Potsdam/Berlin

"45 Millionen Passagiere sind am BER erreichbar"

Der Flughafen-Aufsichtsratschef Rainer Bretschneider sieht den Weiterbau am Flughafen gesichert. Ein Interview

Rainer Bretschneider

Rainer Bretschneider

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Potsdam/Berlin.  In seinem Büro in der Brandenburger Staatskanzlei in Potsdam ist der BER gegenwärtig. Eine rote Baustellenweste hängt in der Ecke am Garderobenhaken, passend dazu an der Wand ein Kalender der Flughafengesellschaft FBB. Vor zwei Monaten hat Brandenburgs Flughafenkoordinator Rainer Bretscheider (SPD) nach dem Rückzug von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) den Vorsitz des Aufsichtsrats übernommen.

Herr Bretschneider, wann waren Sie zuletzt am BER?

Rainer Bretschneider: Ich war in Tegel und in Schönefeld und habe mir das Innenleben angeschaut. Die Anlagen sind in einem ziemlich schlechten Zustand. Kompliment an die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die den Betrieb aufrechterhalten. Am BER sieht man einen modernen, architektonisch guten Flughafen. Die Probleme selbst sieht man allerdings kaum. Es geht um die Steuerung der technischen Anlagen. Wir haben am BER bestimmte Gewerke, wo es in Deutschland vielleicht zehn Leute gibt, die das wirklich beurteilen können. Am Ende müssen Sie dem glauben, der sagt, es geht. Bei einem defekten Auto oder einem PC müssen Sie auch den Fachleuten glauben.

Ist der BER noch zu reparieren?

Ja. Jetzt geht es darum, die Abschlussarbeiten funktionssicher zu beenden.

Es gibt Hinweise, dass das Geld nur bis Mitte kommenden Jahres reicht. Ist das so?

Nein. Der Finanzrahmen für die Fertigstellung liegt bei 5,3 Milliarden Euro. Das ursprüngliche Planungsziel war, den BER bis Ende 2017 fertigzustellen. Dafür gab es Geld. Und eine zweite Summe ist für Ausbauten und Finanzierung bereitgestellt. Dieses Geld ist also vorhanden.

Wie kann es sein, dass das reicht, wenn jeder Monat Verzögerung allein zehn bis zwölf Millionen Euro kostet?

Indem man sparsam wirtschaftet. Außerdem erzielen Tegel und Schönefeld höhere Einnahmen als geplant. Zudem waren Puffer eingerechnet.

Das heißt, Geldprobleme bekommt der Flughafen dann, wenn es mit der Eröffnung erst 2019 wird?

Der BER ist bis 2020 ausfinanziert. Dann muss man das Geld, das ursprünglich für bestimmte Ausbaumaßnahmen gedacht war, anderweitig verwenden.

Und danach fehlt Geld für den Ausbau ...

Womöglich, oder man muss die qualitativen Ansprüche senken. Dann gibt es eben nur den Standard eines zusätzlichen Terminals wie in Tegel. Das ist zwar nicht luxuriös, aber funktional.

Sie schließen aus, dass Sie noch mal zur EU-Kommission müssen, um sich weitere Finanzhilfen genehmigen zu lassen?

Das sehe ich im Moment nicht.

Was macht ein Aufsichtsratsvorsitzender Bretschneider eigentlich anders als der Vorgänger Michael Müller, der Regierende Bürgermeister von Berlin?

Es ist müßig, über die Vergangenheit zu reden. Aber einem Aufsichtsratsvorsitzenden Bretschneider wird mit weniger Ehrfurcht begegnet als Müller oder den anderen Spitzenpolitikern wie Wowereit oder Platzeck. Das ist hilfreich für den offenen Austausch. Es geht jetzt auch nicht immer um die Glaubwürdigkeit des Vorsitzenden. Nicht jede kaputte Schraube ist ein Ausweis mangelnder Regierungsfähigkeit. Die neue Situation sorgt für mehr Sachorientierung. Das ist gut so. Das braucht das Projekt.

Eine politische Entscheidung war ja, keinen Tunnel vom Hauptterminal zu den geplanten Satelliten auf dem Vorfeld zu bauen. Sind diese Gebäude aktuell noch geplant?

Die Flughafengesellschaft denkt darüber nach. Dem damals entwickelten System lag ein relativ hoher Anteil von Umsteigepassagieren am BER zugrunde. Das heißt, die Leute kommen an, warten zwei Stunden in dem Satellitengebäude und fliegen wieder weiter. Damit hätten sie keine Gepäckabfertigung gebraucht und keine Security und wenig Platz. Aber es gibt in Berlin kaum Umsteiger. Jetzt sowieso nicht, aber auch der BER wird sie nicht haben, jedenfalls nicht so schnell. Für den BER sind im Moment die "Point-to-Point"-Passagiere interessant, also Leute, die alle in Berlin und Brandenburg ein- und aussteigen.

Das heißt, die Idee eines Drehkreuzes BER ist beerdigt?

Wir haben kaum Umsteiger. Und ein Drehkreuz können Sie nicht befehlen. Ein Drehkreuz lebt davon, dass eine Airline beschließt, eines aufzumachen. Es gibt funktionierende Drehkreuze in Frankfurt und München, wo die Lufthansa aktiv ist. Air Berlin wollte hier aktiv werden, aber sie wackeln. Ich drücke ihnen die Daumen. Welches Interesse soll die Lufthansa, die ja große Teile von Air Berlin übernehmen soll, an einem dritten Drehkreuz haben? Also müssen wir uns in Berlin auf Point-to-Point-Verkehr konzentrieren mit dem Ergebnis, dass viel mehr Platz gebraucht wird.

Nun steht ja in Berlin der Volksentscheid über die Offenhaltung von Tegel an. Ein wichtiges Argument der Befürworter ist, der BER sei zu klein. Was entgegnen Sie?

Es gibt definitive Entscheidungen der Gesellschafter, dass sie das nicht wollen. Da ist es für einen Aufsichtsratsvorsitzenden fast müßig, darüber nachzudenken. Aber wir sind tatsächlich schon jetzt am BER mit 33 Millionen pro Jahr bei Passagierzahlen, die vielleicht für 2020 oder 2022 prognostiziert worden waren. Das hat etwas mit dem Erfolg der Hauptstadtregion zu tun. Und mit einem massiven Konkurrenzkampf unter den Airlines. Ich sage nur Ryanair und Easyjet. All das zeigt, wie schwierig Prognosen sind.

Sie gehen also davon aus, dass das Wachstum nicht so stark weitergehen wird. Wenn Sie falsch liegen, laufen wir in ein Problem?

Der BER muss sich anstrengen. Dafür wird der Masterplan diskutiert. Aber 40 oder 45 Millionen Passagiere sind am BER erreichbar. Dazu braucht man weitere Abfertigungsgebäude. Wo die entstehen sollen, darüber reden wir. Die Flughafengesellschaft denkt darüber nach, wie man das möglichst effizient und preiswert macht. Es wird eng, aber es ist möglich. Es ist nicht notwendig, Tegel offen zu halten.

Aber warum soll Brandenburg dagegen sein, wenn die Hälfte des Fluglärms in Berlin bleibt ?

Weil wir an die Gesamtregion denken. Im Übrigen noch einmal: Die Frage ist müßig, solange die Mitgesellschafter bei ihrer Position bleiben.

Womöglich wird der Berliner Senat die Abstimmung über Tegel verlieren. Dann muss der Senat nach Potsdam gehen und darauf drängen, die Landesplanung zu ändern und Sie als Flughafengesellschafter zu überzeugen. Jetzt scheint es so, als sagte Brandenburg nicht absolut Nein.

Für den Doppelbetrieb müsste man einen vernünftigen Plan haben und viel Geld in die Hand nehmen. Vor allem: Mindestens 100.000 Berliner haben darauf gesetzt, dass der Lärm in Tegel ein Ende hat. Die Politik kommt in erhebliche Glaubwürdigkeitsprobleme, wenn sie jetzt ihre Haltung ändert.

Sie haben die Prozesse für die Planfeststellung des BER beim Bundesverwaltungsgericht durchgekämpft. Wäre es rechtlich zulässig, TXL offen zu halten?

Unter den Experten gibt es unterschiedliche Einschätzungen der Rechtslage. Es gibt auch unterschiedliche Strategien, etwa mit dem Ziel, Tegel nur für die Flugbereitschaft der Bundesregierung oder Geschäftsflieger offen zu halten. In den Ringkampf der Juristen will ich mich nicht hineinbegeben.

Wäre die Flughafengesellschaft in der Lage, zwei Flughäfen zu betreiben?

Es wäre ein erheblicher Aufwand, zumal Tegel wirklich sanierungsbedürftig ist.

Sie liefern jetzt aber keine Argumente, die dem Berliner Senat helfen könnten, die Menschen von der Notwendigkeit der Schließung zu überzeugen.

Ich halte das Konzept des Single-Airports für überzeugend. Es würde auch nicht leicht sein, ein "Ja" bei der Volksabstimmung in eine juristische Verbindlichkeit zu überführen. Überdies ist mit vielen Klagen zu rechnen. Solange diese laufen, mindestens fünf oder sechs Jahre, müssen wir mit dem BER handlungsfähig sein und den Bedarf auch alleine decken. Dazu gibt es keine Alternative, egal wie der Volksentscheid ausgeht.

Ihr Vertrag als Flughafenkoordinator in Brandenburg endet im Dezember 2017. Machen Sie danach weiter?

Meine Stelle ist bis Ende 2019 finanziert. Der Wunsch meiner Vorgesetzten ist, dass ich bis dahin weitermache.

Und Sie würden gerne den BER eröffnen.

Ja, klar. Ich arbeite seit 1993 in verschiedenen Positionen für dieses Projekt. Es ist mir ein großes Anliegen, das zu Ende zu bringen.

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