Luftfahrt

Air Berlin: Der Sinkflug einer Airline

Verspätungen, Kofferchaos, gestrichene Flüge: Die Fluglinie verliert pro Tag drei Millionen Euro – und ein Stück von ihrem Renommee.

Eine Maschine von Air Berlin im Landeanflug auf die Hauptstadt

Eine Maschine von Air Berlin im Landeanflug auf die Hauptstadt

Berlin.  Die Schwierigkeiten bei Air Berlin haben sich auch zu Beginn des Pfingstwochenendes fortgesetzt. So wurden am Sonnabend erneut acht Flüge gestrichen. Dabei handelte es sich vor allem um innerdeutsche Verbindungen, teilte eine Air-Berlin-Sprecherin mit. Außerdem gab es längere Verspätungen. Als einen Grund nannte die Sprecherin Engpässe bei Crews und Flugzeugen. Zudem laufe die Zusammenarbeit mit dem Bodendienstleister Aeroground in Tegel nach wie vor nicht zufriedenstellend.

Schon die vergangenen Tage waren bitter für Air Berlin. Mitte der Woche brach der Betrieb an ihrem Drehkreuz Berlin-Tegel de facto zusammen. Tausende Passagiere flogen mit vielen Stunden Verspätung oder strandeten auf den Flughäfen. Erst gegen Ende der Woche gelang es den Managern, das Chaos einigermaßen zu kontrollieren. Die Zahl der gestrichenen oder arg verspäteten Flüge ist in Tegel zurückgegangen, aber immer noch hoch.

Das Image der zweitgrößten deutschen Fluglinie hat gelitten. „Air Berlin läuft Gefahr, auch innerdeutsch und innereuropäisch den Status einer guten Alternative zur Lufthansa zu verlieren“, sagte der Luftfahrtexperte Michael Santo von der Münchener Beratungsfirma H&Z: „Derzeit verspielt Air Berlin ihr Renommee.“

Die Folgen der aktuellen Krise kosten das Unternehmen nach Einschätzung von Experten einen zweistelligen Millionenbetrag, um Passagiere zu entschädigen, Hotels zu bezahlen und zusätzliche Flugzeuge und Crews zu leasen.

Ohnehin angespannte Situation verschärft sich

Dadurch verschärft sich die ohnehin angespannte Situation. Denn die Air Berlin verliert seit Jahresbeginn noch schneller Geld als 2016, als der Rekordverlust schon 782 Millionen Euro betrug. Im ersten Quartal 2017 verbrannte die Airline jeden Tag drei Millionen Euro, das Minus summierte sich zwischen Januar und März auf 293 Millionen Euro. Und das war vor dem akuten Zusammenbruch in Tegel mit dem Start des Sommerflugplans. „Wir haben einen argen Personalengpass“, erklärte ein Air-Berlin-Pilot einen Teil der aktuellen Probleme.

Der neue Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann muss die Aktionäre für den 14. Juni zu einer außergewöhnlichen Hauptversammlung einladen, weil das negative Eigenkapital mit 1,4 Milliarden Euro eine bestimmte Grenze überschritten hat. Es wird aber nicht erwartet, dass bei dem Treffen in London wesentliche neue Erkenntnisse vermittelt werden. Finanzvorstand Dimitri Courtelis erklärte den Eigentümern die beschleunigte Kapitalvernichtung mit den drückenden Altlasten in Verbindung mit den Kosten für die Neuaufstellung der Gesellschaft, die von einem Gemischtwarenladen ohne klares Geschäftsmodell zu einer Netzwerk-Airline werden soll: „Es ist normal, dass man bei einem Umbau dieser Größenordnung erst durch ein Tal der Tränen schreitet, bevor die Verbesserungen spürbar werden.“

Hoffnung der Mitarbeiter ruhen auf Lufthansa und Etihad

Die Mühlsteine aus der Vergangenheit wiegen schwer und machen nach Unternehmensangaben mehr als die Hälfte der Verluste des Vorjahres aus. So muss Air Berlin für seine 1,2 Milliarden Verbindlichkeiten zehn Prozent Zinsen bezahlen. Ihre Flugzeuge haben die Berliner bis zu 30 Prozent teurer geleast als die Konkurrenz.

Die Frage ist, ob Air Berlin und ihre möglichen Retter schnell genug zu einer Lösung kommen, ehe das letzte Geld verbraucht ist. Das könnte nach Einschätzung von Experten im Herbst der Fall sein. Die Hoffnungen der 8400 Mitarbeiter, davon 2800 in Berlin, ruhen auf der Lufthansa und dem Air-Berlin-Großaktionär Etihad. Die Lufthansa hat der früheren Konkurrentin in diesem Jahr 38 Flugzeuge samt Crews in einem Leasingdeal abgenommen. Sie möchte einen Zusammenbruch vermeiden um zu verhindern, dass sich die Billig-Konkurrenz die lukrativen Landerechte der Air Berlin schnappt.

Ob und wie sie die übrigen 75 roten Jets integrieren kann, hängt an den Etihad-Eigentümern in Abu Dhabi. Die Araber haben eine Milliarde Euro in Air Berlin investiert und wollen ihr Engagement perspektivisch beenden. Lufthansa erwartet von ihnen eine Übernahme der Altschulden. Dafür wollen die Scheichs eine Gegenleistung, das könnte eine Kooperation mit Lufthansa sein, so ein ehemaliger Air-Berlin-Manager.

Die Mitarbeiter setzen darauf, dass es irgendwie weitergeht. „Es wird ja weitergeflogen“, sagte Verdi-Sekretär Enrico Rümker, der das Bodenpersonal in Berlin vertritt: „Die Frage ist, wer es macht.“ Auch bei der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg, deren größter Kunde Air Berlin ist, hält sich die Sorge in Grenzen. Es werde wenige Tage dauern, ehe ein anderer Anbieter im Falle einer Pleite die meisten Strecken übernehmen würde.

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