Ausbildung in Neukölln

Die „Filmarche“ ist die harte Schule für Kreative

An der Filmarche lernen Studierende komplett in Eigenregie. Jetzt kann man sich für Kurse bewerben.

In „Europas größter selbst organisierter Filmschule“ werden Filmschaffende ausgebildet

In „Europas größter selbst organisierter Filmschule“ werden Filmschaffende ausgebildet

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Der Montag startet untypisch. Die Studenten der Drehbuchklasse sitzen in ihrem wöchentlichen Seminar zusammen – das heute aber keiner von ihnen explizit vorbereitet hat. Für Lernende an klassischen Hochschulen ganz normal, ist dies an der Berliner Filmarche die Ausnahme: „Europas größte selbst organisierte Filmschule“ nennt sich die 2002 gegründete Institution. Denn hier machen die Studenten alles in Eigenregie, von der Verwaltung bis hin zum Unterricht.

In der Drehbuchklasse des zweiten Studienjahres war dieses Mal keine große Planung nötig. Es geht um die Jahresabschlussarbeiten, ein Drehbuch pro Teilnehmer, dafür müssen Stoffe entwickelt werden. Die Skripte sollen in Filmproduktionen münden, die gemeinsam mit Kommilitonen realisiert werden.

Auch das will organisiert sein. „Gerade haben wir einen Coach eingeladen, eine Ehemalige der Filmarche“, sagt Eva Freitag. Eigentlich ist Freitag Cellistin. Viele der Studenten an der Schule stehen nebenher in Beruf oder Job, entsprechend viel Freiraum lässt das Studium, für das sich Interessierte jetzt wieder bewerben können: Bis zum 15. Juni sollte das Online-Formular ausgefüllt werden. Im Juli und August folgen Bewerbungsgespräche, im Oktober startet das Studienjahr.

Wer einen der sechs Fachbereiche Regie, Kamera, Drehbuch, Montage und Schnitt, Produktion oder Dokumentarfilmregie mit je bis zu 16 Studienplätzen pro Jahr absolviert hat, bekommt zwar kein staatlich anerkanntes Zertifikat wie auf der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) oder der Filmuniversität Konrad Wolf in Babelsberg. Dafür hat er mindestens drei Dinge geübt: „Disziplin, Pragmatismus und gute Organisation“, sagt Drehbuch-Student Martin Stretchky. „Das braucht es, damit die Freiheit nicht zum Nachteil wird.“

Vom erwartbaren Chaos ist in der Schule nichts zu spüren

Die „härteste Filmschule“, überschreibt die Filmarche spaßhaft ihre Bewerbungsanzeige. Von dem erwartbaren Chaos, wenn jeder alles in einem ist und von allem etwas – Student und Lehrender, Zuschauer und Filmemacher, Manager und Profiteur des Managements der anderen – ist hinter der Putz-Klinkerfassade des Gewerbebaus am Neuköllner Oberhafen, wo die Schule residiert, aber gar nichts zu spüren. Viel, erzählt Aline Bonvin, Absolventin von 2014 und heute im Vorstand, sei über eine staatliche Anerkennung diskutiert worden. „Aber die meisten wollten unabhängig bleiben und die Inhalte frei gestalten“, so Bonvin.

Zur Filmarche sei er nicht gekommen, weil er die Selbstorganisation gesucht habe, sagt Caspar Schleicher, Student der Dokumentarfilmregie im letzten Jahr. „Aber jetzt bin ich total glücklich damit.“ Jeder gewinne durch das Engagement der anderen, was dazu führe, dass Dankbarkeit statt des sonst üblichen Konkurrenzdenkens das Klima präge. Filme von Studenten oder Absolventen werden regelmäßig auf Festivals gespielt. Wird ein Werk ausgezeichnet, wie die Dokumentation „Nach dem Brand“, die 2013 für den Grimme-Preis nominiert war, oder jüngst der Abschlussfilm „EHO“ von Dren Zherka, der beim Montreal World Film Festival einen „Silver Zenith“ als Erstlingswerk bekam und auf anderen Filmfesten nominiert wurde, „dann gibt es keinen Neid, nur Glückwünsche“, sagt Susanne Dzeik. Die heute freischaffende Dokumentarfilmerin führte für ihre Abschlussarbeit bei „Nach dem Brand“ die Kamera und engagiert sich noch immer für die Schule.

Organisiert ist die Filmarche als Verein, dem Studenten für 70 Euro monatlich beitreten. Im ersten Jahr werden sie von Paten aus älteren Jahrgängen begleitet, außerdem gibt es neben dem Seminartag für die Anfänger einen einführenden Grundkurs. Es gibt Workshops oder Drehs, für die auch Technik geliehen werden kann. Inklusive der Selbstverwaltung in thematischen „Komitees“ kommen die Studenten auf rund 20 Wochenstunden.

Zum Ende eines Studienjahr muss jeder seinen Jahresfilm einem Plenum vorführen, wo er beurteilt wird. In der Drehbuchklasse hat Marius Roth eine Idee für seinen Plot: Es soll um die Entführung einer Touristengruppe durch ihren Tourguide gehen. Martin Stretchky ist schon weiter.

Am Wochenende besuchte Marius Roth einen möglichen Drehort, ein Teil seines Teams steht bereits. Viel läuft intern über die Verteiler der Filmarche. Der eine hat Kontakte zur Wave Akademie für Digitale Medien in Gesundbrunnen, eine andere zu Schauspiel- oder Modeschulen. Auch Referenten für den Unterricht von außen dazuzuholen, ist erwünscht. Gestandene Branchenprofis wie der Regisseur Andreas Dresen sind regelmäßig Gast an der Filmarche.

Stärker als sonst in der Branche seien an der Filmarche Frauen vertreten, sagt Susanne Dzeik. Und: Wer dort gelernt hat, bleibt der Schule oft lange verbunden.

Zusätzlich zu 135 aktiv Studierenden zählt der Verein Filmarche e. V. derzeit 90 Alumni, nicht wenige mit Funktion an der Schule. Auch bei der Jobvermittlung funktioniere das Netzwerk, sagt Dzeik. Die fehlende staatliche Anerkennung sei dagegen in der Branche kein Nachteil, ist Caspar Schleicher überzeugt: „Am Ende zählen das Talent und die Filme, die man gemacht hat.“

Weitere Informationen über die Filmarche an der Lahnstraße 25 in Neukölln unter www.filmarche.de