Fahrradklima-Test

So unzufrieden sind Radfahrer in Berlin

Der ADFC hat fast 3000 Menschen zum Thema Fahrradfreundlichkeit in der Hauptstadt befragt. Das Ergebnis ist verheerend.

In Berlin fühlen sich Radfahrer nicht wohl

In Berlin fühlen sich Radfahrer nicht wohl

Foto: Soeren Stache / ZB

Der Anspruch ist hoch, doch die Realität eher niederschmetternd. Berlin soll eine moderne Radfahrer-Stadt werden, so der erklärte Wunsch der alten wie auch der neuen Regierungskoalition in der Hauptstadt. Doch bei dem am Freitag veröffentlichten Fahrradklima-Test des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) landete Berlin wieder am hinteren Ende. Unter den 39 deutschen Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern rangiert Berlin mit der Note 4,34 nur auf Platz 36. Gegenüber der Befragung von 2014 ist Berlin erneut um sechs Plätze zurückgefallen.

Damals bewerteten die Berliner die Fahrradfreundlichkeit ihrer Stadt noch mit der gleichfalls wenig rühmlichen Durchschnittsnote 4,07. Vorgegeben war die Schulnotenskala von Eins ("sehr gut") bis Sechs ("ungenügend").

In Berlin gibt es kein stimmiges Radkonzept

Bei der jüngsten, im Herbst 2016 erfolgten ADFC-Umfrage haben sich mehr als 120.000 Menschen in 539 deutschen Städten beteiligt. Beides sind Rekordwerte, die nach Ansicht des ADFC deutlich machen, dass das Radfahren im urbanen Leben weiter kräftig an Bedeutung gewinnt. Wie schon 2012 und 2014 erhielt Münster in Westfalen unter den Großstädten die beste Bewertung (Note 3,07), inzwischen dicht gefolgt von Karlsruhe und Freiburg im Breisgau (Baden Württemberg).

Beteiligt an der Befragung haben sich laut dem ADFC-Bundesvorsitzenden Ulrich Syberg längst nicht nur Radaktivisten. Im Gegenteil: Nur 18 Prozent derjenigen, die die 27 Fragen meist online beantwortetet haben, waren auch ADFC-Mitglieder, 94 Prozent der Befragten haben einen Führerschein und sind somit auch Autofahrer.

In Berlin haben sich 2938 Menschen an der Umfrage unter der Fragestellung "Hat Deine Stadt ein Herz fürs Rad" beteiligt. Als positiv wurden von ihnen das große Angebot an Leihfahrrädern und die gute Erreichbarkeit des Stadtzentrums mit dem Rad bewertet.

Zugeparkte Radwege, seltene Kontrollen

Besonders kritisiert wurde von den Umfrageteilnehmern, dass Radwege häufig durch Autofahrer zugeparkt werden (Note 5,5) und die seltenen Kontrollen von Polizei und Ordnungsämtern dazu. Ebenfalls ganz oben auf der Negativliste: die häufigen Fahrraddiebstähle (Note 5,3) und die oft zu schmalen Radwege (Note 5,1).

Polizei räumt Busspur frei: 71 Autos abgeschleppt

Für Burkhard Stork, Bundesgeschäftsführer des ADFC, kommen diese Ergebnisse alles andere als überraschend. "In der Berliner Politik geht vieles in die richtige Richtung, aber sie macht zu viele faule Kompromisse", sagte der Fahrrad-Lobbyist. So würden neue Radwege zumeist nur als Schutzstreifen auf der Fahrbahn angelegt. Die seien oft zu schmal und würden bei den Radfahrern ein Gefühl der Unsicherheit erzeugen. Nötig seien breitere und baulich abgetrennte Radstreifen an allen Hauptstraßen. Er verweist auf andere Millionenstädte. Paris etwa habe 2012 eine Schnellstraße am Seine-Ufer zunächst zeitweise, seit 2014 dauerhaft für Autos gesperrt und in eine Radstraße umgewandelt. "Das Interessante ist: Der Autoverkehr verlagert sich nicht, sondern löst sich auf, weil die Pariser auf andere Verkehrsmittel umsteigen."

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Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller erzählt, wann er gern Rad fährt - und wie er mit dem Autoverkehr umgehen will.
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Initiative Volksentscheid Fahrrad fühlt sich bestätigt

Das schlechte Abschneiden im ADFC-Test blieb von der Berliner Politik weitgehend unkommentiert. Lediglich die oppositionelle FDP äußerte sich. Es müsse endlich konsequent gegen Falschparker auf Radwegen vorgegangen werden, forderte der infrastrukturpolitische Sprecher, Henner Schmidt.

Die Initiative Volksentscheid Fahrrad sieht sich in ihrer Forderung nach einen Radverkehrsgesetz bestätigt. Wie berichtet, liegt das Gesetz im Entwurf vor. Es sieht vor, bis 2025 den Anteil des Radverkehrs an allen Wegen innerhalb der Umweltzone auf mindestens 30 Prozent und in der gesamten Stadt auf 20 Prozent zu erhöhen. Dazu sollen im Landesetat ab 2019 mindestens 51 Millionen Euro pro Jahr für Investitionen in den Radverkehr bereitstehen, das sind weniger als 15 Euro pro Einwohner. Damit liegt Berlin noch immer weit von den Empfehlungen des Bundes (18–19 Euro pro Einwohner) und des ADFC (30 Euro) entfernt.

Rad-Schläge: Was andere Städte machen

Sicherheit: Die Qualität der Radwege und das damit verbundene Sicherheitsgefühl ist für den ADFC eine der zentralen Fragen, um mehr Menschen vom Radfahren zu überzeugen. Bochholt (Platz 1 bei Städten bis 100.000 Einwohner) etwa legt Radwege baulich getrennt von den Straßen für den Autoverkehr an. In Berlin ist dies allerdings oft nur in den Außenbezirken möglich.

Radschnellwege: Die niedersächsische Universitätsstadt Göttingen (Platz 1 bei den Städten bis 200.00 Einwohnern) hat einen Radschnellweg zwischen Bahnhof und dem Nordgelände der Uni angelegt. "Ein voller Erfolg", sagt Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler. In Berlin wurde im Vorjahr eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, um geeignet Trassen zu finden.

Abstellplätze: Für Ordnung und Sicherheit ist es wichtig, dass es genug Möglichkeiten zum Abstellen der immer teureren Räder gibt. Radklima-Testsieger Münster hat bald 6000 Abstellplätze allein am Bahnhof. Berlin hat etwa 30.000 Plätze in der ganzen Stadt – meist einfache Bügel. Fahrrad-Parkhäuser wie in Potsdam oder Amsterdam: bislang Fehlanzeige.

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