Spielzeug

Die „Fidget Spinner“ erobern Berliner Schulhöfe

Ein kleines Drehspielzeug erobert Berlins Schulen — angeblich hilft es den Schülern sogar, sich besser zu konzentrieren.

Fidget Spinner erobern Berlin

Seit kurzem sind die Spielzeuge mit Kugellager in der Mitte immer häufiger zu sehen. Wir haben auf der Straße nachgefragt, ob die Leute wissen, was es damit auf sich hat. In Berlin findet man Fidget Spinner in Spielwarenabteilungen und am Kiosk.

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Sie drehen sich in der U-Bahn oder im Café, im Klassenraum oder im Büro: die Fidget Spinner, Spielzeuge mit einem Kugellager in der Mitte und meist drei Flügeln. Einmal angestoßen, bewegen sie sich minutenlang. Und sind damit zu DEM Spielzeug dieses Sommers geworden.

Zwei Stunden waren Claas und Fabian, zwölf und 13 Jahre alt, auf dem Kudamm unterwegs, bis sie endlich jeder einen Fidget Spinner kaufen konnten. „In ganz vielen Läden waren die ausverkauft“, erzählt Fabian. Bei einem Freund hatte er den Spinner zuerst gesehen, „und dann war das überall auf Instagram“. Warum er auch einen haben wollte? „Weil der cool ist. Und Spaß macht.“ Claas stellt fest: „Das macht einen süchtig.“ Wieder und wieder setzen die beiden Jungs ihre Spinner in Bewegung, lassen sie auf den Fingern tanzen, stoppen die Zeit, bis die Flügel wieder stehen bleiben.

„Man kann auch Tricks damit machen“, berichtet Claas. „Hochwerfen und wieder auffangen und so was.“ Auf Youtube zeigen Jugendliche, wie sie den rotierenden Spinner von einer Hand auf die andere werfen, ihn an einen anderen Spieler übergeben oder auf der Nasenspitze drehen lassen.

KaDeWe muss ständig nachbestellen

Eltern stehen meist eher ratlos vor dem Drehspielzeug. Denn auf die Frage, was man damit macht, gibt es keine echte Antwort. Der Fidget Spinner trainiert nicht die Fingermuskulatur oder den Gleichgewichtssinn – er dreht sich einfach nur. Dennoch besetzen die Spinner in Onlineshops die Spitzenplätze bei den meistverkauften Spielzeugen, das KaDeWe berichtet von „sehr großer Nachfrage“ und bestellt ständig neue Exemplare nach.

Verkauft werden sie beispielsweise auch unter der Bezeichnung Hand Spinner, in Schwarz oder in bunten Farben, mit LED-Beleuchtung oder Lautsprecher, mit Plastik- oder Metallgehäuse, zwei, drei oder mehr Flügeln. Im Netz werden sie schon für weniger als einen Euro angeboten, es gibt aber auch Einzelstücke aus Edelmetall für mehrere Hundert Dollar zu kaufen.

Viele davon werden nicht einfach nur als Spielzeug vermarktet. Stress soll der Spinner lösen können, bei Angstzuständen oder der Aufmerksamkeitsstörung ADHS helfen und die Konzentration fördern. Das klingt bereits im Namen an: Das englische Wort fidget bedeutet so viel wie herumzappeln – immer wieder hinten auf den Kugelschreiber zu drücken zum Beispiel oder mit den Fingern auf dem Tisch herumzutrommeln. „Fidgets“ werden in den USA auch kleine Gegenstände genannt, die sich nebenbei, unauffällig und geräuschlos spielen lassen. „Spinner“ beschreibt die Drehbewegung des Spielzeugs, die angeblich beruhigend wirken soll.

Experten sehen dieses Versprechen skeptisch. Eltern von Kindern mit ADHS berichten aber in Internetforen und Blogs, dass die Spinner bei der Konzentration helfen würden. Allerdings nur demjenigen, der das Spielzeug gerade dreht — und das sorgt in den USA und in Großbritannien für Diskussionen an den Schulen. In beiden Ländern dauert der Fidget-Boom schon länger an als in Deutschland, mehrere amerikanische und britische Schulen haben das Gerät in den Klassenräumen verboten, weil sich Lehrer und Mitschüler gestört fühlten.

In Berlin sei das kein Thema, versichert Beate Stoffers, Sprecherin der Senatsverwaltung für Bildung. Zwar seien die Spinner längst in den Schulen angekommen, „es gibt ja immer irgendetwas, was man gern in die Schule mitnimmt, seien es nun Sammelkarten oder Fidget Spinner“, aber das neue Spielzeug sei nicht als Problem aufgefallen. Wenn sich die Lehrkraft gestört fühle, weil ein Schüler im Unterricht damit spiele, könne sie es laut Schulgesetz vorübergehend einziehen. Viele Schüler kennen diese Regelung aus eigener Erfahrung: Vor allem Handys werden immer wieder von Lehrern einkassiert und können teils nach dem Unterricht, teils nur an festgelegten Tagen im Sekretariat oder beim Schulleiter wieder abgeholt werden. Ob die Benutzung von Handys oder Spielzeugen auch außerhalb des Unterrichts verboten wird, kann die Schulkonferenz beschließen.

Bei Ruth Stephan sind noch keine Fidget Spinner abgegeben worden. Die Schulleiterin der Grunewald-Grundschule lacht über die Frage, ob die Spielzeuge an der Schule ein Problem sind: „Ach, so heißen diese kleinen Dinger“, sagt sie. Natürlich hätten auch viele ihrer Schüler ein solches Gerät dabei, aber die Regelung an der Schule ist klar: „Die Kinder stecken das vor dem Unterricht weg.“ Für die Lehrer sei das schließlich nichts Neues, die Schüler brächten ja immer wieder etwas mit, „was gerade in Mode ist“. In den Pausen dürfe dann natürlich damit gespielt werden.

Der Nachfolger des Spinners könnte ein Würfel sein

Die Urform des Fidget Spinners entwickelte vor mehr als 25 Jahren eine amerikanische Erfinderin. Catherine Hettinger, die in Florida lebt, wollte ihre kleine Tochter beschäftigen und baute ein Spielzeug, das sich auf dem Finger drehen ließ, wie sie dem britischen „Guardian“ erzählte. Unter den Namen „Finger Spinner“ meldete sie es zum Patent an, ließ dieses aber 2005 auslaufen, weil sie sich die Verlängerung nicht leisten konnte. Andere Medien äußerten allerdings Zweifel daran an, ob Catherine Hettinger wirklich als Erfinderin des Fidget Spinner gelten könne. Die heute verkauften Modelle sähen ganz anders aus als das, wofür vor 20 Jahren ein Patent erteilt wurde.

Sie selbst sehe den Erfolg des Fidget Spinners ohne Bitterkeit, sagte die heute 62 Jahre alte Catherine Hettinger dem „Guardian“. Sie freue sich einfach, dass ein von ihr entwickeltes Spielzeug den Menschen so viel Freude mache.

Und möglicherweise ist die Spinner-Welle ohnehin schon bald wieder vorbei. In amerikanischen und britischen Schulen macht sich neben den Drehspielzeugen ein anderes Fidget-Gerät breit: der Fidget Cube, ein Würfel, dem seine Anhänger eine ähnlich positive Wirkung wie dem Spinner nachsagen. Ihn kann man nicht nur drehen: Auf seinen Flächen bietet er außerdem Schalter, Zahnräder, einen Joystick zum Drücken, Klicken, Drehen, Schieben — und all das bewirkt nichts. Offenbar ist das ein Erfolgsgeheimnis der neuen Spielzeuge.