radgesetz, das der Senat gemeinsam mit der Initiative „Volksentscheid Fahrrad“ auf den Weg bringen will. Nachdem bereits zwei Termine für einen Entwurf geplatzt sind, schloss Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) am Wochenende in der „Berliner Zeitung“ aus, den neuen Termin Ende Juni halten zu können.

„Einen Tag vor der weltgrößten Fahrrad-Demonstration und zwei Tage vor dem 200-jährigen Geburtstag des Fahrrads ist das ein Armutszeugnis für die Partei, die seit Jahrzehnten für die Verkehrswende stehen möchte”, erklärt daraufhin Heinrich Strößenreuther, Mit-Initiator des Volksentscheid Fahrrads, in einer Pressemitteilung. Der ADFC wie auch die Initiative monieren außerdem, dass die Senatorin den Plan über die Medien öffentlich gemacht habe, statt die am Gesetzentwurf beteiligten Aktivisten direkt zu informieren. Günther wehrte sich am Sonntag gegen die Kritik und verwies auf geplante Investitionen des Senats in den Radverkehr.

Von der schlechten Stimmung hinter den Kulissen ist auf der Sternfahrt nichts zu spüren. Aus diversen Boxen schallt seichte Sommermusik à la Red Hot Chilli Peppers und Peter Fox. Und natürlich der Fahrrad-Hit der Prinzen. „Nur Genießer fahren Fahrrad und sind immer schneller da“, grölen alle mit. Es ist wie auf einer großen Klassenfahrt. Es wird munter telefoniert, gefilmt und nebeneinander gefahren. Und natürlich ordentlich auf der A100 von links überholt. Vertreten ist hier alles quer durch die Velo-Schichten. Familien auf Tandems in sonntäglicher Ausflugslaune fahren neben handzahmen Hardcore-Bikern in voller Montur.

„Ich demonstriere für mehr Rechte“

„Ich demonstriere für mehr Rechte für Radfahrer im Straßenverkehr“, sagt Eric Loiroix aus Kreuzberg, das Gesicht weiß vom Sunblocker. „Radler und Fußgänger haben nun einmal meist das Nachsehen, wenn es zu Unfällen kommt. Durch so eine Masse an Radlern wie heute können wir besser in das Bewusstsein der Autofahrer treten.“ Seine Lösung: Mehr Tempo-30-Zonen, Innenstadt komplett autofrei. „Oder wie in London die Autofahrer richtig viel dafür zahlen lassen, wenn sie ins Stadtzentrum wollen.“ Angela aus Prenzlauer Berg brennt auch für einen autofreien Innenstadtring. „Ausnahmen würde natürlich der Liefer- und Nahverkehr bilden“, so die 39-Jährige. „Aber Privatverkehr? Niemand braucht ein Auto in der Stadt!“

Das sehen manche, die an diesem Tag unterwgs sind, anders. Mit dem Fahrrad sei ihre Arbeit gar nicht zu machen, sagt eine selbstständige Krankenpflegerin aus dem Autofenster heraus. Wie andere Autofahrer hat auch sie heute das Nachsehen. Auf der Neuköllner Sonnenallee beträgt die Wartezeit bereits eine halbe Stunde. „Hätte ich heute nicht frei, wäre ich ganz schön geladen“, gibt die Neuköllnerin unumwunden zu. Grundsätzlich aber scheint die Zustimmung vom Straßenrand hoch. „Also allet wie immer“, scherzt ein älterer Mann an der Haltestelle des M41 in der Sonnenallee, der nun mindestens eine halbe Stunde nicht kommen wird. Auf dem zugestauten Sachsendamm vor dem S-Bahnhof Südkreuz ergibt sich die Autofraktion in ihr Schicksal, steigt aus, filmt und winkt.

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