Nach dem Referendum

Kritische Akademiker fliehen aus der Türkei nach Deutschland

Erdogan hat mehr als hunderttausend Beamte und Lehrer entlassen. Viele Akademiker mit Berufsverbot fliehen - auch nach Berlin.

Die türkische Wissenschaftlerin Asli Vatansever hat 2016 die Petition „Akademiker für den Frieden“ unterschrieben  – mit gravierenden Folgen. Inzwischen hat sie Zuflucht in Berlin gefunden

Die türkische Wissenschaftlerin Asli Vatansever hat 2016 die Petition „Akademiker für den Frieden“ unterschrieben – mit gravierenden Folgen. Inzwischen hat sie Zuflucht in Berlin gefunden

Foto: Anikka Bauer

Die Geschichte der Forscherin, an deren Ende ein Einreiseverbot in die Heimat, ein annullierter Pass, Berufsverbot in der Türkei und das Exil in Berlin stehen, diese Geschichte begann mit einer Rundmail. "Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein", las die Soziologieprofessorin Asli Vatansever dort. Das war im Januar 2016. Im Südosten der Türkei lieferten sich Sicherheitskräfte Häuserkämpfe mit PKK-Kämpfern, Menschenrechtsorganisationen sprachen von mehr als hundert toten Zivilisten.

Die Rundmail vom Januar war eine Petition, die unter dem Namen "Akademiker für den Frieden" bekannt wurde – neben Vatansever haben sie mehr als tausend Wissenschaftler an 90 Universitäten unterschrieben. Die Friedensakademiker forderten das Ende der Ausgangssperren, der "Vernichtungs- und Vertreibungspolitik" gegen die kurdische Minderheit, des "Massakers". Welche Folgen diese Wortwahl für die Wissenschaftler haben sollte, das begann Asli Vatansever erst nach und nach zu ahnen.

"Ich habe das lange nicht so ernst genommen. Ich habe ja nur eine Online-Petition unterschrieben. Dann beschimpfte uns Präsident Erdogan als "dunkle, ignorante Bande", als "Landesverräter". Es folgten Disziplinarverfahren, Entlassungen, Festnahmen. In Zeitungen wurden wir als PKK-Kollaborateure bezeichnet, ein bekannter Mafiaboss sagte öffentlich, er wolle in unserem Blut duschen. Ich habe noch gelacht, was für eine kranke Fantasie, dachte ich. Aber als dieser Mann das letzte Mal von einem Blutbad gesprochen hatte, explodierten kurz danach Bomben in Ankara. Auch ich hatte an meiner Uni bald ein Disziplinarverfahren am Hals. Dann noch eins, und noch eins. Am 29. April kam ein Anruf aus der Uni. Der Rektor erwarte mich. Seine Sekretärin übergab mir einen gelben Umschlag, A5. Ich war entlassen."

Säuberungswelle nach dem Putschversuch

Mehr als 8000 türkische Akademiker haben in den letzten Monaten ihren Job verloren, das haben Zählungen türkischer Journalisten ergeben. Hunderte Unterzeichner der Friedenspetition sind heute ohne Einkommen, dürfen das Land nicht verlassen. Universitäten wurden geschlossen. Das ist Teil jener Säuberungswelle, die nach dem Putschversuch im Juli 2016 ihre volle Wucht entwickelte, die neben Akademikern mehr als hunderttausend Beamte, Journalisten, Lehrer und Richter traf, und die bis heute andauert. Und dann das knappe "Ja" zur Verfassungsreform, zur Konzentration der Staatsmacht auf den Präsidenten: keine gute Nachricht für Kritiker.

Wer kann, flieht ins Ausland. Laut Scholars at Risk, einem internationalen Netzwerk, das sich um verfolgte Wissenschaftler kümmert, haben sich seit Januar 2016 550 türkische Wissenschaftler gemeldet. Damit liegt die Türkei inzwischen vor Syrien. "23 Hilferufe aus der Türkei waren es in den ganzen 15 Jahren zuvor", sagt Rose Anderson von Scholars at Risk. Viele fliehen nach Deutschland – wie Asli Vatansever.

"Seit Oktober bin ich Gastforscherin am Leibniz-Zentrum Moderner Orient. Ich untersuche jetzt unter anderem die Komplizenschaft der Universitäten mit dem türkischen Staat. Eigentlich sollte ich nur bis Februar bleiben. Ich bin mit ein paar Pullis und Winterstiefeln in Berlin gelandet. Dann wurde Dekret 668 erlassen – darin stand auch mein Name. Jetzt darf ich in der Türkei nicht mehr arbeiten, mein Pass ist ungültig, den Schengenraum kann ich nicht verlassen. Bei Einreise in die Türkei würde mein Pass beschlagnahmt. Für die Regierung bin ich jetzt nicht mehr nur PKK-Unterstützer, jetzt habe ich angeblich auch Verbindungen zur Gülen-Bewegung. Sie sagen, ich sei eine Terroristin. Ich nehme das als Kompliment, ich bin gerne Feindin dieses türkischen Staates. Die Petition bereue ich nicht, das war eine bewusste politische Entscheidung."

In Berlin-Nikolassee führt eine Birkenallee auf eine wuchtige Backsteinvilla zu: der Sitz des Zentrums Moderner Orient, eine Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft. 37 Akademiker untersuchen hier muslimische Gesellschaften in Zeiten der Globalisierung. Sechs bedrohte Wissenschaftler fanden hier Zuflucht. Aus Libyen, dem Iran, vier aus der Türkei. Durch ein schweres Holztor gelangt man in den Innenhof. Vatansever sitzt dort mit zwei türkischen Kollegen auf Plastikstühlen, sie trinken Kaffee, rauchen.

Das politische Erdbeben in der Türkei ist in Berlin spürbar

Die Historikerin Nazan Maksudyan, eine zierliche Frau mit kantigem Gesicht, erzählt vom 15. Juli in Istanbul, von der Nacht, in der das türkische Militär putschte. Sie war zu Hause, in ihrer Erdgeschosswohnung in Kadiköy, einem Viertel auf der asiatischen Seite des Bosporus. Die Kinder schlafen schon, als am Himmel Kampfjets dröhnen. Über Twitter erfährt Maksudyan von den Unruhen, schaltet den Fernseher an. Sie sieht Männer, denen das Militär Gewehre aushändigt. Sie rufen "Allahu Akbar". Zivilisten sterben auf der Bosporusbrücke, erschossen von Soldaten. Das kann der Beginn eines Bürgerkriegs sein, denkt Maksudyan. "In diesem Moment hatte ich keine Angst um meine Arbeit, ich hatte Angst um mein Leben und das meiner zwei Kinder," sagt die Historikerin. Am Morgen des 16. Juli setzt sie sich an ihren Laptop, googelt nach Stipendien in Deutschland.

An der Freien Universität Berlin ist das politische Erdbeben in der Türkei seit etwa einem Jahr spürbar. Stefan Rummel arbeitet im Internationalen Büro der FU. "Im letzten Jahr hatten wir noch zwei Bewerbungen gefährdeter Wissenschaftler aus der Türkei, jetzt sind es sechzehn", sagt Rummel. Aber Stipendien und Forschungsplätze sind rar. Drei verfolgte Akademiker kann Rummel in diesem Jahr nach Berlin holen. Eine vierte Wissenschaftlerin befindet sich noch in der Türkei, mit Ausreisesperre und wertlosem Pass. "Wir versuchen, sie da rauszuholen", sagt Rummel. Mit Blick auf die Verfassungsreform rechnet Stefan Rummel mit mehr Forschern auf der Flucht. Asli Vatansever, die Soziologin im Exil, kann den Repressionen auch etwas Positives abgewinnen.

"Wir Friedensaktivisten haben ein großes Netzwerk gebildet, helfen uns gegenseitig. In der Türkei sind Solidaritätsakademien entstanden, manche halten Vorlesungen auf der Straße. Auch das Referendum hat gezeigt: fast die Hälfte des Landes ist gegen die Errichtung einer Diktatur. Wir geben nicht auf."

Auch Nuriye Gülmen und Semih Özakca geben nicht auf. Die Akademikerin und der Lehrer protestieren in Ankara bald 200 Tage gegen ihre Entlassung und die Beamtensäuberungen – vor 64 Tagen traten sie in den Hungerstreik. Ärzte warnen vor bleibenden körperlichen Schäden. In Berlin solidarisieren sich an diesem Sonntag rund zehn türkische Akademiker mit ihren Kollegen – für einen Tag wollen auch sie am Brandenburger Tor symbolisch in den Hungerstreik treten. Europa soll nicht vergessen, dass die Repressionen anhalten.

Fragt man die Historikerin Nazan Maksudyan, wie es weitergeht, jetzt, wo in der Türkei die Gewaltenteilung aufgehoben werden soll, ein Präsidialregime eingerichtet wird, dann fällt ihr der französische Film "La Haine" ein. Er beginnt mit den Worten: "Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von einem Hochhaus fällt. Während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: Bis hierher lief es noch ganz gut ..."

Nach dem Putschversuch steigt der Druck

Für Maksudyan ist die Türkei dieser Mann. Der Aufprall steht noch bevor. Und der ist wichtiger als der Fall, zitiert Maksudyan den Film. Wissenschaftlerinnen wie Maksudyan und Vatansever waren für ihre Unis nicht erst seit den politischen Umbrüchen ungemütliche Angestellte. Die Soziologin Vatansever nennt sich selbst Marxistin, nachdem die Arbeitsbedingungen an ihrer Privatuni sich verschlechtert hatten, veröffentlichte sie eine Studie über die Prekarisierung in der Wissenschaft. Ein erstes Disziplinarverfahren folgte. Maksudyan erforscht den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich. "Das Thema war schon immer riskant", sagt sie. Nach dem Putschversuch stieg der Druck. In der Uni habe man ihr nahegelegt, das Thema ruhen zu lassen, sie bringe damit alle in Gefahr.

Maksudyan steht hinter dem Friedensappell an die Regierung, hat ihn aber nicht unterschrieben – aus Angst. Sie hat mit angesehen, wie um sie herum ein Professor nach dem anderen entlassen wurde. "Die besten Unis wurden leer gefegt", sagt Maksudyan. Gerüchte kamen auf, die Regierung könne WhatsApp-Nachrichten mitlesen. "Also haben wir alle die Chatverläufe gelöscht. Der Angst wucherte überall." Maksudyan wählte ihr Exil selbst. Eine Zukunft in der Türkei sieht sie für sich nicht. Nicht als Historikerin, nicht als Mutter. "Wir sind die Glücklichen", sagt Maksudyan – im Vergleich zu denen, die nicht rechtzeitig ausgereist sind. In der Ziegelvilla in Nikolassee schreibt sie an einer Arbeit über die Geschichten armenischer Kinder, die den Genozid überlebten. Ihr Stipendium läuft 2018 aus. Asli Vatansevers Forschung in Berlin ist bis Juli finanziert.

"Ich bin jetzt eine wissenschaftliche Nomadin. Im Moment bewerbe ich mich für weitere Stipendien. Auf absehbare Zeit bleibe ich im Ausland. Ob ich hoffe,irgendwann in die Türkei zurückzukehren? Ehrlich gesagt habe ich aufgehört, mir Vorstellungen über die Zukunft zu machen. Aber sagen Sie: Wird das Wetter in Berlin irgendwann besser?"

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