Bodendienstleister

Was bei Air Berlin in Tegel alles schiefläuft

Die Probleme bei der Abfertigung bleiben ungelöst. Delay Reports listen auf, was alles nicht klappt. Aeroground abgemahnt.

Ein Flugzeug von Air Berlin am Flughafen Tegel

Ein Flugzeug von Air Berlin am Flughafen Tegel

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin.  Die Verzögerungen bei der Abfertigung der Air-Berlin-Flieger am Flughafen Tegel bringen inzwischen den gesamten Betrieb am Airport aus dem Tritt. Grund sind die mangelhaften Leistungen des Dienstleisters Aeroground. Die Berliner Flughafengesellschaft reagierte jetzt und mahnte Aeroground ab: "Für die Flughafengesellschaft ist es inakzeptabel, dass mittlerweile auch Airlines, die nicht zu den Kunden von Aeroground gehören, durch Verspätungen in ihrem Betrieb beeinträchtigt werden, etwa weil Standplätze nicht in time frei gemacht werden", sagte Flughafensprecher Lars Wagner der Berliner Morgenpost.

Ziel war es, den Bodenservice zu verbessern

Air Berlin hatte dem Tochterunternehmen des Münchener Flughafens vor zwei Monaten die Bodendienste in Tegel übertragen, nachdem sich Aeroground im vergangenen Herbst in einer Ausschreibung unter anderem gegen den bisherigen Dienstleister Wisa­g durchgesetzt hatte. Ziel war es, den Bodenservice zu verbessern.

In der vergangenen Woche waren aber mehr als die Hälfte der Air-Berlin-Flüge von Tegel verspätet, wie interne Daten der Fluglinie ausweisen. Die Flughafengesellschaft bewertet die Leistung der Aeroground als "mangelhaft", so Wagner. Dieser Zustand dauere nun seit acht Wochen an. Seit Aufnahme seiner Tätigkeit hätten die Münchener es nicht geschafft, "signifikante Verbesserungen" zu erzielen. Weil auch alle Aufforderungen auf der Geschäftsführerebene "nicht ausreichend gefruchtet" hätten, hat die Flughafengesellschaft reagiert. "Wir haben Aeroground daraufhin abgemahnt", sagte der Flughafensprecher. Tatsächlich weisen die einschlägigen Statistiken die hohe Zahl von Verspätungen in TXL deutlich aus. Der Index des Beobachtungsportals "Flightstats" nennt das Niveau zeitweise "signifikant", die Gefahr für Verzögerungen im Ablauf wird als steigend eingeschätzt.

Was alles jeden Tag schiefläuft

Die Verantwortung ist enorm, denn das Chaos beim größten Kunden am Flughafen schädigt inzwischen den gesamten Betrieb in Tegel. Denn wo die Air-Berlin-Jets nicht rechtzeitig in die Luft kommen, müssen auch die Flugzeuge anderer Airlines warten. Interne Daten von Air Berlin, die der Morgenpost vorliegen, machen das ganze Debakel deutlich. Zwischen Montag und Freitag vergangener Woche waren insgesamt 405 Flüge ab Tegel verspätet. Die Verzögerungen summierten sich auf 15.871 Minuten. Das sind 265 Stunden oder auch elf volle Tage.

Der "Delay Report" legt in einigen Fällen auch offen, woran es gelegen hat, dass Flieger nicht rechtzeitig weggekommen sind. Dabei lassen sich viele Verspätungen nicht direkt mit dem Wirken des Bodenpersonals in Tegel erklären. Oft kommen die Jets schon verspätet an oder warten auf verspätete Passagiere oder Piloten. Aber oft liegt die Schuld auch bei den Bodenmitarbeitern. Einige Beispiele:

  • Montag - Pushback fehlt: So fehlte am Montag vergangener Woche, als Air-Berlin-Flug 6199 um 13 Uhr nach München starten wollte, das "Pushback", also das Fahrzeug, welches den Airbus 320 aus seiner Parkposition herausschleppt. 27 Minuten Verspätung.
  • Dienstag - Treppe fehlt: Am Dienstagmorgen stand dem Flug 6505 nach Köln nur eine Treppe zum Einsteigen zur Verfügung, das kostete in der Summe 22 Minuten.
  • Dienstag, Kratzer an Frachtluke: Der Flug nach Nürnberg am Dienstagnachmittag kam 44 Minuten später in die Luft, weil die Kofferverlader einen Kratzer an der Frachtluke hinterlassen hatten, was Fluglinien sehr ungern sehen.
  • Mittwoch - falsche Parkposition: Der Morgenflug am Mittwoch nach Köln verzögerte sich ebenfalls um eine Dreiviertelstunde, weil der Airbus an einer falschen Position geparkt worden war.
  • Mittwoch - Papiere fehlen: Beim Flug nach Budapest am Nachmittag dauerte es 56 Minuten länger als planmäßig, weil beim Boarding die nötigen Papiere fehlten.
  • MIttwoch - Gate blockiert: Als es Mittwochfrüh nach Köln gehen sollte, konnte der Flieger nicht am Gate festmachen, weil dieses noch von einem anderen Jet blockiert war. 53 Minuten Verspätung waren die Folge.
  • Mittwoch - Gepäck nicht da: Die Fluggäste ins portugiesische Faro mussten am Nachmittag 36 Minuten warten, weil das Gepäck zu spät angeliefert wurde.
  • Sonntag - Pushback fehlt: Am Sonntag fehlte beim Flug nach Zürich wieder das "Pushback", und die Kofferträger waren auch nicht rechtzeitig zur Stelle.

Die Liste und die Gründe für die Verspätung ziehen sich auch in die laufende Woche hinein, wie die aktuellen "Delay Reports" belegen. Die Fluggäste müssen die Pannen ausbaden. So seien allein am Sonntag an der "Lost & Found"-Stelle Anfragen nach mehr als 110 verlorenen Gepäckstücken eingegangen, hieß es.

Wie lange sich Air Berlin das Chaos weiter ansieht, ist unklar

Air Berlin leidet unter der Minderleistung des Dienstleisters, der seine Personalprobleme offensichtlich noch nicht lösen konnte. Nach den Worten eines Sprechers war Aeroground am Montag mit 30 Prozent weniger Mitarbeitern in Tegel im Einsatz als vereinbart. "Da gibt es absolutes Unverständnis bei uns", so der Sprecher. Zumal Verzögerungen an dem großen Air-Berlin-Drehkreuz Tegel das gesamte System der finanziell angeschlagenen Airline in Mitleidenschaft ziehen und die ihrer Partnerfluglinien ebenso.

Ob und wie lange sich die Air-Berlin-Spitze das Chaos weiter ansieht, ist unklar. Vertragsdetails über mögliche Strafzahlungen von Aeroground sind ebenso geheim wie mögliche Klauseln, die einen Ausstieg aus dem Vertrag ermöglichen. Ein Air-Berlin-Sprecher versicherte, das Management habe das Thema ganz oben auf der Agenda und entschuldige sich bei den Passagieren. "Unsere Geduld ist schon sehr strapaziert", sagte ein Air-Berlin-Sprecher.

Air Berlin kündigt weitere Maßnahmen an

Man habe versucht zu helfen, indem man geplante USA-Flüge verschoben und eigene Mitarbeiter zur Unterstützung geschickt habe. Air Berlin kündigte "weitere Maßnahmen" an, ohne dazu Genaueres preiszugeben. Aero­ground sieht hingegen bereits deutlich reduzierte Probleme, die "in Abstimmung mit der Fluggesellschaft" gelöst würden.

Wie weit das Problem geht, zeigt ein Beispiel vom Montag: Der Bundesanwalt, der den Berliner Abgeordneten über den Stand der Ermittlungen gegen den Breitscheidplatz-Attentäter Anis Amri Auskunft geben sollte, kam am Montagmorgen nicht im Abgeordnetenhaus an. Der Mann hatte einen Air-Berlin-Flug gebucht. Aber die Morgenmaschine aus Stuttgart wurde gestrichen.

Der Terrorankläger und seine verhinderten Zuhörer stehen mit ihrem Ärger über die Berliner Fluglinie nicht allein. In den vergangenen Wochen hat es sich zu einem Glücksspiel entwickelt, die einst so zuverlässigen Jets mit dem roten Heckruder zu buchen. Durchgreifende Besserung ist nicht in Sicht, zumal die Aeroground, die der Münchener Flughafengesellschaft gehört, zwischenzeitlich eine Verstärkung von 30 erfahrenen "Ground-Service-Leuten" wieder nach Bayern zurückbeordert hat, wie es von Air Berlin hieß. Stattdessen sollen ungelernte Kräfte den Job übernehmen und dafür sorgen, dass Air Berlin an seinem Heimatflughafen wieder ordentlich funktioniert.

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