Mit Angst zur Arbeit

Berliner Jugendämter finden kaum noch Sozialpädagogen

Die Sozialpädagogen der Jugendämter sind überlastet und fürchten, Fehler zu machen. Von 175 Planstellen sind 125 noch nicht besetzt.

Foto: Anne Müller

Weiße Laken an den Bürofenstern, Brandbriefe verzweifelter Mitarbeiter, Alarmrufe von Schulen und freien Trägern – die Personalnot in den Regionalen Sozialen Diensten (RSD) der Berliner Jugendämter ist seit Jahren ein öffentliches Thema. Die Sozialarbeiter und Sozialpädagogen, die in den Bezirksämtern Kinder und Jugendliche vor Misshandlung und Vernachlässigung schützen, überforderten Familien helfen und Schulen oder Kitas in Konfliktfällen unterstützen sollen, sind völlig überlastet.

Schon 2013 hatten sich Senat und Bezirksämter darauf verständigt, in den RSD der zwölf Bezirke 175 zusätzliche Stellen einzurichten. Die Zahl der Fälle, die ein Mitarbeiter im Jugendamt betreuen und verwalten muss, sollte so von damals durchschnittlich 90 auf 60 reduziert werden. Doch von den neuen Planstellen sind noch immer 125 nicht besetzt. Das ergibt sich aus der aktuellen Antwort der Senatsjugendverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage der Abgeordneten Marianne Burkert-Eulitz (Grüne).

Nach den Sparprogrammen zu wenig ausgebildet

Demnach waren am 1. März von den zusammen 851 Vollzeitstellen in den zwölf Berliner RSD nur 725 tatsächlich besetzt. Die meisten Mitarbeiter sucht Tempelhof-Schöneberg (16,8 Vollzeitstellen), gefolgt von Spandau (14,6) und Charlottenburg-Wilmersdorf (12,6). Das Pro­blem der Bezirksverwaltungen: In Berlin fehlen Fachkräfte im sozialpädagogischen Bereich. Politiker diskutieren deshalb auch für die Jugendämter über Quereinsteigermodelle, wie es sie in den Kitas und Schulen bereits gibt. In der jüngsten Tarifrunde war zudem für Sozialarbeiter eine zusätzliche Erfahrungsstufe und eine Gehaltszulage zwischen 50 und 100 Euro monatlich vereinbart worden. Der Tarifabschluss 2017 lasse "aus Sicht des Senates eine Verbesserung der Bewerberlage erwarten", so Jugendstaatssekretärin Sigrid Klebba (SPD) in ihrer Antwort auf die Anfrage.

Nach den rigorosen Personaleinsparungen des Landes Berlin seit den 90er-Jahren hätten die Hochschulen die auf den öffentlichen Dienst zugeschnittenen Lehrpläne gar nicht mehr angeboten, erklärt Familienpolitikerin Burkert-Eulitz den personellen Notstand in den Jugendämtern. "Die Professoren haben ihren Studenten nicht mehr empfohlen, dort zu arbeiten", sagt sie. Nach ersten Gesprächen des Senates mit den Hochschulen werde sich das hoffentlich ändern. Doch die schwierigen Arbeitsbedingungen machten eine Tätigkeit in den Sozialen Diensten nicht attraktiv. Die Mitarbeiter dort seien zeitweilig dermaßen überlastet, dass sie nur noch Notfälle im Kinderschutz bearbeiten könnten. Aus ihrer Praxis als Anwältin berichtet die Abgeordnete, dass "Jugendamtsmitarbeiter in Kindschaftssachen gar nicht mehr zu den Anhörungen bei Gericht erscheinen".

Zuletzt im Februar haben RSD-Mitarbeiter in Tempelhof-Schöneberg einen Hilferuf verfasst, in dem sie vor den Folgen der dramatischen Unterbesetzung warnen. "Die noch verbliebenen Kolleginnen kommen morgens mit Angst zur Arbeit und gehen abends mit der Angst nach Hause, in der Arbeit im Kinderschutz etwas übersehen zu haben", heißt es dort. "Wenn nicht umgehend personell und finanziell gegengesteuert wird, ist es nicht auszuschließen, dass in unserem Bezirk erst noch ein Kind sterben muss, damit endlich reagiert wird." Mit ähnlichen Worten hatte zuvor der Personalrat in Steglitz-Zehlendorf in einem offenen Brief vor dramatischen Folgen der Überlastung im RSD gewarnt.

Offene Briefe zu unhaltbaren Bedingungen in den Jugendämtern kursieren auch von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, von Schulleitern, die sich bei sozial auffälligen Kindern über fehlende Unterstützung der Behörde beklagen, und von Trägern der freien Jugendhilfe in Berlin. "Die Abstände solcher Brandbriefe werden kürzer", sagt An­dreas Schulz, Fachreferent Jugendhilfe beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, in dem 700 freie Träger organisiert sind. Die meisten staatlichen "Hilfen zur Erziehung", für die das Land Berlin jährlich rund 500 Millionen Euro ausgibt, werden von freien Trägern umgesetzt. Von der Haushaltshilfe in überforderten Familien bis zur Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in betreuten Wohnungen oder Heimen.

"Für diese Hilfeplanung im gemeinsamen Gespräch ist bei den Jugendämtern die Zeit nicht mehr da", sagt Schulz. Zuständigkeiten seien ungeklärt, Mitarbeiter in der Behörde nicht erreichbar, Hilfepläne würden verschleppt.

Kurzfristige Lösungen sieht auch Schulz nicht. "Wir sind jetzt in einer absoluten Drucksituation." Die Sozialarbeiter besser zu bezahlen, hält er für einen Ansatz. Aber auch die Verwaltungsabläufe und langwierigen Einstellungsverfahren im öffentlichen Dienst zu vereinfachen, könne die Lage entspannen. Bis zu acht Monate dauert nach Angaben der Senatsjugendverwaltung das Auswahlverfahren bis zur Besetzung einer Stelle. In einigen Bezirken ist nicht einmal die Ausschreibung für alle freien Stellen beim RSD angelaufen.

Krankenstand im Sozialen Dienst bis zu 50 Prozent

Um an Fachkräfte zu kommen, hat das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg Kontakt zu Hochschulen im Bundesgebiet aufgenommen. "Bei diesen Belastungen stehen die Fachkräfte in Tempelhof-Schöneberg nicht Schlange", sagt Jugendstadtrat Oliver Schworck (SPD), dem unter den Bezirken die meisten Mitarbeiter fehlen. Ein Sachbearbeiter müsse dort 100 bis 120 Fälle betreuen. Die überlasteten Beschäftigten fallen oft aus: Der Krankenstand liege zwischen 30 und 50 Prozent, so Schworck.

Die Jugendverwaltung hat deshalb einen vierstufigen Notfallplan entwickelt: Je nach Krankenstand werden Aufgaben mit hoher Priorität festgesetzt, weniger dringliche Arbeiten von der Agenda gestrichen. "Seit Dezember arbeiten wir permanent auf Notfallstufe vier", sagt Schworck.

Mehr zum Thema:

Jedes sechste Kind in Berlin spricht schlecht

1952 junge Flüchtlinge leben allein in Berlin

In Berlin kann man sein Kind rund um die Uhr betreuen lassen

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.