Anschlag in Berlin

Mann von Terror-Opfer: "Nada könnte vielleicht noch leben"

Nach der mutmaßlichen Vertuschung im Fall Amri durch das Landeskriminalamt Berlin fordern Angehörige eine schnelle Aufklärung.

Der Gedenkort am Breitscheidplatz. Links ist die Tafel mit Fotos der Opfer angebracht. Dort ist auch Nada zu sehen

Der Gedenkort am Breitscheidplatz. Links ist die Tafel mit Fotos der Opfer angebracht. Dort ist auch Nada zu sehen

Foto: Reto Klar

Berlin.  Manchmal sei er einfach nur erschöpft, sagt Petr Čižmár. Der 39-Jährige hat bei dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz am 19. Dezember vergangenen Jahres seine Frau Nada verloren. Sohn David (5) seine Mutter, die bei ihrem Tod 34 Jahre alt war. „Man realisiert erst Wochen später, was da eigentlich passiert ist“, sagt er. So frage ihn sein Sohn am Telefon häufig, ob er noch lebe. Einfach so. Aus dem Nichts. „Das ist hart“, sagt Čižmár im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. „Zeit heilt zwar Wunden. Das kann aber sehr lange dauern.“

Seit den Enthüllungen des Sonderermittlers Bruno Jost, dass im Berliner LKA möglicherweise Akten gefälscht wurden und aus dem professionellen Drogendealer Amri nachträglich der Kleinkriminelle Amri wurde, ist klar: Der Anschlag hätte möglicherweise verhindert werden können, weil der Vorwurf des banden- und gewerbsmäßigen Handels mit Drogen ausgereicht hätte, um Amri in Untersuchungshaft zu nehmen. „Wenn das stimmt, könnte Nada vielleicht noch leben“, sagt Petr Čižmár. Er sagt das ruhig. Ohne Wut. Er klingt nur wieder sehr, sehr müde. „Ein Staat muss seine Bürger doch schützen. Und wenn der Staat versagt hat, sollten wir entschädigt werden“.

Angehörige könnten vom Staat Schadenersatz verlangen

Mit dieser Meinung steht der 39-Jährige nicht allein da. Auch andere Angehörige, mit denen die Berliner Morgenpost sprechen konnte, bereiten sich darauf vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen. Das ist aber nicht so einfach. Denn der Kläger ist in der Beweispflicht. Dem Staat müsste schuldhaftes Versagen nachgewiesen werden. Auch deshalb setzen die Opfer so viel Hoffnung in die Arbeit von Sonderermittler Jost.

Sieben der zwölf Todesopfer stammen aus Deutschland, die anderen kommen aus Israel, Italien, Tschechien, der Ukraine und Polen. Darüber hinaus wurden 67 Menschen unterschiedlicher Nationen verletzt, zum Teil schwer. Einzelne Opferanwälte gehen davon aus, dass am Ende bis zu 100 Millionen Euro an Entschädigung fließen könnten.

Am Abend des Anschlags sah sich die Familie ein letztes Mal

Bereits am vergangenen Wochenende hatte sich Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) mehrere Stunden mit Angehörigen der Opfer vom Breitscheidplatz getroffen. Auch Ex-SPD-Chef Kurt Beck, Beauftragter der Bundesregierung für die Opfer und Hinterbliebenen des Terroranschlags, steht mit den Angehörigen im Austausch. Mittwoch traf sich Beck auch mit Petr Čižmár in Hildesheim. „Ich habe Herrn Beck erzählt, wie mein Leben als alleinerziehender Vater jetzt aussieht“, sagt Čižmár. Der 39-Jährige ist promovierter Physiker und arbeitet in Hildesheim. Von seiner Frau lebte er getrennt. „Wir haben uns aber noch sehr gut verstanden“, sagt er.

Am Abend des Anschlages sah sich die Familie das letzte Mal. Sohn David nahm er mit nach Hildesheim. Nada traf sich am 19. Dezember mit Kollegen auf dem Breitscheidplatz. Weihnachten wollten sie zusammen feiern. Doch dann raste Anis Amri mit dem Lkw in den Weihnachtsmarkt. Nada starb.

Tagelang hoffte Petr Čižmár, seine Frau könnte noch leben

Noch in der Nacht versuchten Kolleginnen von Nada Petr Čižmár anzurufen. Er versuchte wiederum, Nada zu erreichen. Doch ihr Handy war aus. Am nächsten Morgen fuhr Čižmár nach Berlin. Er suchte auf Polizeiwachen, in Krankenhäusern und bei Vermisstenstellen nach seiner Frau. Überall wurde er abgewiesen. Irgendwann kamen Polizisten in die Berliner Wohnung, suchten nach DNA, Fingerabdrücken. Čižmár sollte ein Zahnschema seiner Frau besorgen. Zu diesem Zeitpunkt war den Behörden aber bereits bekannt, dass Nada am Tatort verstorben war. Drei Tage klammerte sich Čižmár noch an die Hoffnung, dass Nada überlebt haben könnte. Dass man Čižmár so lange warten ließ, lag an „IDKO“. Ein Identifizierungsverfahren des Bundeskriminalamtes, das etwa beim Germanwings-Absturz zum Einsatz kam. Ziel ist es, alle Zweifel bei den Identitäten der Opfer auszuschließen. Aber: Elf von zwölf Opfern wurden schon in der Nacht des Anschlags identifiziert – sie hatten ihre Ausweise bei sich. Drei Tage später, am Abend, erhielt Petr Čižmár einen Anruf von der tschechischen Botschaft. Der Botschafter wollte die Nachricht von Nadas Tod persönlich übermitteln.

Heute, fünf Monate nach dem Anschlag, beginnt für Petr Čižmár und Sohn David ein neuer Lebensabschnitt. Die beiden ziehen bald nach Dresden. Es gebe so vieles, was jetzt organisiert werden müsse. Der Umzug. Eine Wohnung. Ein Schulplatz für den Jungen. Die neue Arbeit. „Eigentlich wollte ich auf eine Vater-Kind-Kur fahren, aber das geht nicht während der Probezeit“, sagt Petr Čižmár.

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