Street Art

Aus "The Haus" wird jetzt ein Wohnhaus

Das Kunstprojekt zog in 56 Tagen rund 80.000 Gäste an. Jetzt ist Schluss. Die Werke sollen „neutralisiert“ werden.

Ziel Hunderter Kunstinteressierter auch am letzten Tag der Ausstellung: das Haus an der Nürnberger Straße 68 in Schöneberg, das jetzt abgerissen wird

Ziel Hunderter Kunstinteressierter auch am letzten Tag der Ausstellung: das Haus an der Nürnberger Straße 68 in Schöneberg, das jetzt abgerissen wird

Foto: David Heerde

Die Warteschlange vor dem Abrisshaus an der Nürnberger Straße 68 in der City West reichte am Mittwoch teilweise bis zur Ansbacher Straße. Rund 600 Besucher bevölkerten die Bürgersteige der Nürnberger Straße und Kurfürstenstraße gleichzeitig. Ihr Ziel trotz der stundenlangen Wartezeiten für den Einlass: das Kunstprojekt "The Haus", für das 165 Künstler aus 17 Nationen Wände von 78 Räumen sowie Flure des leeren Geschäftshauses in eine Street-Art-Galerie verwandelt hatten und das am Mittwoch zum letzten Mal seine Tore öffnete.

Das Besondere: Nirgendwo wird diese Kunst danach mehr zu sehen sein, deshalb durften im Inneren auch keine Fotos gemacht werden. "Wir werden die Kunst neutralisieren", sagte Mitinitiator Jörn Reiners am Mittwoch im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Konkret bedeutet das, dass nach einer kurzen Verschnaufpause am Donnerstag die Kunstwerke übersprüht, abgebaut oder auch auf andere Weise zerstört werden.

"Wir werden den Gedanken, dass das Projekt temporär ist, konsequent durchziehen", versicherte Reiners. Das wird ungefähr eine Woche dauern. Auch viele Kaufangebote seien ausgeschlagen worden. Es bestehe gleichwohl eine Chance, dass Teile des Projektes erhalten blieben, "aber nur fragmentarisch": Paul Spies, Direktor des Stadtmuseums Berlin und Chefkurator des Landes Berlin im Humboldt Forum, habe Interesse bekundet. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) sei eingeschaltet.

Schon am 13. Juni, so die Planungen des Hauseigentümers, wird das beauftragte Abbruchunternehmen mit der Entkernung des Gebäudes beginnen, damit dort Neues entstehen kann: nämlich 65 Eigentumswohnungen und zwei Gewerbeeinheiten im Erdgeschoss.

"Gute Idee, weil künstlerische Freiräume weniger werden"

Drei Stunden gewartet, um die ungewöhnliche Street-Art-Galerie am letzten Tag noch zu sehen, hatten auch Konrad (19), Lisa (18) und Damian (19) aus Pankow. So wie die meisten Gäste dort hatten auch sie nur Gutes über das Projekt gehört. "Solch eine Zwischennutzung ist eine gute Idee, gerade weil künstlerische Freiräume in Berlin immer weniger werden", fand das Trio, das zusammen Abitur gemacht hatte. Das Tacheles-Grundstück werde bebaut, und auch an der Landsberger Allee werde ein Kunsthaus abgerissen.

Auch Anna steht schon fast drei Stunden in der Warteschlange und hofft am letzten Tag noch auf Einlass. Die 64-jährige Warschauerin ist zu Besuch in Berlin und will sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, trotz der Hitze, in der die wartenden Gäste auf der Nürnberger Straße ausharren müssen. Manche haben sich sogar Decken mitgebracht, auf die sie sich auf dem Gehweg setzen. Der Eiswagen, der sich direkt gegenüber dem Eingang zum Haus positioniert hat, macht ein gutes Geschäft. Viele nehmen das Erfrischungsangebot gern an.

Im The Haus geht es beim Morgenpost Leserforum um Berliner Kunst und Kultur

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Am letzten Tag haben die Veranstalter die Öffnungszeit sogar um sechs Stunden ausgedehnt, statt wie sonst seit dem 1. April von 10 bis 20 Uhr war von 8 Uhr bis Mitternacht geöffnet. "Man braucht durchschnittlich zwei Stunden für die Besichtigung, deshalb werden um 22 Uhr die letzten Besucher reingelassen", so Jörn Reiners. Und damit niemand vergebens wartet, sollte um 18 Uhr am Ende der Warteschlange ein Schild den letzten Gast markieren. So wie die Künstler kamen auch die Gäste aus aller Welt. Die Veranstalter rechnen mit 80.000 bis 90.000 Besuchern. "Seit dem 1. April hatten wir 56 Tage geöffnet. Wir haben mit einigem Erfolg gerechnet, weil wir uns viel Mühe gegeben haben. Aber dass das Ganze so erfolgreich war, hätten wir nicht gedacht. Das hat auch unsere Erwartungen übertroffen", freut sich Reiners.

Zusammen mit Kimo von Rekowski und Marco Bollenbach managt Jörn Reiners normalerweise die Firma xi-design in Mitte. "Wir sind Dienstleister für handgemalte Außenwerbung", berichtet Reiners. Beteiligt sei er schon oft an ähnlichen internationalen Veranstaltungen gewesen. Das Haus sei aber jetzt ihr erstes eigenes Kunstprojekt gewesen, das von der Künstlercrew "Dixons" initiiert wurde, zu der 28 Teammitglieder gehören.

Wenn das ehemalige Bankgebäude im September abgerissen ist, soll im Herbst Baubeginn sein. Im Sommer 2019 sollen die ersten Bewohner in ihre Wohnungen einziehen können.

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