Kater Holzig-Nachfolger

Der Holzmarkt soll das Wohnzimmer der Kreativen werden

Am 1. Mai eröffnet der Holzmarkt – ein Dorf mitten in der Stadt. Die Macher laden alle ein, mit ihnen zu feiern.

Knapp sieben Jahre nach Schließung der Bar25 eröffnet am 1. Mai der Holzmarkt. Das alternative Stadtquartier entsteht seit 2013 auf dem ehemaligen Gelände der Bar25. Der legendäre Techno-Club wurde 2010 nach einer fünftägigen Party geschlossen.

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Wer sehen will, wie es ist, wenn ein Traum in Erfüllung geht, der sollte am 1. Mai zur Eröffnung des Holzmarktes gehen. „Wir haben jahrelang hart daraufhin gearbeitet“, sagt Lotta und verspricht eine tolle Feier. Die strohblonde Frau mit der warmen, rauen Stimme ist die gute Seele des Projektes. Sie hat das Konzept entscheidend mitgeprägt. Lotta ist auch Türsteherin im Kater Blau – jenem Technoclub, der Teil des Holzmarktes und seit Juli 2014 geöffnet ist.

Bleiglasfenster sind ausdem Palast der Republik

Der Holzmarkt hat keine Tür. Jeder, der Lust hat, sich auf dem Gelände umzuschauen, dort essen, feiern, einkaufen zu gehen oder einfach am Spreeufer zu sitzen, kann das vom 1. Mai an tun. Das Gelände soll dann fast immer offen sein. Die Macher, die sich gern als Familie bezeichnen, haben das so gewollt. Trotzdem ist es auch eine Herausforderung für sie, ihre Ideale nun öffentlich zu machen. Lotta versucht, nicht so oft darüber nachzudenken. „Wir haben viel Herzblut und Energie in das Projekt gesteckt und als Familie zusammengehalten, wenn es Schwierigkeiten gab“, sagt sie. Nun würden sie also die Türen aufmachen und alle hineinlassen. Das sei gewöhnungsbedürftig. „Aber auch super schön, wenn die Leute es hier lieben.“

Wenige Tage, bevor es losgehen soll, sitzen Lotta und Juval, einer der Geschäftsführer des Holzmarkt-Projektes, im Restaurant „Katerschmaus“, das schon seit ein paar Wochen geöffnet hat und eine feine Küche bietet. Der Bau liegt tiefer als der übrige Holzmarkt, direkt an der Spree.

Sein Dach soll demnächst begrünt werden und später als Teil eines Spreewanderwegs begehbar sein. Die schönen bunten Bleiglasfenster des Restaurants stammen noch aus dem Palast der Republik. Typisch für die Holzmarkt-Leute ist auch der Eingang zur Toilette des Restaurants, der sich hinter den Schubladen eines alten hanseatischen Kaufmannsladens verbirgt. Den haben sie zufällig gefunden und dann samt den restlichen Warenbeständen aus den 70er-Jahren aufgekauft und originalgetreu restauriert.

Lotta und Juval erzählen das alles bei einem Tee im Restaurant, während draußen noch überall gearbeitet wird. Uferterrassen werden fertiggestellt, letzte Bodensteine verlegt, kleine Bagger fahren umher, an künftigen Geschäftsräumen wird noch gezimmert. „Wir schaffen das bis zum 1. Mai“, sagt Juval. Ganz fertig aber werden sie wohl nie. Das ist schließlich Teil ihrer Philosophie. Zu sehen ist trotzdem schon viel. Gebaut wird mit recyceltem Material: schwarzem Schiefer aus dem Harz, rotem Wellblech, alten Scheunensteinen. Wände sind mit Street Art bemalt, der Marktplatz mit alten Ziegelsteinen gepflastert. Viele Häuser erinnern in ihrer seltsamen Form an die windschiefen Hütten aus dem Kater Holzig, dem Club, den das Team um Lotta und Juval vier Jahre lang auf der anderen Spreeseite hatten. Dort war alles recht provisorisch. Diese Art zu bauen haben die Holzmarkt-Leute hinter sich gelassen. Was jetzt entsteht, soll bleiben.

Von der Bar25 über den Kater Holzig zum Holzmarkt

Die Geschichte des Holzmarktes fing allerdings nicht erst mit dem Kater Holzig an, sondern mit der Bar25, jener legendären Party-Location, die 2004 plötzlich da war und zwar genau dort, wo sich heute der Holzmarkt, der Club und das Restaurant befinden. Es ist, als hätte die Mannschaft, zu der fast von Anfang an auch Lotta und Juval gehörten, sich nie wegbewegt von diesem Ort. Dabei waren sie zwischenzeitlich auf der anderen Seite der Spree mit ihrem Kater Holzig, dem direkten Nachfolger der Bar. Und auch im Kopf sind sie einen weiten Weg gegangen. „Wir arbeiten seit 2008 an der Umsetzung des Holzmarkts“, sagt Lotta. Sie haben eine Broschüre gemacht, eine Genossenschaft gegründet und immer mehr Leute von ihrem Projekt überzeugt. „Auch fachlich haben wir uns weiterentwickelt.“

Die Bar25, das war eine große Spielwiese für junge Erwachsene, dort haben sie gefeiert – sich weggebeamt aus dem Alltag, weg vom Druck und der Verantwortung für das tägliche Leben. Die Bar ist einfach so entstanden, weil es diesen großen ungenutzten Platz an der Spree gab. Weil dort junge Menschen Musikboxen aufgestellt und aus alten Brettern eine Bar gezimmert haben. „Das war nicht schwer damals, als WG-Zimmer noch 100 Euro kosteten und man sich wenig Gedanken um seine Existenz machen musste“, sagt Lotta.

Heute kosten WG-Zimmer sechsmal so viel, und für die jungen Leute geht es schnell um ihre Existenz. Man muss nur auf die Mieten schauen. Bezahlbaren Wohnraum für Kreative gibt es kaum noch in der Stadt und Spielwiesen wie die, auf der einst die Bar25 stand, schon gar nicht mehr. Aber es gibt diese Leute, die sich die Stadt nicht gänzlich wegnehmen lassen wollen, die nicht zu den Spekulanten und Großverdienern gehören, deren Mantra Kreativität, Zusammenhalt und Nachhaltigkeit ist, die Visionen haben und den Mut, sie umzusetzen, Leute wie die vom Holzmarkt. Dort werden zwar keine Sozialwohnungen gebaut, aber mit ihrem Projekt haben sie verhindert, dass dort nur Büroflächen entstehen, wie ursprünglich geplant.

Mit dem Grundstück darf nicht spekuliert werden

Als die Bar25 im Herbst schließen musste, bot ihnen der Besitzer die Ruine genau gegenüber an. Der Kater Holzig war geboren. „Uns wurde klar, dass wir weitermachen wollen, aber nicht radikal mit Besetzung und so, wenn auch so anders wie möglich“, sagt Lotta. Doch auch der Kater Holzig musste dichtmachen, auf dem Gelände war der Bau von Eigentumswohnungen vorgesehen. Als dann das Areal der ehemaligen Bar25 zum Verkauf stand, war das die Chance für die Kater-Familie. Doch sie hatten kein Geld. Und sie wurden auch nicht als ernsthafte Bieter anerkannt.

Am Ende griff ihnen eine Schweizer Stiftung, die Pensionskasse Stiftung Abendrot, unter die Arme und bot den Höchstpreis für das Areal, für das sie nun Erbpacht zahlen. In den Verhandlungen mit der Stiftung wurde außerdem vereinbart, dass mit dem Grundstück nicht spekuliert werden kann. Das war im Sommer 2013. Seitdem arbeiten sie an ihrer Vision.

Zuerst öffnete der Technoclub, dann die Pampa, eine kleine Freifläche an der Spree. „Dort haben wir geguckt wie es läuft, wenn wir für alle aufmachen, die Lust haben, uns zu besuchen, hier zu sitzen, zu trinken, in die Sterne zu gucken oder mit den Kindern zu spielen“, sagt Juval. Bisher sei es gut gegangen. Das Gleiche hoffe man nun vom Holzmarkt. Den nennen sie einen Platz zum Arbeiten für die große Holzmarkt-Familie, aber auch für Künstler aus aller Welt. „Wir basteln hier an einem Modell“, sagt Lotta. Der Holzmarkt, das sei eben nicht nur ein Undergroundclub, sondern ein Wohnzimmer für alle, die anders leben wollen in der Stadt.

In Sarahs Patisserie-Werkstatt gibt es leckeren Kuchen

Entstanden ist ein vollkommen neues Stadtquartier, ein Dorf mit Kita, Ateliers, Werkstätten, Einkaufsläden, einem Café, einem Restaurant und einem öffentlichen Park, mit Studios, einem Theater samt Probebühne und Büros. Auch die Patisserie-Werkstatt von Sarah Klausen gehört dazu. Von drinnen schaut man hinaus auf die Spree. Von draußen hinein in einen nüchternen Raum, der bestimmt wird von breiten Arbeitsflächen, einer gewaltigen Lampe, die aus ausrangierten Küchengeräten besteht und weißen Ziegelsteinwänden.

Sarahs Werkstatt ist exemplarisch für das, was am Spreeufer bisher passiert ist, ihre Geschichte beispielhaft für die Entwicklung der Holzmarkt-Familie. Sarah hat bislang in der Küche des „Katerschmaus“ gearbeitet und im vergangenen Jahr ihren Meister gemacht. In ihrer Werkstatt will sie nun ihre Kuchen und Desserts herstellen, die es in der Kaffeerösterei des Holzmarktes geben soll und im Restaurant schon probiert werden können. Auch für private Feiern können Leute bei ihr bestellen. „Ich hab’ einen guten Businessplan“, sagt sie. Das klingt nicht nach feiern, sondern nach harter Arbeit. Mit Spaßfaktor allerdings, denn Sarah liebt, was sie tut.

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